Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

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Das Grab Georg Pfeils in Comines Ad. Höfer (Leutnant im Felde)

In memoriam

Es war am 14. Dezem-
ber, damals, wie der Geg-
ner auf der ganzen Front
angriff. Ich werde den Tag
mein Leben lang nicht ver-
gessen.

Um sechs Uhr gingen
Offiz. - Stellv. B., mein
Unteroffizier, Fernsprecher
Pfeil (,,Iugend"-Zeichner),

A. und ich nach der Be-
obachtung. A. ging nach
2, um dort ein Kabel zu
liolen, da von Punkt X ab
die Leitung nach 1 verlegt
werden sollte. Ich hatte den
Lautsprecher und ging mit
den Übrigen nach I. Kaum
waren wir in 1 angelangt,
als ein fürchterliches Artille-
rie-Feuer begann. Ich lief
d inn wieder zurück nach P.

(X), um A. zu helfen. Er
kam gerade aus dem Walde
heraus. Wir konnten nicht
mehr weiter, da buchstäblich
alle 5 m eine Granate kre-
pierte, und hockten uns des-
halb an die Böschung des
Straßengrabens am Hinte-
re» Waldrnnde und war-
teten ab.

Nicht einmal hier ließ
Freund A. feine dum-
men Witze, fein: „Servus,

Christi, auf Wiederseh'n
im Massengrab!" — das
war noch das geringere
Kaliber. Aber cs war nur
Galgenhumor, denn im
Grunde genommen, war es
uns wirklich etwas anders
zu Mute.

Als das Feuer nicht
nahließ begannen wir doch
die Leitung zu legen. Wir
krochen im Graben bis
X, schloffen dort das Ka-
bel an, ich nahm es auf
den Rücken und daun ging es im Laufschritt
nach I. Aber da erwartete uns etwas Schönes!
Es war nur ein Trümmerhaufen und da-
zwischen die bleichen Gesichter der anderen Drei
zu sehen.

Zuerst halfen wir dem Offiz.-Stellv. B. und
dem Unteroffizier heraus, die dann schleunigst nach
der Straße zurückliefen, während A. und ich unse-
rem armen Pfeil halfen, der vier Granatsplitter
im Arni und einen im Oberschenkel hatte. Wir
trugen ihn auf der Straße zurück zu den ande-
ren, und im Straßengraben verbanden wir ihn
notdürftig. Wir nirißten damr bis Dunkelwer-
den warten, da die Schießerei ungeschwächt fort-
dauerte.

Der arme Pfeil bekam dann noch Blutver-
giftung dazu, war aber schon ziemlich gerettet, als
noch Rippenfellentzündung dazu kam, und nun
muß er doch sterben.

B. en Artois, 12. Februar 1915.

(Aus einem Feldpostbrief des Kriegsfreiwilligen
Ehr. Schn., der in der gleichen Batterie wie unser
Mitarbeiter Georg Pfeil, diente).

Kriegergrab

^Vie warst du öd, als ich dich

winters sah.

Nun aber ist der Frühlind da.

Nun aber blüht der Sommerstrauss
Und streckt die vollen Arme aus.

Und Kaiserkron und Seidenzahn
Und Bünzerstrauch und Thymian
Und selbst die stolze Rose spricht:
Vergiss mich nicht!

O wer dich je vergessen könnt.

Wo alle Welt nach Liebe brennt!
Dir, Toter, fiel das schönste Los,

Du ruhst in deines Volkes Schoss.

OSKAR WÖHRLE,
Kanonier

Der erste Tote

Bon Egid v Filck
Es konnte keinen erbit-
tenereu Gegner des Krieges
geben als mich.

Iü> sah in ihm den Feind
der Kultur, der jede pcrsön-
kche Freihel der Allmacht
brutaler Massen zum Opfer
bringt; den Zerstörer geisti-
ger Werte, den Antichristen,
das böse Prinzip.

Was hatte auch iri) mit
dem Krieg zu tun, ich, der
junge Architekt, dessen Be-
ruf es war, zu bauen und
zu schaffe» — ich, auf dessen
militärische Dieustleisluug
das Vaterland vor zwölf
Jahren bei der allgemei-
nen Assentierung verzichtet
hatte!

Ängstlich floh ich die Ge-
sellschaft von Offizieren, aus
Furcht, mein hitziges Tem-
perameni könnte mich ein-
mal zu unbedachten Worten
hinreiße». Und zum Schluß
machte ich es wie der Vogel
Strauß: ich leugnete einfach
den Kiieg, philosophierte
ihn hinweg, warf ihn mit
überlegener Handbewegung
zum historischen Kram ver-
gangener Jahrhunderte.

Und eines Tages erhielt
das Gespenst, so oft an die
Wand gemalt, mit eineui
Riale die Farben von Blut
und Feuer. Der Krieg küm-
merte sich den Teufel um
seine Gegner und ihre Phi-
losophie. Er packte mich mit
Hunderltausenden meines
Alters beim Schopf und
schleppte uns zur Muste-
rung. Ich ballte die Faust..
im Sack. Aber der Krieg
steckte mich als Baumeister
und Architekten in ein klei-
nes Spitak Das sollte zu einem Riesengebäude
ausgestaltet werden, hochmodern und mit allem
gerüstet, was die Wissenschaft je ersann, um den
Verwundeten ihr Los zu erleichtern, sie mit künst-
lichen Gliedern auszustatten und zu heilen, was
irgendwie heilbar war. So wollte es der Krieg,
der große Zerstörer, der Feind alles Mitleids
Da saß ich nun wie im tiefsten Frieden bei
meinen Zeichnern in der Baukanzlei, zirkelte und
entwarf Operativnsräume, Krankensäle, Dach-
gärten, Lesezimmer und weiß Gott was »och alles.

Roch nie im Leben hatte ich so aus dem Vollen
gearbeitet. Was kann ein junger unbekannter
Architekt für seine Unsterblichkeit tun? Ex-Iibris
zeichnen, Tapeten entwerfen oder einmal ein Haus
für irgend einen Spießer bauen, der daun darüber
schimpft? Und hier schuf ich mit a > einem großen,
segensreichen Werk Das hatte der böse Krieg
für mich getan, für seinen Feind und W.dersacher.

Aber damit bei allem Ernst der Humor nicht
fehle, steckte er mich, der jede Offiziersgesellschaft
in, weilen Bogen umgangen, selbst in die Uniform,
gab mir einen Säbel, über den ich anfänglich oft
genug stolperte, funkelnde Silberknöpfe rurd einen
Kragen mit Rosette, die sich später in einen rich-

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Egid Fileck von Wittinghausen: Der erste Tote
Chr. Schn.: In memoriam
Adolf Höfer: Das Grab Georg Pfeils in Comines
Oskar Wöhrle: Kriegergrab
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