Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

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Den deutschen Junten

Jetzt wenn ich war wie dazumal
Ein Bub so von zehn Jahren,

Da ich dem Nachbar Kirschen stahl.
Barfuß ins Heu gefahren,

Als ich die Hosen mir zerriß
Und prügelt' meine Grete —

Da müßt' ich aber ganz gewiß,

Ihr Buben, was ich täte!

Da griff ich in die Hoien rein:
Raus' Münzen, Marken, Klicker —
Wer „fuggert" bar? Ich geb' noch drein
Den blauen Nasenzwicker,

Den „Lederstrumpf", den „Winnetu"
Für bare 100 Pfennig!

Mein'thalb den „Cäsar" noch dazu —
's ist eigentlich zu wenig.

Dann pfiff ich auf das gold'ne Fell
Mitsamt den Argonauten,

Auf Robinson, Wild Heergebell
Und Räuberburgenbauten;

Was schiert' mich Sindbads Segeltuch,
Der „Wunderlampe" Gaben?:

Das Mueckebuch, das Mueckebuch
„Ayesha" *) muh ich haben! —

Das ist für euch der rechte Held,
Vom Wogenbraus umfungen,

Der kühn durchfuhr die halbe Welt
Mit seinen blauen Jungen.

Der für das Reich am Steuer stand
Und focht mit blankem Schwerte —
Er wandelt nicht im Fabelland,

Er lebt auf deutscher Erde!

Der muß euch frischen Knaben all
Ins Herz wie Flammen dringen,

Solang noch Heldenliederschall
Und deutsche Schwerter klingen.

Ein Hurra ihm, das braust und gellt,

Als bräch die Welt in Stücke:

Es leb' unser Apesha-Held,

Es lebe Hellmuth Muecke!

Fritz UUmer, Leutnant

SFlitvirjiu.il

Bon Kurt Kiicbler

Der kleine Kreuzer stampfte durch die Dünung,
die schwer und dumpf tönend über das Meer
rollte. Klirrend wie brechendes Glas zersprangen
die hohen Wellen vorm Bug, wuschen schaumig
über das Vordeck oder strichen rauschend die
stählernen Flanken entlang. Wenn eine breit
herankonimende Woge das Schiff auf seinen
Rücken hob, troffen schimmernde Wasserfälle und
wech wehende Tropfenschleier vom Wellenbrecher.

Der Sturm hatte seit Stunden ausgetobt, aber
noch immer hob und senkte sein grollender Atem
die Täler und Hügel der See. Der kleine Kreuzer
hatte schwere Arbeit.

Feuerschiff im Nebel

R. Fiedler (Bootsmannsmaat)

Sprich: Aischa.

Im Ausguck auf dem Vormast saß der Matrose
Jakob Trllndel.

Jakob Trllndel war ein schmucker Gesell, blond
und blauäugig, geschickt unb flink bei der Arbeit,
ein immer fröhlicher Kamerad, und in stille» Stun-
den ein phantastischer Träumer, der in alle Dinge
des Himmels und der Erde sein eigenes, warm
klopfendes Leben hineintrug. Das graue Schiff
mit seinen eisernen Muskeln, mit den flamnienden
und pochenden Herzkammern und der stählernen
Haut war ihn, wie ein lebendiges und beseeltes
Wesen, das in stolzer Mächtigkeit und wunderbar
geschloffener Form seine Glieder königlich reckte.
Das rollende Meer mit seinen tanzenden Bergen
und feinen Blumen aus weißem Gischt war ihm
wie eine Mutter, die dem geliebten Jungen im
Schlaf und im Wachen geheimnisvoll tönende
Lieder vorsingt... die kamen dunkel und bebend
wie aus den Urtiefen der Welt. In seinen Ar-
beitspausen horchte Jakob Trllndel mit ange-
haltenem Atem auf den geheimen Inhalt dieser
dumpfen Lieder .... sie bildeten sich nicht zu
Worten, die. Sprache der Menschen ist viel zu
arm.... aber alle Sehnsucht und Lust seines
jungen Lebens kam aus den Gesängen des Meeres,
beinahe wie aus dem Gesang der Orgel in der
Kirche seines Heiniatdorfes.

Dieser Jakob Trllndel saß im Ausguck des
Vormastes, das junge Gesicht blau und rot vom
steifen Wind, spähte aufmerksam in die Ferne
und suchte mit wachen Augen den Horizont nach
feindlichen Schiffen und dunklen Rauchspuren
ab. Oft schwankten die hohen Wogen über die
Horizontlinie hinweg und stiegen hoch in den
Himmel hinein, sodaß sie alle Aussicht Wegnahmen.
Oft, wenn die Wellen dicht hintereinander her rollten,
saß Jakob Trllndel wie auf einer wild gewordenen
Schaukel, die ihn bald tief dem Meer entgegen
trug, bald schwindelhoch zum Himmel hinaufhob.
Dann hielt er sich mit beiden Händen am Rand
des eisernen Korbes fest, fuhr mit lachendem Ge-
sicht in die Tiefe und zur Höhe, war stolz und

fröhlich wie ein König auf hohem Thron
und vergaß nicht, die Augen über die See
laufen zu lassen, die sich vor ihn, dehnte
wie ein endloser, von einem gigantischen
Pflug aufgewühlter dunkelgrauer Acker.

