Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

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Möven im Sturm

Rieh. Fiedler (Bootsmannsmaat)

Rapitänkeutnant Herflug

Wird Euch das Hcrz oft schwer und müd,
Ermatten Eurer Seele Schwingen
In dieser Zeit, von Haß durchglüht,
Durchtobt von furchtbar schwerem Ringen —
Dann blickt hinaus auf Meer und Land,

Wo nie geahnte Kampfe wettern,

Und jubelt, was uns nun erstand
An kühnen Recken und an Rettern!

Vom Feldherrn, den die Welt bestaunt,

Zum schlichten Mann im grauen Kleide,

Der, immer treu und wohl gelaunt.

Ausharrt in Stürmen und im Leide —

So Viele sind des Lorbeers wert.

So Viele, als i» hartem Müsse»

Die Heimat schützen mit dem Schwert —
Die Hände mögt Ihr Jedem küssen!

Da leuchten Namen durch die Nacht,

Die noch Äonen glänzen werden,

Und Wunder wurden uns vollbracht,

D'ran Keiner je geglaubt auf Erden!

Aus Märchen wurde Wirklichkeit:

Von Schiffen, die unsichtbar liefen
Durchs Meer viel tausend Meilen weit,

Weit unterm Tag, in grünen Tiefen . . .

Schaut Einen nur: den kühnen Mann,

Der furchtlos durch des Weltmeers Wellen
Vdm deutsche» Strand den Pfad gewann
Zum Felsenport der Dardanellen;

Der, tausendfach vom Feind bedroht.

Weitab von helfenden Genossen,

Bestand im winzig-kleinen Boot
Den Kampf mit stählernen Kolossen!

Dem schau' ins Antlitz, wer da zagt —
Dann wird sein Herz sich frisch und mutig

Gedulden, bis der Morgen tagt,

Nach all dem Dunkel, schwül und blutig!
Dann wird er, still und ungebeugt,

Den starken Trost sich selber sagen:

Ein Volk, das solche Männer zeugt,

Wird nicht vom Uebermut erschlagen!

Tritz von Ostfni

(Mann kann sich irren

Mann kann sich irren. Wenn auch selten.
Muß dieses doch für jeden gelten,

So auch für mich. Doch noch viel mehr
Für Müller. Immer sagte er:

(Ich Hab' es nur bei mir gedacht)

„Was Majestät da wieder macht!"

So war es schon bei Helgoland.

„Es ist doch eine Affenschand,"

Rief er, „den halbkaputten Stein
Tauscht man um dieses Kleinod ein!

Die Briten," sagt ich stets, „sind schlau!

Das wissen sie auch ganz genau.

Der Stein ist hin in ein paar Jahr.

Die aber haben Sansibar!"

„Ja, halten Sie davon so viel?"

Fragt ich. — „Was?" schrie er, „Viel?

Sehn Sie, das ganze Afrika,

— Ich kannte einen, der war da —

Das könnt mir gern gestohlen sein,

War' Sansibar nur wieder mein!"

Dann mochten auch (dies galt von beiden)
Wir lang die Flotte garnicht leiden.

Ich kenn' das Meer recht gut vom Lesen.
Auch Müller ist mal dort gewesen.

„Nein!" sprach er oft, „nicht hundert Pferde,
Die brachten mich auf solche» Kahn!

Ich gehe lieber auf der Erde
Und fahre lieber mit der Bahn.

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Und jetzt verbaut man unser» Schweiß
— Denn daher kommen doch die Stenern,

Die uns das Dasein so verteuern —

In solchen Kram. Und niemand weiß.

Was man mit all den Dingern soll.

Ganz Kiel liegt ja schon davon voll.

Bald nimmt das Volk die Sache krumm!"

Ich sagte damals nur bloß: „Hum."

Doch als ich neulich bei ihm stand,

Sprach ich: „Na, Müller, Helgoland??

Und unsre Flotte . . . ? Auch nicht schlecht . . . ?
Wer hatte denn nun damals recht?

Sie hätten uns schön reingerissen!

Wer sollte uns nun Hamburg retten?

Wenn wir nur noch in ehr Schiffe hätten!"

»Ja," sprach er, „wer könnt das denn wissen?!"

A.-Z.

Der Wachmann

Bon Hermann Horn (München)

Der Leichtmatrose, der schon vor der Abreise
für das Bollschiff „Frigga" verpflichtet war, da-
mit einer das Schiff instand halte, während es
im Hamburger Hafen Stückgut für Westindien
lud, zog sich gerade seine Landgehjacke an, als
der Koch auch fertig zum Ausgang in den Mnnn-
fchnftsraum guckte.

„Du kannst nicht gehen, der „Erste" will selber
an Land."

„Aber er hat mir doch für heute abend Ur-
laub versprochen, weil mein Onkel mit meiner
Cousine btird) Hamburg kommt,"

„Da geh Du man selber achteraus,"

Und bald darauf kam auch der Leichtmatrose
zornig und mit langem Gesicht vom Steuermann
aus der Kajüte.

Es täte ihm leid, er müsse selber plötzlich an
Land, der Koch habe auch Urlaub, eitter müsse
Fritz Frh. v. Ostini: Kapitänleutnant Hersing
Hermann Horn: Der Wachmann
A.-Z.: Man kann sich irren
Richard Fiedler: Möven im Sturm
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