Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

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Der mutige Posten

Nacht auch der Feind uns viel zu schaffen,
Der auf der Lauer steht,

Mir haben unsere guten Waffen —

Laßt uns getrost Zigarren paffen
Des Morgens früh und Abends spät!

Der Franzmann möcht' sich an mich schleichen

Und mit dem Schießgewehr

Mich machen gern zu einer Leichen —

Ich tu mir meinen Schnauzbart streichen
Und denk: Du Luder, komm nur her!

Du Schneiderseelchen, das sich brüstet
Mit seiner armen Kraft,

Du findest immer mich gerüstet —

Komm nur, komm nur, wenn's dich gelüstet,
Heran au meinen Rolbenschast!

Ich werde dich schon moros lehren,
verdammter Schlingel du,

Und dich von deinem Wahn bekehren —

Dem teuren Vaterland zu Ehren
Stopf ich dir schnell das Mundloch zu!

von Scliaurotli (Frankfurt a/M.)

bas silbrig-dunstige Gewebe aufsteigenden Ne
bels vom Bellewaarder See.

Noch einmal Kant er des Nachts zurück.
Sein geller Schrei stieß durch die Ruhe des
sternbesäten Himmels unb nächtlich schweigen-
der Front, Sieghafter Abschiedsruf. — Früh
kreisclite das emsig fischende Möwcnpaar der
Lust des unbestrittenen Strandraubes in die
Stille der Morgenerschöpfung nach den Schrek-
ken der Nacht.

Grüß' uns die deutschen Berge, stolzer,
lieber Vertrauter! Neue Kraft 'ward uns
durch dich!

Hans Scbwenkelcl

(im Felde)

Jsokde Meißhand

Ob du auch sorgtest Tag und Nacht
Und ob dein Blick voll Güte war,
Was wog es gen die schwere Pracht
Bon jener andern blondem Haar!

Und häng dich wie 'neu alten Lappen
Hoch in die frische Luft,

Nach der du nimmermehr kannst schnappen —
Und brenne dir das deutsche Wappen
Jus Sitzfleisch ein, du welscher Schuft!

Macht auch der Feitid uns viel zu schaffen,

Der auf der Lauer steht,

wir haben unsere guten Waffen —

Laßt uns getrost Zigarren paffen
Des Morgens früh und Abends spät!

Hans Harbeck (im Felde)

Der Seeadler

Dort, wo die breite Kunststraße in der Pracht
ihrer allen Pappeln den scharfen Knick nach Westen
macht; wo schon die zerschossenen Türme Pperns
blinken, liegt rechter Hand in sanfter Talmulde der
See. Früher hat nian ihn auch zur Winterszeit
kaum sehen, seine Erdfläche nur durch das dichte
Gehege niächtigcr Bäume, Stimmt bei Stamm,
ahnen können. Zur Sommerszeit aber breitete
sich das wogende grüne Laubnteer des wunder-
vollen Parks davor.

Jetzt rast der Krieg durch den Park. Kein
Stamm der edlen Hölzer, beit er nicht geköpft
hätte. So licht ist der dichte Bestand geworden,
daß jetzt der See durch das kahle Gehölz schaut
wie ein nackter Körper durch zerfetztes Gewand.
Falsch liegt die Septentbersonne über seinem
blanken Spiegel mit dem zerfranzten Theatertand
der schützenden Parkkulissen. Und ein ragender,
qualengeschwärzter Giebel streckt hilflos feine Reste
in diesen flandrischen Herbsthimmel.

Das ist Schloß Hooge mit Park und See.
Deni See von Bellewaarde. Der belgische Baron
de Binek konnte stolz auf dieses Feudalbesitztum
vor den Toren Pperns sein. Nun teilen sich
Ratte, Fltis, Fych und deutscher Soldat in
die Reste. Und ein rastloses, gefräßiges Silber-
Möwenpaar.

Da ist ein neuer Anteilhaber erschienen. Wenn
er im lichten, wolkenlosen Äther seine stolzen,
ruhigen Kreise zieht, sieht er von ferne fast aus
wie einer der Flieger, die hier des Tags und
Nachts nicht mehr Ruhe geben. Gegen die Sonne
schinunert sein Bug silbern wie die Taube des
gelb-weißen englischen Fliegers, die am Nachmittag
von Ppern her auftaucht und das Feuer schwerer
Echiffsgeschütze auf deutsche Gräben und unsicht-
bare Batterien lenkt. Wendet der fremde Fittich-
träger aber, dann steht sein Gefieder nachlschwarz
gegen die Fülle von Licht.

Ein Steinadler kreist über dem See von
Bellewaarde.

Steinadler, stolzer, einsamer, was trieb dich
her in diese Gefilde des Todes und lobender

Grausamkeit. Der du die hehren Regionen des
Schweigens deine Heimat nennst, schrankenloser
Herrscher der Klüfte und Lüfte, fleuch von diesen
Stätten des Grauens und einer Natur, die ver-
zerrt im lachenden Sonnenlicht dräut!

