Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 26.1921, Band 1-2 (Nr. 1-31)

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Leiter

V o it ^l m brose

An einem sonnigen Nachmittag im Herbste des Jahres 1861 lag ein
Soldat in einer Gruppe von Lorbeerbüschen zur Seite einer Straße in
Westvirginicn. Er lag lang ausgestreckt auf dem Bauche, die Fersen nach
oben, den Kopf auf dem linken Unterarme. Mit der ausgestrcckten rechten
Hand umfaßte er lose das Gewehr. Wäre seine Körperlage nicht so
zweckmäßig gewesen, und hätte sich nicht die Patronentasche auf der Rück-
seite seines Leibriemens regelmäßig ein wenig auf und nieder bewegt,
so hätte man glauben können, er sei tot. Er schlief — auf Posten. Wäre
er ertappt worden, so wäre er kurz darauf wirklich tot gewesen,- das
war nach Recht und Gesetz die Strafe für sein Verbrechen.

Das Lorbeergcbüsch, in dem der Verbrecher lag, stand in der Biegung
einer Straße, die bis zu diesem Punkte einen steilen Abhang in südlicher
Richtung cmporgestiegen war, sich nun scharf nach Westen wandte und
etwa hundert TZards auf der Höhe entlang führte. Dann bog sie aber-
mals nach Süden um und führte im Zickzack durch den Wald bergab.

An dieser zweiten Biegung stand ein großer flacher Felsblock, der aus
der Kammlinie nach Borden hervortrat und das tiefe Tal überschaute,
aus dem die Straße heraufführte. Der Block krönte eine hohe Felsen-
wand. Wenn von seinem äußeren Rand ein Stein losbröckelte, so mußte
er zweitausend Fuß senkrecht in die Tiefe auf die Wipfel der Fichten
fallen. Die Ecke, an der der Soldat lag, bildete gleichsallls einen Vor-
sprung derselben Felswand. Wäre er wach gewesen, so hätte er nicht nur
das kurze Straßenstück auf der Höhe und den vorlrctendcn Felsblock,
sondern von der Seite her den ganzen Steilabfall darunter zu über-
blicken vermocht. Ein Anblick, der ihn wohl hätte schwindeln machen können.

Das Gelände war durchwegs bewaldet, mit Ausnahme des Tal-
grunds im Borden. Hier war eine kleine, natürliche Wiese gebildet,
durchströmt von einem Flusse, den man vom Rande des Tales aus wohl
nicht sehen konnte. Diese offene Fläche sah kaum größer aus als ein
gewöhnlicher Hofraum, umfaßte aber in Wirklichkeit mehrere Acker
Landes. Ihr frischeres Grün stach gegen das dunkle des umgebenden
Waldes ab. Jenseits erhob sich abermals eilte Kette voit riesigen Fels-
wänden, gleich denen, voit welchen aus wir dieses wilde Landschastsbild
überblicken, und durch die unsere Straße sich irgendwie bis zur Höhe
hinaufwindet. Bon unserm Standpunkt aus machte das Tal den Ein-
druck, als ob es rings von Felsen cingcschlossen wäre, man konnte sich
nur wundern, wie die Straße, die aus ihm herausführte, sich bis zu
ihm hineingefunden hatte, und woher der Fluß kam und wohin er floß,
der die Wiese zweitausend Fuß unter uns durchschnitt.

Eilt Land kann noch so wild und uitwegsam sein, der Mensch macht
es doch zum Kriegsschauplatz. Dort unten iit dieser militärischen Mause-
falle, in der ein halbes Hundert Maitir durch Besetzuitg der Zugänge
eine ganze Armee aushungern und zur Waffenstreckung zwingen koititte,
lagen im Walde versteckt fünf Rcgiinenlcr Unionsinfanterie. Sic wareit
den gaitzen vorhergehendcnTagund dieBacht durchmarschicrt tind ruhleit
jetzt. Bei Einbruch der kommenden Nacht wollten sie wieder aufbrechcn,
die Straße bis auf die Höhe hinaufsteigen, wo ihr pflichtvergesscncr
posten jetzt schlief, dann auf der andern Seite des Bergkamms hinab-
steigen und etwa um Mitternacht ein feindliches Lager überfallen. Sie
hofften es zu überrumpeln, denn die Straße führte in seinen Rücken.
Mißglückte der Handstreich, so war ihre Lage verzweifelt, und er mußte
mißglücken, wenn der Feind durch Zufall oder eigene Wachsamkeit von
dem Unternehmen Kunde erhielt.

Der schlafende Posten in dem Lorbeergehölz war ein junger Mann
aus Birginien mit dem Bamen Carter Druse. Er war der einzige Sohn
wohlhabender Eltern und hatte von den Annehmlichkeiten einer verfei-
nerten Lebensführung soviel kennen gelernt, wie Wohlstand und Geschmack
in Veit wcstvirginischcn Bergen zu bieten vermochten. Seine Heimat
war nur wenige Meilen von dem Ort entfernt, wo er jetzt lag. Eines
Morgens war er vom Frühstückstisch aufgestanden und hatte ruhig, abel-
ernst gesagt: „Vater, ein Unionsregiment ist in Graston eingctroffen.

