Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 26.1921, Band 1-2 (Nr. 1-31)

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Das E i s e n b a

Novelle von

In etnem Doof lebten zwei Brüder, nach der Sille des -Landes mit ihrem Vor-
namen gerufen, der Klas und der Sepp, welche beide Stellmacher waren. Sie
Hallen jeder sein Haus mit etwas Grund, der eine am obern und der andre am
untern Ende des Dorfes, und die Ortschaft war groß genug, um zwei Stellmacher
zu ernähren.

Leide Männer waren gegen Ende der Zwanzig, beide waren noch unverhei-
ratet; dem ältesten, dem Klas, führte die alte Mutter die Wirtschaft.

Ein Mädchen namens Marie hatte eine Neigung zum Klas gefaßt, und es hieß
im Dorf, er müsse nur zugreifen, es liege nur an ihm, daß er das Mädchen be-
komme.

Das Mädchen war sauber, gesund und fleißig und hatte ein hübsches Vermögen,
und der Klas war wohl nicht abgeneigt, sie zu heiraten,- aber er hatte Beden-
len, ob es nicht Unfrieden mit der Mutter geben werde, wenn er eine junge Frau
ins Haus nehme.

Uber diesen Bedenken verging die Zeit, und so wurde mit einem Male erzählt,
daß der Sepp sich mit dem Mädchen verlobt hatte und auch bald Hochzeit machen
wollte. Oie Hochzeit wurde denn auch gefeiert, und das junge paar lebte In Ruhe
und Frieden bei einander.

Der Krieg kam und beide Männer mußten ins Feld.

Der Klas sagte zu seinem Bruder: „Ich habe mir ja manchmal gedacht, es ist
eine Dummheit von mir gewesen, daß ich die Marie nicht genommen habe, aber
man weiß doch nicht, wozu alles gut ist. Man zieht leichter hinaus, wenn man
nichts zu Hause zurückläßt."

Nachdenklich erwiderte der Sepp: „Ia und nein. Wir erwarten nun ein Kind.
Und man weiß doch, daß zu Hause Jemand stht, der sich darauf freut, daß man
zurückkommt."

Oer Sepp erhielt noch die Nachricht, baß ihm ein Sohn geboren sei; er freute
sich und sprach viel mit seinem Bruder über die Pläne, die er mit dem Kind hatte.
Bei einem nächtlichen Sturmangriff, an dem die Brüder beteiligt waren, sah der
Klas seinen Bruder stürzen; er kniete bei ihm nieder, da sagte der Sepp zu ihm:
„Mit mir ist es aus, grüße meine Frau, küsse den Jungen, und wenn es dir nicht
zuwider ist, so heirate die Marie, sie ist eine gute Frau, und sei gut zu meinem
Jungen "

Oer Klas mußte aufspringen und weiter laufen.

Der Angriff mißglückte, die Deutschen mußen zurückgehen und ihre Toten und
Verwundeten dem Feinde lassen.

Der Krieg zog sich immer länger hin. Oer Klas kam auf Urlaub und er-
zählte der Marie von dem Gefallenen, er nahm das Kind auf den Arm und
ließ es auf seinem Knie tanzen, die Mutter seufzte und sagte: „Es Ist eine
schwere Zeit."

Nun wurde Frieden. Oer Klas zog wieder in sein Haus, die Mutter war
gestorben, die Arbeit hatte sich angehäust; er war nun der einzige Stellmacher
im Dorf.

Er überlegte sich, was ihm der Bruder gesagt hatte, es wäre ihm auch nicht
lieb gewesen, wenn ein Fremder in bas Besitztum des Bruders hineingeheiratet
hätte, denn er mußte ja mit dem andern Stellmacher auskommen; so beschloß er
denn, die Witwe zu heiraten, in das Haus des Bruders zu ziehen, sein eignes
Haus an einen Maurer zu vermieten, der zuziehen wollte, und seine Gründe von
dem neuen Hof aus zu bewirtschaften; wenn die Arbeit zuviel wurde, dann dachte
er noch einen Gesellen anzunehmen, später, wenn erst wieder vernünftige Löhne
waren.

