Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 26.1921, Band 1-2 (Nr. 1-31)

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21 u s kahlen Wäldern

Von Bernhard FlcmeS (H nmeln)

Der Wildrofenflrauch

Eine Seele, die in den seligen Räumen ihre Heimat nicht finden konnte,
trotzdem sie sich immer danach gesehnt hatte, bat den Herrn siehentlich,
noch einmal gute Erdenlusi kosten zu dürfen. Und da ihr der Herr besonders
gut war, beschloß er, ihr zu willfahren und ließ sie in das Junigewanö
eines WilörofensirancheS schlüpfen.

Da siaud sie nun am sonnigen Berghang, wiegte sich im Winde und
war voll Glück über die eigene Erdenlust. Aus hundert rosigen Blüten-
schalen gnoll sie und füllte die Luft mit ihrer Süße. Menschen verhielten
vor Entzücken den Schritt vor ihr und Vögel jubelten durch ihr Gezweig.
Die grünschimmernden Rofenkäfer kamen, wie Tropfen von Sternen ge-
fallen, und berauschten sich an ihr. Das Glück wollte kein Ende nehmen.

A s der Sommer noch längst nicht vorbei war, wehte die Seele wie ein
Rosenhauch in die seligen Räume zurück.

„Nun," fragte der Herr, „wie war es unten?"

„Ach," seufzte sie, „ich tat wohl llurecht, nur Erdenlusi von Dir zu
erbitten. Ich fühle, daß mir unten >vas gefehlt hat, laß mich noch einmal
das Erdenweh kosten."

Der Herr gewährte ihr auch diese Bitte und bannte sie in dag Winter-
gewanö öeS Rofendorns.

Da stand sie nun am Berghang in Regen, Frost und Sturm. Von der
Last des Schnees neigten sich die Zweige tief auf den Erdboden und froren
dort fest. Die Seele starrte verzweifelt in die Trübe der Winternionate und
fror so zusammen, daß sie sich eines Tages wieder auf die hiinmlische Reise
machte und ganz kleinlaut oben anpochle.

„War eg wieder nichts?" fragte der Herr.

„Nein," sagte sie, „ich habe nun die reine Erdenlust gekostet und das
Erdeniveh. Das eine ist auf d>e Dauer so wenig zu ertragen wie das andere,
Ich niöchte beides haben wie es kommt und nicht nach eigener Wahl, aber
beides so tief erleben wie kein anderer Mensch."

Der Herr überlegte.

„So mußt du wieder werden, was du gewesen bist, Menschensecle, —
ein Dichter."

Da ging die Seele schweigend davon und tat keinen Wunsch mehr.

Abenddämmerung

Die Wanderer waren im vertieften Gespräch durch den kahlen Wald
geschritten und hatten über ihren Worten weder der besonnten Fichten, des
glitzernden Reifes, noch der fchivankenöen Baumwipfel mit den braun-
glänzenden Knospen sonderlich geachtet. Sie hatten sich warm und groß
geredet und ivare» in jenem Zustand, in dem man mit einem gewählten
Ansipruch die Welt aus den Angeln hebt, die arge Welt, die wert ist,
verachtet zu weiden.

Als das Abendrot glühend hinter den schwarzen Buchenstämmen stand,
traten sie aus dem Hochwald auf die freie Halde, wo hinter junger Pflan-
zung sich hohe Fichicn wiegten. Die Weite und kühne Freiheit der Land-
schaft fesselte sie. Allein sie waren von sich und ihrer Angelegenheit so in An-
spruch genommen, daß ihre Blicke nur flüchtig genießend darüber hinstrichen.

„Immer das gleiche," ivarf der Erregteste scharf heraus, „Täuschung
und Gaukelspiel auch hier. Da seht, wie der Abend sein goldrotes Pfauen-
rad spreizt. Er will die ganze Welt aufflammen lassen, und nach Augen-
blicken ist der ganze Plunder verraucht, ohne ein Atom Asche zu hinter-
lasjen. Und drüben — wie der Mond mit seinen präraffaelitnchen Silber-
beiuen zwischen den Buchen tänzelt. Er spielt den Jäger, der von blankeni
Bogen silberne Pfeile aufden Abenöpfau schießt. Hat er ihn gekrosseu? Es sickei t
wie Blut hinter den Berg, — alles Täuschung. Seht — wag ist geblieben?"

Die Gefähiten hoben ihre Augen. Da spannte sich in eherner Straff-
heit der nachtblaue Himmel hoch über das Gebirge, und grünliche Bienen
schwirrten, wie von ewigem Winde getrieben, darüber hin. Schwer und
dunkel rauschten die Fichien Eine Eule rief. Und aus der Tauneuöickung
roch es kühl wie Harz und Reif.

Da schwiegen die Wanderer beklommen, schämten sich und trabten
still bergab.