Die Dämmerung kam und füllte Him-
mel und Meer mit ihren Farben.

Tief im Westen, nach der Backbord-
seile, sah Jakob Trllndel den Horizont wie
einen breiten, flammenden Feuerherd. Da
brannte es schwefelgelb und zinnoberrot und
in höheren Schichten, weit in den Himmel
hineinschwingend, kupferbraun und ve lchen-
blau. Blaßgrllne Streifen waren seltsam
hineingemischt. Eine letzte schwere Wolke,
die noch von, Sturm übrig war und lang-
sam abzog, schimmerte wie ein Staulmebel
von Amethyst. Alle Farben gossen ihr Leuch-
ten auf das Meer und vom Horizont bis
zum grauen Kreuzer war eine bunt-schil-
lernde Straße.

„Der liebe Gott ist der wunderbarste
Maler und sein Farbentopf ist unerschöpf-
lich," dachte Jakob Trllndel, „aber von
Steuerbord kommt einer mit einem schwar-
zen Tuch und wischt ihm ohne jeglichen
Respekt alle Farben weg!"

Und Jakob Trllndel schaute nach Osten,
wo die dunkle Nacht still aus dem Was-
ser stieg, immer höher, wie eine schwarze
Wand ... sie hob sich diohend aus der
Tiefe und warf ihre Schatten weil über
Meer und Himmel, bis der Feuerherd in
sich zusammensank und untertauchte. Eine
Weile blieb noch ein blaßviolettes Band
zwischen Himmel und Wasser und darüber
lag die Wolke, wie die drohend geballte
Faust eines Riesen.

Auch auf dem Kreuzer wurde es Nacht.
Man fuhr ohne Toplichter und ohne Posi-
tionslaternen. Nur von der Brücke, von
einigen Berkehrsluken und Türmen her
schimmerten abgebleiidete Lichter matt durch
die Dunkelheit. Winzige gelbe Pünktchen blitzten
hier und da auf, das waren die Zigarren und
Zigaretten der Kriegswachen. Die Formen aller
Dinge wurden ungewiß und wesenlos, und men»
Jakob Trllndel sich über den Rand des Aus-
gucks beugte lind nach unten lugte, dann unter-
schied er weder Mannschaften noch Aufbauten,
er sah nichts als formlose, dunkle Massen, die
sich in der Finsternis aufzulösen schienen. Auch Ge-
räusche kamen nicht zu ihm hinauf, das Brausen
der See war lauter als alles.

Unermüdlich spähte der junge Matrose dem
Schiff vorauf.

Er sah einen Stern, einen großen weißen Stern,
wie eine wundervolle silberne Blume in den dunkel-
blnuen Himmel gestickt. Immer wieder mußte er
diese» Stern ansehen, er konnte sich nicht gegen
ihn wehren. Da waren andere Sterne, einzeln
oder in Gruppen, die flackerten unruhig, wie wenn
ein Wind über ein Heer von Kerzenflainmcn weht.
Dieser eine Stern aber schien so still und schön
und sein Silber hatte einen so feierlichen Glanz,
daß in Jakob Tründels Seele eine ganz seltsame
Andacht und Ehrfurcht erwachte.

„Wie das silberne Antlitz Gottes", dachte er
mit aller Innigkeit.

Er kam nicht niehr los von diesem Stern lind
der ruhigen Klarheit seines Lichts, das mit dem
Schwanken des Schiffs feierlich auf und nieder
stieg und das dunkle Meer mit silbernen Schup-
pen bedeckte.

Die Gedanken wogten über den Matrosen hin.

„Ist das eine Erde wie die unsere?" fragte
er leise.

Ach, diese silbern schimmernde Erde da oben!
Sie gleitet durch das Weltall in eherner Ruhe
uiid nach ehernen Gesetzen, sie ist voll Licht und
leuchtet in edler Reinheit. Gibt es Menschen auf
deinen silbernen Wiesen? Menschen, die sich in
schrecklichem Haß aufeinanderstürzen und sich zer-
fleischen, daß das rote Leben aus allen Adern
springt? Gibt es da oben Meere, auf denen
Kurt Küchler: Im Ausguck
Fritz Ullmer: Den deutschen Jungen
Richard Fiedler: Feuerschiff im Nebel
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