Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 26.1921, Band 1-2 (Nr. 1-31)

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Ja W ISCHEN 1> R A M A U N I> Ti O II Ö I> I E

Von Ernst von B a s s e r ni a n n - I o r d a n

Es war in jenen Vor-Krieqszeiten, als noch sechs Mark Strafe zablen
mußte, wer auf der linken Straßenseite oder nachts ohne Laterne mit deni
Rade führ, als auch noch viele andere Dinge große Wichtigkeit befaßen,
die uns heute gleichgültig und fern find, nachdein das Öl fast für alle
unsere Lampen zur Neige gegangen ist.

An einem klaren Winterabend drängte eine festliche Menge zum Staöt-
theater, elegante Autos, vornehme Gespanne fuhren am Portale vor, auch
Wagen mit dem Wappen der landesfürstlichen Familie fehlten nicht. Drei
lustige Akte eines in der Stadt bekannten und wegen feiner fckarfeu Zunge
und spitzen Feder weit gefürchteten Dichieis sollten heule ihre Uraufführung
erleben. Es war ein gefeUichaftliches Ereignis, zu dem sich die Vorsorg-
lichen beizeiten Eintrittskarten gesichert hatten. In der Vorhalle war freudig
bewegtes Leben. Während das erste Klingelzeichen durch die Räume fchi illte,
sti itt man sich an der Kaffe um ein paar übriggebliebene schlechte Plätze,
zehn, zwölf elegante Herren, alle erregt und gespannt, ob sich ihnen die
Pfoiten des Vergnügens doch noch öffnen würden. Ein jüngerer Herr
wollte sieb vordrängen, ein alter in Pelz und Zylinder verwieg es ihm; statt
zum Nachgeben kam es zum Wortgefecht, der Alte winkte dem Schutz-
mann und erklärte ihm über die Kaffenfchi anke weg feine älteren Rechte.
Oer Stieit war in vollem Gange, als in der nahen Garderobe ein Ge-
tümmel entstand und ängstliche Rufe laut wurden: „Schnell, schnell, ein
Arzt, — die Sanität!"

Ein paar Herren, die schon abgelegt hatten und im Weiß der gestärkten
Hemdbrust und im Schimmer der Peilenknöpfe strahlten, rannten planlos
durch die Voi halle auf die Straße, andere drängten neugierig in die Gar-
derobe. ans der erfchrerkt die dekolletierten Damen siüchleten. An einem der
Garderobetiiche hatte fiel) ein Halbkreis gebildet. Es war merkwürdig still
geworden. Nur die vordersten wußten, was eigentlich geschehen war und
lagien eg allmählich den andern, leise, wie ein Geheimnis, während in der
Vorhalle Lärm und Gelächter der Neuankommenöen nicht nachließ.

Ein Herr war bewußtlos zufaminenqebrochen, gerade als er Hut und
Mantel abgegeben hatte. Jetzt lag er rücklings ausgcstreckt auf de» steiner-
nen Boöensiießen, und aus einer Wunde am Hinterkopf sickerte das Blut.
Anfangs wußte niemand Rat und niemand fand den Entschluß mehr,
irgend etwas, und fei eg auch etwas Sinnloses, zu tun. Nach einem Augen-
blick der Stille und der Bcivegungslosigkeit drängten ganz Ängstliche und
Erschreckte, wieder aus dem Hall kreis herauszukommen, jetzt aber, beim
zwkiten Klingelzeichen, schoben viele, die sehen oder ihre Garderobe ab-
geben wollten, so rücksichtslos nach, daß ich von der drängenden Welle
bis dicht vor den Kranken und an die Seite einer jungen Dame vorge-
schoben wurde, die wie erstarrt dastanö. Endlich reichte eine Garderobe-
srau ihren Stuhl über die Schranke, zwei
Herren hoben den Bewußtlosen auf, fetzten
ihn auf den Stuhl und hielten ihn dort fest,
ein diiiler holle Wasser in einem Bierglafe,
ein vierter ging zum Telephon. Um auch ir-
gend etwas zu tun, faßte ich den Puls des
Kianken und konnte kaum die rasche, dünne,
unregelmäßige Blutwelle fühlen. Der Kranke
war ein kräftiger gedrungener Mann in den
fünfziger Jahren, icm volles Gesichi war bläu-
lich blaß, mit leichtem Schweiß bedeckt, die
Lippen, die sich einem raschen und obersläch-
lichen Almen balb geöffnet halten, waren blau
vei färbt. Jetzt sah der Kranke aus, als schliefe
er — erfüllt von sorgenden Gedanken und
Träumen — in tiefste, Ermüdung.

„EineOhnmacht," sagte irgend jemand leise.

