Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

Page: 410
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1916_1/0443
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Die Sonnenleiter

Zu Brügge, am Hochaltäre, da bricht
Durch bunte, gotische Scheiben das Licht,
Da grüßen Jungfrau'», madonnenhaft rein.
Und bärtige Männer im Glorienschein
Ans brüchigen Rahmen, oon Meisterhand
Ehrfürchtig auf schlichtes Leinen gebannt.
Und die einst gesegnet vor allen und schön,
Nun stumm in den hohen Bildern stehn,
Von Sonne dnrchglüht, oon Sonne umstutet,
Leiber, die sich in Liebe verblutet. —

Langst haben des irdischen Tuns sie entraten,
Ihre Haut schimmert wächsern, ihr Kleid

ist brokaten.

Die Angen sind seelenheller Opal, —

Und jeder zitternde Sonnenstrahl
Ist einer schwanken Leiter Band.

Wie Regenbogen zum Himmel gespannt.
Die Weisen im Nahmen, mit schmalen Händen
Halten sie sorglich der Leiter Enden. —
Drauf geben, die Liebem und Leidem

entsagen,

Drauf gehen Alle, die Kümmernis tragen,
Die Menschenseelen, die, müde vom Härmen,
Wie Kinder sich wieder in Sonne warmen,
Und über Raum und über Zeit
Sich schwingen in lichte Ewigkeit.-

Kolonnen bei Raska Curt Ziegra (Kriegsmaler)

Zn Brügge im Dome, beim Orgel-Choral,

Da klappert tagaus, tagein das Portal,

Da schlürfen und schleichen der Seufzer viel.
Da sitzt es und hockt es im Chorgestühl,

Mit wogendem Atem, gedrängt ganz dicht;
Man fühlt es nur, man sieht es nicht.

Mit rüstigen Fingern der Kantor zieht
Aus hellen Registern das hohe Lied,

Und vom Altäre die Litanei
Betet die bettelnden Seelen frei.

„Wir Seelen, von der herrischen Schlacht
lim unsere warmen Leiber gebracht,

Wir kehre» nun ein zum letzten Gericht — —
Da draußen die Körper, Herr, werte sie nicht!
Die liegen leblos und erdbehangen.

Es waren die Seelen, die göttlich klangen
Im Menschen und tausend Leiden versöhnten,
Mit Liebe das Werk des Staubes krönten,

Das die gierige Not des Lebens umspann;
Herr, sieh nur uns Seelen, und richte dann!"

Zn Brügge im Dome, mit einem Mal
Flutet das Licht wie ein Meer in den Saal,
Und gießt sein rnbelos Wechselspiel
Auf Wände und Chor und Chorgestühl;
lind feiertagsfroh winkt Christus droben
Von goldener Leiter, ans Sonne gewoben.

Da hebt sich ein Drangen. Die Seelchen steigen,
Das Tappen verstummt. Die Orgeln

schweigen. —

In brüchigen Rahmen, da stehen stumm
Die heiligen Männer und Frauen ringsum;
Sie knüpfen und halten, mit schmalen

Händen —

Die Mittler zum Himmel! — der Leiter Enden,
Und nicken Vergebung und lächeln Verstehn
Des Wunders, das heute zu Brügge geschehn.

Rurt v. Gerthel

Schwager Aronos

Novelle von Bruno Frank

Eine Faust aus Eis riß mir die Kapuze meines
Schlafsacks vom Gesicht, ich fuhr auf, und der
Wind der polnischen Ebene blies mir durchs Haar
Noch war völlige Nacht, aber zwanzig Schritt
entfernt sah ich doch in schwarzer Masse unsere
Gäule beisammenstehen.

Ein bläuliches Licht traf mich, und ohne Er-
staunen bemerkte ich, daß Er vor mir stand, Er
in Person. Er trug nicht das beinerne Kleid, in
dem man ihn zu kennen glaubt, sondern ein
schwarzes Zivil, eine Art Gehrock. Sein Gesicht
war wächsern gelb, aber nicht mehr als menschlich
gewesen wäre, und zeigte einen kleinen Spihbart;
die unbedeckten Haare waren ölig gescheitelt, keine
Strähne erhob sich in dem östlichen Sturm. Er
hatte etwa das Aussehen eines parlamentarischen
Ministers, wie er so dastand, eines kalten und
ehrgeizigen Advokaten, und ich mußte denken,
daß ihm die Larve wohl anstehe.

„Heute haben wir uns gefürchtet, wie?" be-
gann er mit einer Stimnie ohne Ton und in einer
Sprache, die ich nicht erkannte, doch verstand.
„Es kam ein bißchen plötzlich, das arge Feuer,
nicht wahr? Haben wir gesckandcrt, ja? Haben
wir uns ein wenig auf den Gaulshals geduckt?
Haben wir da unfern törichten Spott vergessen?"

„Exzellenz irren," antwortete >ch mit großer
Höflichkeit, „wirklich, wollen Exzellenz das bitte
glauben. Wann hätte ich gespottet? Es ist nie-
mals von mir verhehlt worden, daß ich gerne
noch lebe, daß ich gerne lebendig nach Hause
zurückkäme."

„Erinnere Dich!" herrschte er mich lautlos an.