Sieh', wie das flüchtende Möwenpaar krei-
schend in kleinem Neide dir den Platz räumt.
Aber kommst du, Seltener, nur um feisten Fraßes
willen? —

Flieger kreisten mit ihm zu gleicher Zeit.
Tausend neugierige Augen aus deutschen Grüben
folgten seinem stolzbeschwingten Fluge über Park
und See. Lüsterne Augen maßen aus den Sappen,
wo der Engländer feine Posten nahe an die deutsche
Front geschoben hat, die Schußhöhe zu dem edlen
Wild. Seeadler, irrer, ziehe von hinnen! Schon
umstreicht dich gierig die erste britische Kugel.
Sieh' und auch aus den Lüften faßt der kalte,
unweidmännische Wildschütz nach dem Maschinen-
gewehr seines Flugzeugs, dich herabzuholen aus
deiner Höhe. — —

Der Seeadler kreist und kreist über Park und
See. Kein Schuß noch traf ihn. Es ist, als wenn
er, Sendbote unbekannter Macht, nicht fort könne
und dürfe von dieser Stätte, ohne seinen Auftrag
erfüllt zu haben. Als warte er auf eine nur
ihm verständliche Bestätigung seiner Sendung
von unten her. Sein schriller, kühner Schrei
erfüllt die Lüfte, wenn die Schrapnelle sich ver-
lobt haben, der Minen gläserner Sprengton ver-
klungen ist.

Immer bleibt er über den deutschen Gräben,
vorn am Freund und dahinter, wo der Reserve-
stellungen braune Erdlinien laufen.

Da verstehen sie ihn und seine symbolische
Sendung: Siehe, der schwarz-weiße Aar, der sieg-
reich über Deutschlands Söhnen streicht, stolzestes
Wappenbild des kühnen freien Deutschland, das
ehrloser Jäger Tücke nicht scheut und geruhig
stolze Bahnen zieht.

Hei, da geht es durch die deutschen Linien
mit Blitzesschnelle. Einer sagt's dem anderen
mit stolzer Genugtuung: Kamerad! Sieh' doch!
Schwarz-weißer Preußcnaar, Gruß von König
und Vaterland. Herrliches Symbol!

Einer, ein junger Kriegsfreiwilliger, schwenkt
blitzenden Auges die Mütze. Freunde, bringt ihm
einen Gegengruß, den er versteht. Wir zählen
drei, dann:

Hurra! Hurra! Hurra! braust es aus deutschen
Gräben empor zum abendlich zartrosa verdäm-
mernden Firmament. Und wie sie von drüben
mit höhnischem Gewehrfeuer und dem geschäfts-
mäßig trockenen Tacktack ihrer Maschinengewehre
dem stolzesten deutschen Siegesruf antworten, stößt
droben der Adler einen letzten schrillen Ruf aus
und streicht langsam ab über die kahlen Wipfel in

Du warst die ewig Zweite nur,

Du warst bloß Bild und warst Vergleich.
Und warst am Weg die blasse Spur
Nach dem versunknen Königreich,

Du Liebende von Anbeginn.

Die des Bertriebnen wartend stand,
Beladene und Trösterin,

Isolde mit der wejßen Hand!

Paula von preradoviö

JBtc iBiicirtcrttt

Bon H. Steiniget

Uber die Frage, was Wahrheit sei, haben
sich schon unzählige Leute, und nicht gerade die
schlechtesten, die Köpfe zerbrochen. Ich bin der
Überzeugung, daß es viele verschiedene Wahr-
heiten gibt. Nun, darüber läßt sich streiten. Daß
es aber zum mindesten zwei gibt: die Wahrheit
des Herzens und die der Worte, scheint mir sicher
und unbezweifelbar. Freilich, welche von ihnen
die wertvollere und „wahrere" ist, muß Jeder für
sich allein entscheiden. Ich für meinen Teil-

Da war ein kleines Mädel, — Tüpfelchen
hieß ich sie, weil sie meine Manuskripte aufs ge-
naueste abschrieb und niemals auch nur ein I-
Pünktchen übersah. Nun, ich bin ein alter Manu,
und wenn es dämmerte und die Arbeit getan war.
fing Tüpfelchen zu erzählen an. Sie sah mich
dabei nicht an, vergaß wohl nach ein paar Sätzen,
daß ich anwesend war, sprach zu sich selbst mit
ihrer feinen, leisen, verträumten Kinderstimme.

Immer von „ihm". Er war Leutnant, wohnte
im selben Hause wie Tüpfelchen. Im Border-
hause. und sie im Rückgebäude unter dem Dache.
So konnten sie sich täglich sehen. Tüpfelchen
machte kein Hehl daraus, daß sie ihn liebte. Und
diese Liebe — Potz Blitz! — man wurde warm
dabei nur allein vom Zuhören.

Tüpfelchen war ursprünglich reich oder wenig-
stens wohlhabend gewesen. Als aber der Leutnant
in Schulden geriet, da hatte sie ihr ganzes Ver-
mögen für ihn geopfert. Deshalb konnten sie auch
nicht heiraten, denn nun hatten beide nichts mehr.
Aber das niachte nichts,- lieben konnte man auch
ohne verheiratet zu sein. Tüpfelchen liebte „ihn"
mehr als ihr Leben. Sie hatte es bewiesen. Em-
mal auf einer Kahnfahrt war ein Sturm gekom-
men, und das Schifflein war umgeschlagen, — und
der Leutnant konnte doch nicht schwimmen! Er
war furchtbar tapfer, versteht sich, aber schwimmen
konnte er nicht. Tüpfelchen jedoch konnte es, fie
hatte es auf dem Gute ihrer Eltern schon als Kind

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Hans Schwenfeld: Der Seeadler
Heinrich Steinitzer: Die Lügnerin
Lina v. Schauroth: Vignette
Hans Harbeck: Der mutige Posten
Paula v. Preradovic: Isolde Weißhand
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