Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 23.1918, Band 1 (Nr. 1-26)

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Jur Äaute

3d) loh mein -Seelchen ziehen
Zur Rachtigallcnzeit —
wenn letzte Rosen blühen
Nah' ich mein Totenkleiä,

Sann muh mein Liebster reiten
ivohl in ein frcmöcs Kelö,

Zu sterben im roten Streiten/
wenn cö dem ToÜ gefällt.

Ser ToÜ hat kalte Hänöe,

Sic frieren im Sonnenschein7
Wenn üer mein tzcrzlein fänüe,

So müht' cs stille fein.

Johannes ArnolS

*

Eine Rose auf einem Grabe singt....

Mit Seinem Leibe gabst Su mir üie Kraft
Zu blühen. UnÜ so zu blühen/ Üah alle Welt
Vor mir » wie einem wunüer « üie Schritte hält.
Aus Seinem Kleische nahm sich meine Pracht
Sie Glut, Sic fiebernü in Ücn Morgen lacht «

UnÜ nahm sie ihrer Karbe schweren Samt,

Ser wohl aus Seiner Augen üunklcm Leuchten stammt.

UnÜ üie Sich liebten, stehen nun bei mir
Unü sehen tief in meine üunklen Blätter...

UnÜ lieben Sich in mir unü mich wie Sich:

Als wären wir zwei gleichgcborne Wesen -
Als wären niemals wir getrennt gewesen »

Als wärst Su ich, ich Su, unü bciüe wir
Scs Lebens Glanz unü Wonne, Glück unü Zier.

Hans Kranke

*

Von Dichtern und Dichtung

Aphorismen von Isolde Kurz
Der Di chter

Zwei Feen haben ihn an seiner Wiege besucl>t.
Die eine warf wahllos eine Menge harter glan-
zender Dinge da hinein, von der Art, wie sie ein
Menschenleben groß und gefährlich machen: Gaben,
Begierden, Leidenschaften, Edelmut, Kräfte und
Schwächen; genug, um nach den Umständen einen
Helden, einen Staatsmann, einen Heiligen und
Märtyrer oder einen Verbrecher zu machen. Und
sie freute sich, was das für ein wunderlich ge-
mischtes, für ein dämonisches Leben werden müsse.
Aber die andere neigte sich darüber und strich leise
über die harten Dinger hin. Sie verwandelte
den Inhalt nicht, aber sie nahni ihm jegliclie Stoff-
lichkeit und machte ihn für den wirklichen Gebrauch
unfähig. Nun besitzt der Dichter all die schönen
und schlimmen Dinge, aber er kann damit im
Leben nicht schaffen noch scl>aden, sie entladen ihre
Stoßkraft nur ini Werk. Je gehäufter, je wider-
spruchsvoller diese Gaben sind, desto rcidjcr, voller,
was er der Welt schenkt.

Unausschöpfbarkeit

Unausschöpfbar wie die Worte Gattes, wo
man unter jeder Schickit eine neue Schicht findet,
wo das Leben unter denr Mikroskop in gleicher
Fülle weiter wimmelt, sind auch die des Dichters.
Versenkt man sich mit Liebe in ein einziges, so
sieht man, daß es nicht Anfang noch Ende hat.
Wieviele Menschenleben hat schon der Faust ver-
schlungen, die Göttliche Komödie oder gar Homer.
Es ist noch Raum für viele Gcschlechtsreihcn darin
unterzugehen. Und ebenso verhält sich's mit den
anderen Künsten. Die Unendlichkeit ist überall,
sie setzt sich aus der Natur in die Kunst fort. Für

Hast Bernh. Jager (München;

das lauschende Ohr ist sie ein Gehalt jedes Wortes,
an dem die Geschlechter der Völker gewirkt haben.
Im deutschen Wort vor allem.

Dichtung

Die Dichtung ist der Menschheit nicht zum
Zweck augenblicklicher Erhebung, Besserung,
Tröstung, gegeben (den erfüllt sie nur nebenher):
ihr wahrer Sinn ist, datz sie der Seele eine bleibende
Heimstätte bietet, die wahre Heimat, die sich auf
Erden sonst nirgends findet, wo das Unzulängliche
Ereignis wird.

Schöne Verse macht mancher: der wahre Dichter
ist, wer in der Seele des Hörers löst, was sich
stumm im Dunkeln windet, was jener selbst aus-
sprechen möchte, und doch nicht kann.

Keinem Vorbild läßt sich etwas anderes ab-
sehen, als die Sicherheit, womit es sich aus innersten
Lebensgesetzen entwickelt. Beispiele führen irre,
Normen sind so geheim, daß sie nicht ausgesprochen
werden dürfen.

Das Prinzipielle einer neuen Richtung wird
nur in ihren Nachtretern und -betern laut: bei
ihren großen Erscheinungen ist es so in die Ewigkeits-
werte verschlungen, daß die Familienähnlichkeit
zwischen den Großen aller Zeiten gar nicht dadurch
beeinträchtigt wird.

Das ist das Unerträglichste im Leben, was sich
auf keine Weise in Poesie verwandeln läßt.

*

Der Schreckschuß

Von Carl Znngerle (Meran)

Wenn ein Burggräfler Weinbauer tagsüber
seine zwei Liter guten Wein trinkt, so lut er dies
mit Vorbedacht und aus mindestens drei wichtigen
Gründen. Erstens, weil ein Tröpfl Wein den
Menschen kräftet: zweitens, weil einem das ver-
höllte Regglrauchen alleweil so viel den Hals nus-
trucknet: und drittens, weil's g'rad gleich ist.

