Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

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Nen'k wcddcrkomm

ÖJcn’k wedderkomm, wil ik kcen Ridder war’n,
Reen groten lzerrn,

Reen Rörgermcefter, keen Roopmansbaas
Mit 6o!d un Stern,

Wen'k wedderkomm, wil ik een lütten Hof,
Len beek un Seid,

Zn de Zmmenheid in'n Siinnfchien buud
?öör mien egen tReld.

Wen'k wedderkomm, wil ik een fmukke?ruu
Un Sööns wil ik fööm,

Cüil’k Herr in I)uus un heiwind warn,

Zn mien' Richterdrööm

Wen'k wedderkomm, wil'k man ik fülben sten
Ni lööt ni fuur;

Up't Land wa'k Tta, free, woddelltark
Ni kr as een Ruur,

lfans ft. Bluitck

Nachruf

Zhr reiten Männer! Ragende gestalten,

Zhr geisteshelden voller Schöpferkraft,

Wie oft aus grauen Alltags Zwangsgewalten
habt Zhr die träge Menge aufgerailt,

Zn deutscher Arbeit kraftvoll festzuhalten,

Was Zhr uns gabt in stolzer Juhrerfchaft,

Zm Schlachtentode Scharen von Luch sanken,
Wer führt uns nun im Reiche der Kiedanken?

hoch strebtet Zhr vom ?rohn der Tagespflichten,
Vom Zwang der Obmacht erdennied'rer Qual
Zn reinem Menschentum uns aufzurichten,
höhnt der gemeine wohl auch manches IRal,
Was Zhr an heil'ger Runft, verträumtem Richten,
An geift'gen ßütcrn wirktet ohne Zafjl.

Zern dem verworrenen gefchrei der Menge
Lrhobt Zhr höher Luch nur aus der Enge,

Dod) wehe, wenn den kalten Staatsperücken,
Ren stumpfen Scharen des Philistertums,

Zhr drohtet starrem Zwange zu entrücken,
Was ewig schien im glanze alten Ruhms,

Mit jedem Mittel Lud) zu unterdrücken,
Triumphe waren's des Ranaufentums,

Roch Luch blieb weiter heiliges Lrleben
Aus Räter Schaffen, höh'res uns zu geben.

Und zukunftsgläubig, wunderfam erhoben
Trat mancher weltverfonnen aus der Schar,
Luch stolze Leister suchend hoch da droben
Zn Linfamkeit und aller Zchfucht bar,

Ron heil'ger Menschenliebe still umwoben,
Rergelf'ne Zugendträume wurden wahr,

Wenn von den höhe» Lure Stimmen riefen,
Die Trägen rüttelnd aus dem Zwang der Tiefen.

Roch Zhr gingst hin! Auf fremder Lrde sanken
Mit Lud) die Rrattvoll-Reifften in den Tod,
Zu jäher Tiefe wird nun mancher wanken,
Rem Lure Stärke tonst die Stütze bot.

Lieht Zhr uns doch im Reid)e der gedanken
Rereinfamt nun in allerfchwerster Not,

Und wolltet Stück für Stück die Seele geben,
Nicht jäh vernichtet, opfern bloh das Leben!

P. Segieth (im Felde)

Soll diefer Rampf, wie ach vor hundert Zähren!
Zurück uns werfen nicht in kned)t'fd)en Sinn,
geruhfamkeit fid) mit Regier nicht paaren,
Laßt still auch opfern unfre Seele hin.

Was Zhr uns gabt, fo können wir's bewahren —
Und Euer Tod wird dann zum Anbeginn
Rer neuen Zeit voll reinen Menfdzentumes,
Rer Werdekräste deutschen Rölkerruhmes.

P. Khmig (Schwerin)

Gewinn im (Vertust

Bon Andreas Schreiber

An einenr trüben Frühlingstage, während
sd)warze Regenwolken den Himmel hinanblackten
wie Raud>sd)waden einer überheizten Lampe, stan-
den drei Herren vor der Prosektur eines Kranken-
hauses. Soeben trugen die Träger den Sarg
zunr Wagen, Die Leichenfrau trippelte hinter
ihnen drein, eilte dann plötzlich voran und öffnete
die Wagentüre und sagte, mährend die anderen
den Sarg einsd)oben:

„Wird verbrannt, kommt nach Ulm,"

„Die Würmer werden fid; foppen, daß ihnen
dieser Fettwanst entrinnt. Aber das Verbrennen
ist sicher stilvoller und wie ein Phönix wird des
Dichters feister Dmnpf durd> den ruhigen Schorn-
stein gegen Himmel fahren Nicht wahr, Sandner?"
sagte der rotbackige, schwarzäugige, breitschultrige
Herr zu dem mit der hohen, weißen Stirne und
dem Munde, dessen Lippen aneinander pappten
wie die Manlfranzen einer Kaulquappe.

Sandner sd)wieg. Der dritte Herr schnitt eine
Grimasse.