Lautlos, wahrhaftig. Er beliebte eine selt-
same Art, sich mitzuteilen. Was zu mir sprach,
das waren seine großen, blau leuchtenden Augen.
Freilich waren es nicht Augen im gewöhnlichen
Verstände, sondern einfach kreisrunde Löcher, die
trichterarlig in seinen Schädel hineinliefen und sich
im Hintergründe unendlich zu erweitern schienen.
Dort aber, im Hintergründe dieser Höhlen, wo
blauer beleuchteter Dunst in Schwaden stieg und
niederging, dort bildete sich schattengleich ab, was
ich vernahm ....

Hörte ich ihn? Sah ich ihn? Wie spürte ich
ihn? Einerlei, es war gewiß nur in der Ord-

nung, daß er sich auf eine etwas besondere
Weise zu vernehmen gab.

„Erinnere Dich!" donnerte er mir zu, ohne

Es war zu jener unvordenklichen Zeit, als
nach Frieden war, in Paris, an einen, Mai-
tag. Dnnials ging es mir gut in der schönen
Stadt, ich hatte Freunde, hatte mindestens
Kameradschaft gefunden, hatte auch arbeiten
können in dieser letzten Zeit, und nun, zudem
war man mitten in einem blau und goldenen
Frühling. “Slber das war nicht alles; ich liebte.

Oh, keine große Dame aus Paris, auch
keine Bürgersfrau und noch viel weniger ein
Mädchen ans den Ballsälen, keine Französin
überhaupt. Sondern ein Himmelszufall hatte
niich vorgestern, an einem lachenden Vormittag,
einer Frau entgegengeführt, mit der irl) von
Deutschland her sehnsüchtig vertraut war, ohne
jemals mit ihr gesprochen zu haben. In Be-
gleitung eines nur wohlbekannten jungen Bild-
hauers kam sie mir unter der, Bäumen, des
Tuileriengartens mit einem Mal entgegen:
nicht etwa überzart und stilisiert anzuschaucn,
nein, sondern frauenhaft fest und eher ein klein
wenig derb, mit dem freundlichsten Blond der
Erde und mit eineni Ausdruck von Heiterkeit
und Güte in den Zügen, vor dem mir das
Herz in einem Iubeltakt zu schlagen anfing.

„Hier also muß man sich treffen, gnädige
Frau!" sagte ich zu ihrer Verwunderung, völlig
verwirrt, und mit bloßem Haupt ans der Straße
verharrend.

Aber es hatte alles einen freundlichen Gang
. genommen, und heute Nachmittag nun stand ich
vor dem Kaminspiegel meines Zimmers und band
mir die Kravatte mit einer freudigen Inbrunst.
Wie id) eben dabei war, sie znni zweitenmal
durch sich selber zu schlingen, verwandelte sich mit
einem Schlag vor aufziehenden Wolken ihr Dunkel-
blau in ein völliges Schwarz, und schon vernahm
ich den ersten brummenden Donner. Zwei Mi-
nuten darauf brach rauschend ein wilder Regen
nieder, einer von denen, die förmlich mit Gewalt
herabzusioßen scheinen. Nein, dachte ich, das ist
zu heftig, das wird sogleich aufhören, und nach-
hcr ist dann die Mailuft von einer urweltlichen
Frische. Ich warte ein bißchen ....

Aber es hörte nicht auf, es mar als verstärkte
sich die Raserei von einer Minute zur andern.
Die Aste der Bäunie mit ihrettt jungen Grün
bogen sich und schwankten und schienen winkend
um Hilfe zu rufen. Die Straße lag wie leer-
gefegt, kein Mensch, kein Wagen. Ich sah auf
meine Uhr.

’ Ja, war ich denn närrisch mit meiner Gemüts-
ruhe! Wie in aller Welt wollte ich binnen zehn
Minuten diesen weiten Weg hinter mich bringen,
zu denr Parkrestaurant, wo sie nach erwartete,
vielleicht jetzt schon wartete unter den Bekannten,
— redend mit ihrer süßen, klingenden Stinune,
lachend mit diesem verlockenden, und dabei so
freimütigen Lachen, die eine ihrer ganz merk-
würdig zarten Hände handschuhlos vielleicht mit
dem Teelöffelchen beschäftigt .... Ich riß das
Fenster ans, durch das mir klatschend die Sint-
flut entgegenschlng.

Einen Schirm! Ich stürmte die Treppen hin-
ab .... Ach, beim Portier waren alle Schirme
unterwegs, -Un peu äs patienee. monsieur,
pa va passer.>

Sicherlich, natürlich, recht habt Ihr, taut xa
va passsr .... Fort das dunkle, süße Lachen,
und nie werde ich diese Frauenhände wieder sehen.
Um einer Droschke willen! Ja, das, wäre so ein
Novellentitel, dachte ich bitter. Um einer Droschke
willen Aber da sieht man wieder, wie alles
eingerichtet ist, pfui Kuckuck, ja!

Verzweifelnd trat ich unter die Tür. Sollte
ich's wagen, unter den stürzenden Strömen hin
den Weg nach den Chanrps Elysöes zu laufen?
Vielleicht wäre es rührend gewesen, ein ergreifendes
Opfer? Aber nein, drnchweichte Liebhaber sind
durchaus nicht ergreifend. Und außerdem war

410
Curt Ziegra: Kolonnen bei Raska
Kurt v. Oerthel: Die Sonnenleiter
Bruno Frank: Schwager Kronos
loading ...