Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

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dem Dämmern stiegen, sie glichen versteinerten
Gestalten, glichen Menschen, die er einst geliebt,
und aus ihrer Milte ragte als ein Kirchturm,
der Gedanke an seine Mutter.

Einem lieblichen Tale zerschnitt er den Frieden,

— zog einen langen, zischenden, staubigen Strich.

Er sah Vögel auf den Zweigen—er hörte sie nicht—

die Maschine toste und es heulte die Luft, aber er
wußte, daß sie sangen, und das stimmte ihn froh.

Ein Ruck, ein Stoß des Motors —

Er maß einen Augenblick sachlich Distanz und
Gefahr: selbst wenn keinerlei Zwischenfall eintrat,
war es fast unmöglich, in der vorgeschriebenen
knappen Zeit das ersehnte Ziel zu erreichen.

Da rannte ein hoher kahler Baum an ihm
vorbei, der reckte einen gegabelten Ast steil zum
Himmel auf wie die Hand beim Schwur.

Und spontan erstand vor seinem Erinnern das
Bild seines Generals. Er hörte ihn wieder mit
vibrierender Stimme sagen: „Alles hängt jetzt
davon ab ... . das Leben Tausender .... alle
unsere Verbindungen sind zerstört.... nur wenn
die Botschaft rechtzeitig eintrifft, können wir Jenen
Rettung bringen. Sic sind unser bester verwegenster
Fahrer ... glauben Sie — Sie können es leisten?"

Darauf er: „Zu Befehl, Exzellenz."

Und in diesem Augenblicke war sein Wort
ein Schwur.

Er wußte, nun nahte seine Stunde, der er in,
Eigentlichsten seines Wesens stets entgegenlebte.

Was bisher nur Spiel und Sport, nur Traum
und Phantasie — sein Abenteuerertrieb ins Un-
geheuerliche — nun nahte ihm Erfüllung. Run
handelte er sein Wollen und Denken.

Endlich war er ein Fesselloser, der jede Grenze
zerriß, der jede Hemnmng überwand — ein Be-
freiter von der Selbstverständlichkeit, ein Befreiter
von der unbewußteir Bindung des Alltäglichen.

Das war das Schicksal, das sich stark begab

— das war in Wirklichkeit umgesetzte Phantasie

— das war der Augenblick, in den, man hin-
gerissen an das Sein, vertausendfachtes Leben führt.

Plötzlich sausten Kugeln aus dem Ungefähr und
von dem Sitze neben ihm flammte krachend Ant-
wort zurück.

Er spannte alle seine Kräfte, spannte alle
Kräfte des Motors aufs Äußerste an. Es mußte,
mußte gelingen! Starr wie ein Monument stand
vor seinem Geiste sein General, ein Avancierter
zum Symbol der Pflicht, der mahnend nach tausend
bedrängten Leben wies.

Das Auto bebte keuchend in seinen Fugen ...
durch das ratternde Getöse und den pfeifenden
Aufschrei der Luft hörte er das prasselnde Geräusch
feindlicher Kugeln, die gleich Hagel in die zuckende
Maschine einschlugen.

Die Waffe seines Begleiters aber war ver-
stummt.

Einen flüchtigen Moment spähte der Adjutant
zur Seite ... Blick in Blick mit zwei brechenden
Augen . ..

... Bor ihm die graue Linie des Wegs — um
ihn die sausenden Kugeln — neben ihm der ster-
bende Unteroffizier, der nun schwankend sich schein-
bar nach ihm verneigte. ...

Während dieser schwankenden Verneigung,
drängte sich ein längst vergessener kleiner befrack-
ter Herr in seinem Gehirn hervor, der ihm einst
als blutjungem Fähnrich die Frangaise eingeübt
hatte. — >En avant!« — sagte lächelnd das Herr-
lein und hüpfte tänzelnd in Lackschuhen und ver-
neigte sich tief —

. . . Jetzt war es, als klopfte ein Unsichtbares
ihm hart auf die Schulter — das war wohl ein
Schuß. — Und sein Nebenmann bog sich weit
zurück — drehte sich um sich selbst in einem kunst-
vollen Saltomortale. Fiel weg.

Er war allein.

Dies alles war das Begeben eines flüchtigen
Momentes. Er konstatierte das Begeben, doch es
ergriff ihn nicht.

Ja sn avant! voran, voran! Das Auto peitschte
Frankreichs Erde.

Seine Hände waren mit eisernem Griff in das
Steuer gekrallt... sie verwuchsen mit dem Metall.
Und die Maschine, die unter ihm bebte, war von
seinem Willen beherrscht und beseelt und sie waren
beide eins und sein eigener Herzschlag bebte in
dem Motor.

Das laute Krachen um ihn her war verstummt.

Zm Chaos vorüberflüchtender Dinge erfaßten
seine Sinne das verwitterte Standbild eines
Christus am Kreuz, fast visionär nur erschaut,
doch nie zuvor von ihm so stark und so bewußt
verstanden.

Er war dem Opfer schon ganz nahe. Die
Kreuzigung verlor für ihn jede Qual. Denn er
war in diesem Augenblick jenseits vom Ich, war
die Menschheit selbst, Beherrscher ihrer Kultur und
Spiegel ihrer Begriffe. Er wußte nun, warum der
Tod seines Kameraden ihn nicht erschüttern konnte.
Er ahnte, daß das Leben, wo es sich steigernd ins
Unermeßliche, ins Grenzenlose taucht, es auch
keine Grenzen mehr kennt, es keine Höhen und
Tiefen mehr gibt und alle Gegensätze sich ver-
söhnen.

Er erkannte den Tod, der nicht Endziel des
Lebens, den Tod, der letzte Lebenssteigerung ist
und der sich so aus seiner starren Formel erlöst.

An einer scharfen Kurve grüßte ihn die auf-
steigende Sonne, die in den Wipfeln violetter
Bäume hing — und sie wuchs ihm verheißend
näher, ein leuchtend Tor, das ins Land des Ab-
soluten führt —

Und die Strahlen zuckten und flimmerten und
brachen sich funkelnd an dem verstaubten Glase
der Autobrille und die Ferne nahte ihm in so
gleißendem Golde, als niüffe er vor ihrer end-
losen Lichtfülle erblinden.

Da geschah ihm Schicksal.

Ein Draht, der über die Straße gespannt war,
enthauptete ihn.

Den Bruchteil einer Sekunde schwebte sein
Kopf in der Luft — er wußte nicht, zu welchem
Teile seines Leibes sich bekennen — er sah sich
selbst, er sah das Auto als wehenden Staubfleck
in die Ferne flüchten.

Dann rollte sein Kopf in den Graben wie
ein Ding.

Das ereignete sich nur nebenher, als hätte er
jetzt keine Zeit für seinen Tod.

Er saß so aufrecht wie zuvor und hielt mit
eisernem Griffe das Steuer fest: wohl erstarrte
sein Herz, doch der Herzschlag des Motors ar-
beitete noch und pulsierte wild.

Auf der Straße nach Warneton

L. Heffner (Bayer. Train-Abt.

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Ludwig Heffner: Auf der Straße nach Warneton
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