So tat er nun, und es ging alles gut.

Aber der Sepp war nicht tot. Oie Franzosen hatten ihn ausgenommen, sie
hatten ihn in ein Lazarett gebracht, er hatte lange gelegen; der Schreck über ent«
schliche Dinge, welche er auf dem Verbandplatz gesehen, hatte so auf ihn gewirkt,
daß er völlig gelähmt war und auch die Zunge nicht gebrauchen konnte. Bei seinem
sehr gesunden und kräftigen Körper erholte er sich zwar langsam, konnte aber
immer keine Nachrichten nach Hause geben.

Dann ward er mit Andern verschleppt, als der Waffenstillstand kam, ver-
wendete man ihn für allerhand zwangsmäßige Arbeiten; ihm wie den Andern
war verboten, Briefe zu schreiben; er wurde inzwischen gänzlich gesund, ver-
abredete sich mit einigen Genossen zur Flucht; die Flucht gelang, und so kam er
eines Abends sehr spät in seinem Ort an.

In seinem Hause war noch Licht; er sah durchs Fenster, da sah er seine Frau
am Backtrog stehen und Teig kneten. Er klopste ans Fenster, sie streifte den Teig
oberflächlich ab, öffnete mit dem kleinen Finger das Schiebefenster und rief
hinaus, da ergriff er durch die kleine töffnung mit beiden Händen ihren Kopf
und küßte sie.

Sie schrie laut auf und stürzte zurück, aus dem Schlafzimmer trat der Klas in
Strümpfen, ohne Rock und Weste, mit abgestreisten Hosenträgern, er hatte eben
zu Bett gehen wollen.

hnwägelchen

Paul Ernst

„Oer Sepp ist wieder da," schrie die Frau, bann sank sie halb ohnmächtig auf
die Bank. Sie legte die Hände in den Schoß, da merkte sie, daß die Arme noch
voller Teig waren, sie erhob sich und kratzte sie mit dem Schaber ab.

Inzwischen hatte sich der Klas den Rock übergeworfen, war in die Holzpantof-
feln getreten und hatte dem Bruder geöffnet.

Oer trat ein, mager, gebückt, mit grauem Haar und tiefliegenden Augen. Matt
setzte er sich auf einen Holzstuhl, er hatte seit langen Stunden nichts gegessen. Oie
Frau brachte Brot, Butter, Schinken und kochte zwei Eier.

„Ihr habt die Not hier noch nicht," sagte der Sepp kauend. „Im Rheinland
essen die Leute Brot aus Sägespänen und Eichenlaub."

Oer Sepp verlangte das Kind zu sehen; er ging in die Schlafkammer; da lag
der fünfjährige Knabe, die Wangen waren ihm vom Schlaf gerötet, er hatte die
Händchen überm Kopf liegen. Oer Sepp faltete die Hände, die Tränen rollten
ihm aus den Augen.

„2a, ich habe viel durchgemacht," sagte er. Er zog aus der Tasche ein kleines
Spielzeug, einen Eisenbahnwagen aus Blech gestanzt, wie man ihn in den großen
Städten auf der Straße für zehn Pfennige kaufte, das legte er leise auf das Kopf,
kiffen des Knaben.

Dann ging er wieder in die Stube.

Nun setzten sich die drei zusammen und besprachen sich, was werden sollte. Oie
beiden Männer waren im Krieg weit herumgekommen. „Hier können wir nicht
bleiben," sagte der Sepp, „ich mag nicht im Maul der Leute sein. Wir müssen
alle beide fort. In den selben Ort können wir auch nicht wieder ziehen, das tut
nicht gut, die Frau muß wissen, wohin sie gehört. Es hat mich keiner gesehen;
ich gehe morgen früh, ehe die Leute aufgestanden sind, ich suche mir ein Anwesen
in der Fremde."

