Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

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Wiener Train beim Lagerfeuer

Karpathen -- Erinnerung

Ein Blitz! Ein Klapf! Ein gelber Rauch!
Ein Sprengstück schlitzt der Trommel Bauch;
Ein zweites schrenzt das Jägerhorn —

Der Bläser stürzt entseelt nach vorn.

„Tambour, schlag ein!" —

„Was soll das sein?" —

Stumm blieb das Fell,

Das sonst ein Quell
Von Tönen war
Der Jagerschar;

In seinen Wirbeln stieg der Aar

Ten Lerchen gleich — Hoch Österreich! —

„Hornist." —

Doch der liegt still im G und,
Das jäh zerriss'ne Horn noch nab dem Mund,
Der tonst so lustig schmetlerte das Sturmggnal
Durch das Karpathental. —

„Wo nebm ich Trommel her und Horn?
Verstricht!" Der Hauptman» kmrscht's voll Zorn,
„Verflucht!" —

Da ruft im letzten Glied ein Man»:
„Lang stieg der Saf: schon irr dem Baum hinan;
Irr Rüstern und Werden rciien
Schon lang die Maienpfeifen.

In Rirstern und in Weiden
Laßt uns jetzr Pfeifen ichneiden,

Und wenn wir sie gehämmert, dann,

Dairn gehn wir auf's neu' die Russen an.
Querpfeifen riefen in Friedrichs Heer,

-Und Schwege!» riefen des Hoser's Wehr.

Nun denn die Taschenveiiel heraus!

Sucht euch recht sastige Zweige aus,

Und klopft mit ,Baren' *) und ,Hegeln' *)

An euren Rnssenschwegeln:

Flotte, Flotte maj di!

Odar i daschneid di!

Otar i daschnitz bi!

Odar i dawichs di!"

So klmgt's aus huirdert Kehlen,

So zürnl's aus hundert Seelen,

Und bei dem zürnenden Klopfgesang
Gar manche Weidenrinde sprang.

Sie klopf en, als wollten sie Nüssen
Zerblanen und zernussen;

Das Klopfen, das klang wie Knattern,
Maschinen,ewehres-Rattern.

Und als des Tages Ende nah,

Da lagen die fertigen Pfeifen da;

Da wurde geprobt, gegriffen —

Halloh! Die Pfeifen pfiffen;

Als dann die Nachtigall pfiff im Ried,

Da feku Vierten > ie Hundert dem Lied,

Und pfiffen als Pfeifergerne nde,

Brs die Kugeln pfiffen vom Feinde;

Dann bliesen sie Sturm und stürmten nach vorn,
Und die Pfeife» jauchzten als wie das Horn
Und wie die Trommel weiland:

Vorwärts durch Schrätel und Zeilaud!

Euch Russen hilft kein Heiland!

Muss' ergib do gler di!

Odar i daschneid di!

Odar i daschnitz di!

Odar i dawichs di!

Dann langten die Pfeifer oben an:

Woul hundert Russen deckren den Plan,

Und wieder hrrndert hoben

Die Hände verzweifelnd »ach oben,

*) Mefieruamen.

366

Ferdinand Staeger (Kriegsmaler)

Und die weitern Hundert stoben

Nach hinten und warfen weg ihr Gewehr,

Und jubelnd folgte das Pseiferheer:

Hurra!

Richard von Strele

vre obne Damen

In Memoriam Leutnant F. L. B.

Bon Carl fßarilaun

„ . .. . der Krieg, in dem wir
unsere Freunde verloren haben."

(Aus dem Brief eines deu scheu
Haupimanns im Westen.)

Dieser Brief wird ohne Antwort bleiben, und
es lesen ihn fremde Men.chen, west der Leutnant
von der, Warnsdmern F. L. B. von keiner ir-
dijchen Fel. post mehr erreicht werden kann.

Übrigens ist er ein bestellter Nekrolog, von
Dir selbst bestellt. Als Du mir unternr Tor der
Kaserne irr Wrerr die Hand drnckicst. hast Du,
Zweiund,zwanzigjähriger, mit Deinen! Lächeln eines
sechzegnjährigen, blonden Knaben es Da ausbe-
dungen: „Wenn ich rriä>t nrehr zurückkomme,
schmier' was über mich, hörst Du?"

„Ja," versprach ich, und das Lachen wurde
mir in diesem Augenblick schwer, „ich werd' sä)on
was pchinicren'. 2lber das Belegexemplar, wohin
soll ich das Belegexeniplar sd>idien?"

„Meinem Mäderl," lachtest D» sehr fröhlich,
und wurdest gleich ernst, nahmst meine von der
Nachtiust kalte Hand noch einmal in Deirre beiden
warmen, breiten Iungenhände, streicheltest sie und
sagtest schwer: „Aber nein. Meiner Mutter schickst
Du das Belegexemplar."
Karl Marilaun: Die ohne Namen
Ferdinand Staeger: Wiener Train beim Lagerfeuer
Richard v. Strele: Karpathen-Erinnerung
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