Pau spielt

Man kommt wie in eine Stube, barin frisch gelüftet und mit Harz gesprengt
ist. Die Fichten und Föhren stehen i,i grüner Jugend, morgenwinögesti ählt,
blank und leuchtend da. Die Reifperlsträuße liegen blitzend ain Boden. Eine
bernsteingelbe Hahnenfußblüte ist ganz in Silber gefaßt. Ringsum stehen
die hohen Felswände des alten Steinbruchs in der Morgensonne.

Die Vormittagsstunden wandeln herein. Ein Meisenruf blitzt iin Fichten-
pelz. Tropfen schimmern regenbogenfarben an Nadelspitzen, wippen, blitzen
und zerklinen. Unter dem warmen Schritt der Sonnenstunde richten sich
die fahlen Graurnpen auf und sprühen ihren Perle,ischwall ab. Die Eich-
katz kobvlzt um den Buchenstamm. Eine graue Mückcnwolke tänzelk aus
und ab, auf und ab. lind überall blitzen, wippen und spritzen Reiff opfen
aus den Ziveigen. Im Eichengrunde unter den zimmetfarbenen Farnen
aber kullert, bullert,.klingelt der Bach. Die Fichten summen, und die Buchen
plappern leicht im Winde.

Die VvrmittagSstuiide steht lästig an die Wand des Skeinbruchs gelehnt,
mit den goldenen Z hen leicht auf dem überfrorenen Tümpel, der unten
an der Felswand blannlbern in den Himmel träumt. Und wie sie leise die
warmen Arme regt, die an dem oberen Rand der Steinwand ruhen, wo
Fichten stehen und Wurzelbärte hängen, bröckelt die erwärmte Erde der
Kummerschicht ab, springt die Felswand hinunter und klingelt zart auf das
Eis des Tümpels. Immer wieder, lind plötzlich löst sich ein Stein und
klirrt aufs Eis. Unter dem weißen Schlagpuntt ist eine Luftblase entstanden,
die ängstlich die Eisdecke nach Befreiung abtastek und sie an einer offnen
Ufer stelle siudct.

Der Schwarzfpccht wirft feinen funkelnden Kettenruf über den Wald.

Und immer wieder bröckelt, poltert, klingelt es zart.

Der Atein der warin n goldenen Sonne duftet.

Und cs klirrt und klimpert.

Und Pan fchinunzelt.

Flocken legen de

Der Berg stand voll Düsternis und Grauen. Den ganzen Tag hekken
die Sturmwölfe durch Schluchten und Wälder, stöberten in den Dickungen
umher und machieu die kahlen Buchen klappern und rasen. Wie aufgeregte
Flagellanten zogen sie, die sich ihre Not nur tiefer in die Seelen peitschten.
Aste zerknallten und Zweige zerbrachen. Der Regen rann in kalten Siüizen,
daß die Bäche wild aufbrausten. In der Dunkelheit der Nacht gellten die
Eulen unruhiger, und wirre Schreie der bedrängten Bäume erfüllten den
Raum.

Da klagte der Berg dem Herrn der Wälder seine Not. Keine Ruhe
fände er bei Tag und Nacht. Lauter böse Gedanken guälten ihn. Er wisse
nicht aus und ein und fei doch im Sommer so voll lichter Heiterkeit und
grüner Zuveisicht gewesen. Ob denn der Herr ihm nicht wenigstens eine
Hand voll lichter Gedanken geben könne.

llnd der Herr erbarmte sich über den Gequälten, ließ die starken Windrosse
vor die Wolkenwagen spannen, die hoch mit bleigranem Gewölk beladen
waren, und schickte sie gegen den Berg. Und als sie über dem Berge ivaren,
griff» die Wolkenriesen zu, schnitten die grauen Säcke auf und schütteten
den Inhalt über den Berg. Erst kam ein Lichtes, Zartes zögernd durch die
Wipfel gefchtvebt, das ivar daunenweiß, schaukelte sich ein Weilchen in
Furcht vor dem nassen Waldbodeu und ließ sich auf einer Tanne nieder.
Em zweites, drittes folgte. Ein Dutzend, viele Dutzend, — ach, man konnte
sie gar nicht mehr zählen. Das schüttete, rieselte, tanzte und schwebte, das
sirrte und saug ganz leise und fein, spann Schleier über Wipfel und Zweige,
legte weiche Watte auf Nadelkissen und deckte Moos und Wurzeln und
schwarzen Boden mit loser Heiterkeit leise zu.

Der Wald sah sie kommen, die lichten Gedanken, reckte Aste und Zweige
in die heimliche Stille, um keinen zu verlieren. Aber es wai d ihm zu schwer,
sie alle zu denken. Er fühlte ihr weiches Schweben und Wiegen und stand,
in ihren Rhythmus gehüllt, als einer, dem großes Glück ge>chieht.

Und die lichten Gedanken wehten einen ganzen Tag und eine Nacht in
den Wald. Als dann das weiße Flocken verhielt, war der Berg weiß

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Bernhard Flemes: Aus kahlen Wäldern
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