Der Lindncr Kristl von Plars aber tat aus
freien Stücken ein Übriges und maß sich für ge-
wöhnlicli zumindest das doppelte Quantum bei.
Lediglich deshalb, weil ihm der Wein schmeckte
und weil er ihn vertragen konnte.

Nun gab es einsichtsvolle Leute genug, die
solch nrannhafter Trinkfcstigkeit ihre Anerkennung

nicht versagten, und als am letzten Algundei'-
markt in der Bauernstube beim Sonnenwirt
die Rede von den alten Zeiten ging, da lehnte
sich der Zeller Naz, der soeben beim Roß-
handel einen Fufzger verdient hatte und da-
her ein lebhaftes Bedürfnis fühlte, über irgend
etwas zu lamentieren, weit in den Herrgotts-
winkel zurück und sagte:

„Ih sag' enk lei soviel: die Welt ist halt
nimmer, was sie g'wes'n ist. Nit einmal ein'
Wein heben die Leut hcutigstags mehr. Vor
dreißig Jahr, da Hab' ih ihrer noch g'nug ge-
kennt, die ihre Pazeiden Wein im Tag derlitten
haben, ohne ein' Naggler zu tun."

„Geh, hör' mir auf!" sagte der Gandcr
Luis, der just beim nämlichen Roßhandel einen
Fufzger verspielt hatte und daher fest entschlossen
war, dem Zeller Naz heut nichts gelten zu lassen.
„Auf der Letzt haben die hebigen Mander halt
deckst alle ang'hebt zu spinnen... Seitdem weni-
ger getrunken werd, hörst keine Geisterg'schichten
mehr, wie früher, wo einer alle Bott ein' feu-
rigen Hund g'seh'n hat, oder ein' bockstützeten
Lotcr . . . Und weiße Mäus' und fölle Zuig."

Nun wäre es dem schlagfertigen Zeller Naz
zu anderer Zeit sicherlich ein Ieiä>tes gewesen,
die ihm abtrünnig gewordenen Lackier wiederum
auf feine Seile zu bringen. Diesmal jedoch dachte
er vor allem daran, daß ein Fufzger doch eigent-
lich ein schönes Geld sei, lachte gutmütig auf seine
Kosten mit und sagte nachgiebig:

„Ja, ja: selbigsmal ist halt noch manches
anders g'wes'n. Bahn hat's noch keine geben,
und wo der Wein g'wachsen ist, da ist er auch
getrunken word'n. In Uberctsch unten haben sie
gar einmal müssen Gruben aufreißen in der Erd',
daß sie den Wein drin untergebracht haben....
Und bei uns heroben, wenn einmal die Stander
nimmer geglangt Huben, hast ihn halt auch völlig
g'schenkt kriegt. In sölle Zeiten, da tüten die
heutigen Leut freilich nimmer cinipassen . . . Höch-
stens noch der Lindner Kristl. Derfell woll! Der
ist Bursch! Der hebt noch ein'!"

„Sell kannst Du nit wissen," widersprach der
Gander Luis abermals, denn der war über den
Wert eine« Fufzigers ganz derselben Meinung
wie der Zeller Naz. „Den Kristl kann's halt auch
einmal packen. Werst seh'n, auf Ja und Na hat's ihn."

Diese Weissagung des Gander Luis war denn
doch seinen sämtlichen Tischgenossen zu stark. Sie
ergriffen samt und sonders für den Lindner Kristl
Partei und behaupteten einstimmig, eine Forelle
in der Etsch zu ersäufen sei keine undankbarere
Arbeit, als dem Lindner Kristl einen halbwegs be-
merkbaren Schwips anzuhängen: der Kristl trinke
keinen Tropfen mehr, als er vertragen könne, und
Leute, wie der Gander Luis, die sich selber schon
nach drei Viertelen auf frisck)gemühtcn Wiesen mit
beiden Händen am Gras halten mußten, um nit
umzufallen, die könnten dem Kristl freilich keinen
Weinmesser abgebcn. Selbst der Zeller Naz ver-
gaß seinen Marktprofit soweit, daß er den Gander
Luis einen dürren Zaunstecken nannte und sagte,
wenn so ein Bärenmensch, wie der Kristl dagegen
einer her sei, seine drei Literlen im Tag putzte, so ..

„Drei Literlen woll!" rief da der alte Sieger
herüber, der mit seiner Tochter Vefa am Neben-
tische saß. „Sell werd nit Klecken!"

„So Sieger," sagte der Gander Luis, der
nunmehr einen Helfer gefunden zu haben ver-
meinte. „Jetzt red' grad Du einmal, Sieger. Bist
ja dem Kristl sein Nachbar. Sag', was meinst
jetzt Du? . . ."

„Was ih mein?" sagte der alte Sieger und
stand auf mit einer Miene, die den Gander Luis
jeglick>er Hoffnung auf Beistand beraubte. „Was
ih mein, sell will ih Dir akkrat sagen: Ih mein,
daß jetzt derheim die Knödel g'sott'n sein könnten

Und sonst mein' ih gar nix, verstehst mi'?.

Geh, Madl, gehn wir. Uns geht's nix an!"

Die Vef erhob sich und verließ folgsam mit
ihrem Vater die Stube. Doch je weiter sich die
beiden vvtr derselben entfernten, desto weniger
schien es der Bef ausgemacht zu fein, daß sie der
Lindner Kristl so ganz und gar nichts anginge. —
Oder geht einen vielleicht ein Mensch nichts an,

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Carl Zangerle: Der Schreckschuß
Isolde Kurz: Von Dichtern und Dichtung
Johannes Arnold: Zur Laute
Hans Franke: Eine Rose auf dem Grab singt...
Bernhard Jaeger: Rast
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