Dann wurde abgemacht, baß der Klas beide Anwesen verkaufen sollte, dann
sollte er Frau und Kmd zum Sepp bringen und sich in einer andern Gegend
selber etwas suchen.

Oie beiden Männer hatten die Besprechungen beendet, die Frau hatte still zu-
gehört, indem sie den gesunden und schönen Klas mit dem verfallenen Sepp ver-
glich. Sie dachte daran, daß sie den Klas von Anfang an lieb gehabt hatte, und
daß sie gut mit ihm lebte, denn er war ein fleißiger und ordentlicher Mann, und
so kamen ihr die Tränen.

Oie beiden Männer standen auf, plötzlich wurde ihnen klar, daß sie wegen des
Nachtlagers eine Einrichtung treffen mußten. Alle drei wurden verlegen; der
Sepp sagte: „Geht ihr in die Kammer, ich schlafe auf dem Heuspeicher; ich muß
doch vor Tau und Tag wandern, und es ist besser, wenn nichts am Gewohnten
geändert wird." So brachte denn der Klas den Bruder auf den Speicher, dann
kam er zurück.

Er traf die Frau auf der Bank sitzend, den Kopf auf die Hände gestützt. „Das
ist eine Schlechtigkeit von ihm, daß er zurückgekommen ist," sagte sie. „Es war
alles gut. Ich habe meinen Kummer gehabt, ich bin über ihn fo:tgekommen. Nun
habe ich meinen Mann, ich habe mich eingewöbnt, nun soll ich wieder zu ihm
zurück. Wir sollen ihm das andere Haus mit dem Grund geben. Wer gestorben
ist, der hat kein Recht mehr." Oer Klas wurde verlegen, er antwortete ihr kurz:
„Du schwatzt, wie du es verstehst."

Aber nun sprach die Frau weiter, er hörte mürrisch zu. Dann machte er Ein-
Wendungen, sie sprach wieder. So blieben die beiden eine lange Zeit, dann holte
der Mann die schwere Holzaxt, die Frau nahm das Licht; so gingen sie leise auf
den Speicher. Sie hörten den Sepp schnarchen. „Wenn der schläft, wacht er nicht
auf, wenn neben ihm eine Kanone abgeschoffen wird," sagte die Frau, „das kenne
ich." Sie traten vor ihn, da lag er mit offenem Mund, in dem ausgemergelten
Gesicht traten häßlich die Knochen vor. Oer Klas hob die Axt und schlug ihm mit
dem umgekehrten Ende auf den Kopf; es klang, wie wenn man einen leeren Topf
zerschlägt. Ein halb erstickter, halb abgerissener Schrei kam, die Augenlider waren
entsetzt aufgerissen, die Augen verdrehten sich, dann zuckte der Körper, dehnte sich,
lag still da.

Die Frau suchte einen Zweizentnersack vor, und die beiden steckten den bieg-
samen, warmen Leichnam hinein. „Vielleicht hat er noch etwas in der Tasche ge-
habt?" fragte die Frau. „Laß, laß," sagte der Mann hastig, bann lud er den
Sack auf den Rücken, indem die Frau half, und ging die Stiege hinunter. Oie
Beiden gingen zum Stromufer, wo der Kahn angekettet lag; der Mann trug den
Toten, die Frau hatte die Ruder auf der Schulter. Sie setzten den Sack in den
Kahn, suchten Steine zusammen und taten sie zu dem Toten, dann banden sie
den Sack fest zu, machten den Kahn los und ruderten in die Mllte des Stromes.
Dort zogen sie die Ruder ein, der Mann wälzte den Sack über den Rand ins
Wasser, indem die Frau auf der andern Seite das Gleichgewicht hielt; der Sack
plumpste dumpf unter, die beiden ruderten zurück, ketteten den Kahn an, und
gingen still nach Hause.

«s hatte niemand etwas vom Sepp gesehen, und das Verbrechen hätte un.

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Carl Friedrich Paul Ernst: Das Eisenbahnwägelchen
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