Noch immer war kein Arzt zur Stelle, auch
niemand, der sich dafür anggab

Jnzwiichen ging reckte- und links der Gar-
dei obebetrieb weiter, hastig, denn bald mußte
das Zeichen zum Beginn der Vorst, Uiing
ertönen. Der Herr mit dem Bierglafe kam

zurück, wusch mit feinem Taschentuch die Wunde und kühlte die Glatze des
Kranken. Einzelne Wasser,ropfen liefen wie Tränen über die verfallenden
Wangen des tiefgefenkten Hauptes.

Unter der kalten Berührung kehrte das Bewußtsein des Kranken noch
einmal zurück Er hob langsam den Kopf, schlug die Augen auf, sah er-
staunt und fragend um sich und suchte mit der Güte und Bescheidenheit
der Ererbenden die Helfer zu beruhigen und abzuwehren Dann schlossen
sich die Augen wieder, der Kopf sank herab, und die Züge des Sterben-
den verwandelten sich seltsam.

Die Umstehenden begannen, sich ihrer Ratlosigkeit bewußt zu werden.
Da trat ein uniformierter Militärarzt in den Halbkreis, fühlte den Puls,
winkte zivci Herien, hob mit ihnen den schweren Körper auf den Gar-
öerobetisch, legte ibn dort stach nieder, öffnete die Kleider und behorchte
das Heiz. Er tat alles mit solcher Ruhe, Sicheiheit und Selbstverständlich-
keit. daß bei den Umstehenden jede Soige zu schwinden begann. Als aber
der Arzt nach einigen Sekunden sich wieder anffichtrte und in der Runde
umfah, wußten alle die gerade noch so fröhlichen eleganten Theatergäste,
daß der Tod zwischen sie getreten war.

Keiner frug, ivcr der Tote sei, jeder sah in ihm nur sich selber. Auch
die beiden Streitenden von der Theaterkasse hatien sich eingefunöen und
rasch versöhnt. „Wie alt er sein mag?" fiuq ängstlich der Alte den Jün-
geren. „Beruhigen Sie sich," sagte der Jüngere, „er ist nicht in Ihrem
Alter, sondern in meinem."

Da rasselte das dritte Klingelzeichen. „Höchste Zeit!" riefen die Logen-
schließer ans dem Hintergründe. Jetzt besann man sich auf den Zweck leineg
Hierseins Der Ziveck war Freude des Schauens, des Hörens, ivar gesell-
schaftliche Sensation. Das alles war bei dem Toten nickt zu finden, dem
niemand mehr helfen konnte. Das Leben kehrte den Lebenden zu ück und
ivollte fein Recht, und dieses Recht sollte heute Fiende sein Rasch lichtete
sich der Kreis um den Toten, alles eilte nach dem Zuschauerraum, dessen
Türen sich schlossen. Dann trat Ruhe ein. Noch hastelen ein paar ver-
spätete Damen herbei, wunderten sich in ihrer Eile nnö Erregung kaum,
daß auf deni Garderobetisch ein stiller Mann lag, und reichten ihre pelze
über den Leichnam weg der Garderobfran, den» gerade an dieser Stelle
halten sie ihre Garderobenuminer. Dann wurde das elektrische Licht bis
auf ein paar Lampen ausgefchaltet, und plötzlich war ich in dem öänime-
riqen Raume mit dem Arzte bei der Leiche allein. Die Garöerobefrauen
fetzten sich mit Slrickstrnmpf oder Traktäilein näher an die wenigen Lampen,
und nahmen Maschen und erbauliche Erzählungen da wieder auf, ivo sie
bei der gestrigen Abenövoistellung mußten fallen gelassen werden; andere
enthüllten Eßbares aus Papieren oder holten den verborgenen Krug her-
vor. In kleinen aber festen Pulsen begann
das Leben wieder feinen alten Gang zu gehen.

Aber da war noch jemand: eine junge
Dame. Sie hatte die ganze Zeit unweit des
Kranken gestanden und kein Auge von ihm
vei wandt. Sie hatte nicht Furcht gezeigt, nicht
Sckrecken, sie schien nur ganz und -gar ver-
steinert. Sie hatte nichts begriffen von dem
was vorgefallen war. Jetzt, durch die herein-
brechende Stille, schien sic wie aus einem
fonöei baren Schlaf ei weckt zu werden. Sie
schrak zusammen, fuhr sich leise und langsam
über Stirn und Haar; dann heftete sie ihre
ounkeln tiefen Lugen auf mich, lichtete sich
st,aff empor und ging mit ein paar festen
Schriiten auf uns zu.

„Ich bin seine Tochter," sagte sie einfach.
Der Tod halte drei einander si emde Men-
schen so rasch und nahe zusammengeführt, als
ob sie sich schon seit langem gekannt. Der
Arzt spiach von der Todesursache und von
dem schönen kampflosen Ende. Dann erfuhr
er den Namen des Toten und die Namen

Otto Zöirfcbing 7

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Ernst v. Bassermann-Jordan: Zwischen Drama und Komödie
Otto Wirsching: Vignette
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