„Helferg, Sie verderben mir das Relief!"
sagte er,

„Bah, bah! Sie werden ,Bombastius' trotz-
dem ideal und von Genien überschattet darstellen.
Das ist Sache der Übung und der Gewohnheit,"
antwortete Helferg, „Dod) wann fahren Sie
nad) Ulm?"

„Wir haben den Zug noch nidjt ausgewählt,"
sagte Sibersky und blickte Sandner an,

„Noch nickst," bestätigte dieser.

„Na, wie Sie wollen," meinte Helferg, „Mor-
gen auf Wiedersehen in Ulm," Er grüßte und
ging nüt vergnügtem Läck>eln hinter denr Toten-
wagen die von frischen grünen Vorgärten besäumte
Straße hinab, deren Granit rein gefegt vom letzten
Regen im herrlichsten Blaugrau schimmerte wie
die Brust eines Tauberers.

„Das hätte er bleiben lassen können!" sagte
Sibersky zu Sandner, der sich eben eine Zigarette
ansteckte. „Pietät ist gewiß Unsinn, aber Ent-
gleisungen wie die vorhin, mißfallen mir sehr.
Ein richtiger gemeiner Plebejer, der da nreint..."

„Er wird eben übermütig, der Bursche, und
er hat Grund dazu," unterbrach Sandner mit
seinem langsanien Tonfall, die Zigarette im Mnnd-
winkel senkend und kühne Wolken paffend,

„Sie glauben, daß sie ihn heiraten wird?"

„Jedenfalls erwartet er es — richtiger — kann
es erwarten. Dock) gehen wir."

Es war bereits Sommer und der Himmel
von heiterer Bläue, wie eine Delfter Fayence.

Helferg öffnete hastig die Gartentüre zur Billa
Nirväna und trat schnell ein, Jetzt war, wie er
wußte, Sandner durch die Probe im Theater fest-
gehalten, und er wollte diese Gelegenheit benützen
und eine letzte Unterredung mit Frau Elsa er-
zwingen, Ihr Brief und die Erläuterungen, die
Sandner mündlich dazu überbrack)te, erschienen
ihnr zwar von grotesker Komik, denn was war
absurder, als wenn Elsa wegen einer Äußerung
über den Toten, den sie systematisch belogen, be-
trogen, gequält, verhöhnt, verwünscht hatte, die
Liebe kündigte. Aber, daß es Sandner möglich
gewesen, die Witwe so zu beeinflussen, daß es
ihni gelungen war, die alte Neigung, die sie einst
vielleicht für den läppischen Heldenspieler gehegt
hatte, nochmals anzublasen und wieder Hahn im
Korbe zu werden, das wurmte Helferg,

Der Diener öffnete auf sein Sturmläuten. Er
drängte sich an ihm vorbei, warf den Hut ans
eine Konsole und schoß in die Halle.

„Die gnädige Frau ist nicht zu sprechen," sagte
der Diener, der ihn inzwischen eingeholt hatte,
gefoppt, gereizt,

„Unsinn, Fritz!" erwiderte Helferg und begann
die Stufen der Treppe hinanzusteigen. Der Diener
lächelte unwillkürlich über Helfergs Frechheit.

„Es ist aber so, Herr Helferg," sagte er freund-
lickier. „Die gnädige Frau ist ausgefahren."

„Glauben Sie, daß sie bald zurückkommt?
Wohin ist sie?"

„Zu Herrn Sibersky in das Atelier ... Grab-
monument betreffend,"

„Hören Sie, Fritz, ich gehe einstweilen in die
Bibliothek hinauf. Sobald die gnädige Frau
kommt, sagen Sie, daß ich oben warte,"

Er drückte dem Diener einen Taler, den er
in Bereitschaft gehalten hatte, in die Hand und
begab sich in die Bibliothek, Dort setzte er sick)
in einen Lederfauteuil und starrte voll Unbehagen
auf die Bücherreihen in den Schränken, Einige
Tische waren noch mit den Broschüren und Zeit-
schriften, die der Verstorbene nick)t mehr hatte auf-
schneiden und lesen können, bedeckt. In seinem
Sd)reibtische in dem kleinen Kabinette nebenan
mußte man gewühlt haben. Die Schubfächer
waren herausgezoqen und die Papiere auf der
Platte zu einem Wust aufgetürmt. Die Schreib-
maschine auf dem kleinen Tischdien war »och
wie sie die Sekretärin verlassen hatte. Ein halb
besd)riebenes Blatt, dessen Anfang die Rolle fest-
hieit, flatterte in dem Luftzug, der durch die offenen
Fenster hereinkam, gleich einer Auferstehungs-
Standarte, und Helferg fand jetzt auf einmal seine
Äußerung über den toten „Bombastius" albern.
Der Verstorbene war das oft lächerliche, aber gute
Element in diesem Hanse gewesen, und sein Weib
das sd)led)ts. Freilich ein Afterkünstler für die,
die das Maß hod)spannen, war er immer an der
Arbeit gewesen, um zu verdienen. Und nicht für

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Paul Segieth: Vignette
P. Ehmig: Nachruf
Hans Friedrich Blunck: Wen'k wedderkomm
Andreas Schreiber: Gewinn im Verlust
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