Ich gehe hin und trete ein." — Der Vater hob sein Löwenhaupt, sah
den Sohn einen Augenblick schweigend an uild erwiderte: „Geh, Carter,

r m Himmel

B i e r c e *)

und was dir auch begegnen mag, tu, was du für deine Pflicht hältst.
Birginien, an dem du zum Verräter wirst, muß ohne dich auskommen.
Sollten wir beide das Ende des Kriegs erleben, so will ich wieder davon
sprechen. Deiner Mutter geht es schlecht, wie du vom Arzte weißt. Im
bestell Falle kann sie uns nur noch wenige Wochen erhalten bleibe».
Aber diese Frist ist kostbar. Es wäre besser, wir sparten ihr die Unruhe."

Carter Druse verneigte sich ehrerbietig vor seinem Vater, der den
Gruß mit würdevoller Höflichkeit erwiderte, um seine tiefe Erschütterung
zu verbergen. Dann verließ er die Stätte seiner Kindheit, um Soldat
zu werden. Durch Pflichtgefühl uild Tapferkeit, durch Taten voll Selbst-
aufopferung und Wagemut erwarb er sich bald die Anerkennung seiner
Kameraden und Offiziere. Denselben Eigenschaften und seiner Landes-
kenntnis verdankte er es auch, daß er zu seinem gegenwärtigen gefahr-
vollen Dienst auf dem weitest vorgeschobenen Posten ausersehen wurde.
Iildessen die Müdigkeit war stärker als sein Wille gewesen, und er war
eingeschlafen. Wer will sagen, welcher gute oder böse Engel ihm im
Traume erschien, um ihn aus seinem strafwürdigen Zustand aufzuwccken?
Unsichtbar, unfühlbar, unhörbar in der liefen, regungslosen Stille des
Spätnachmittags berührte ein Bote des Schicksals das Auge seines
Gewissens und löste das Siegel des Schlafs, flüsterte ins Ohr seines
Geistes das geheimnisvolle „Wachaus!", das nie ein menschlicher Mund
gesprochen, nie ein Menschcnherz bewahrt hat. Ruhig erhob er die Stirn
von seinem Arm und sah zwischen den schützenden Stämmchen der Lor-
beerbüsche hindurch. Unwillkürlich umfaßte dabei seine Rechte den Gc-
wehrschaft fester.

Sein erstes Gefühl war ein lebhaftes künstlerisches Entzücken. Auf
einem kolossalen Sockel, dem Felsabhang, stand regungslos am äußersten
Rande des bekrönenden Fclsblocks, scharf gegen den Himmel abgezeich-
net, ein Reiterstandbild von eindrucksvollster Würde. Der Reiter saß
straff und militärisch auf seinem Rosse, aber mit der Ruhe eines griechi-
schen Gottes in Marmor. Der graue Waffenrock stimmte zu dem luftigen
Hintergrund. Alles Metallische an der Montierung und am Sattelzeug
war durch den Schatten gedämpft und ausgeglichen. Das Fell des
Pferdes zeigte keinerlei Glanzlichtcr. Ein Karabiner lag in auffallender
Verkürzung quer über dem Sattclknopf, von der rechten Faust am
Kolbenhals gehalten. Die Linke, die den Kandarcnzügcl faßte, war nicht
zu sehen. Das Profil des Pferdes stand als Silhouette gegen den
Himmel und war scharf wie eine Kamee ausgeschnitten. Es schaute über
den Abgrund hinweg nach den gegenüberliegenden Felsenwänden. Das
Gesicht des Reiters war ein wenig nach links gewendet und ließ nur
die Umrißlinie von Schläfe und Bart sehen,- er blickte hinunter in die
Tiefe des Tals. So frei gegen den Himmel gestellt, in so furchtbarer
Bähe eines lauernden Feindes, erschieir die Gruppe von übermenschlichen,
ja fast kolossalen Maßeir.

Im ersten Augenblick hatte Druse eiir scltsaines unklar erfaßtes Ge-
fühl, daß er bis zum Ende des Krieges geschlafen hätte und nun ein
edles Kunstwerk vor sich sähe, das auf dieser beherrschenden Höhe er-
richtet sei, um an die Taten einer heldenhaften Vergangenheit zu erinnern,
von der er selbst ein unrühmliches Stück gewesen war. Eine leichte Be-
wegung der Gruppe verscheuchte dieses Gefühl. Das Pferd hatte, ohne
die Füße von der Stelle zu bewegen, seinen Körper ei^ wenig vom
Rande zurückgezogen,- der Reiter verharrte unbeweglich wir zuvor. Jetzt
war Druse hell wach und völlig im Klaren, was die Situation zu be-
deuten hatte. Er schob den Lauf des Gewehres vorsichtig durch das
Buschwerk, brachte den Kolben an die Backe, spannte den Hahn und
richtete es, durchs Visier spähend, auf eine tödliche Stelle auf der Brust
des Reiters. Ein Fingerdruck auf den Abzug, und alles wäre für Carter
Druse gut gewesen. In diesem Augenblick wandte der Reiter den Kopf
und blickte nach der Richtung, wo sein verborgener Feind lag, — schien
ihm gerade ins Gesicht zu blicken, in die Augen hinein, in sein tapferes,
voit Mitleid erfülltes Herz.

Ist es denn so furchtbar, einen Feind im Kriege zu löten — einen
Feind, der ein Geheimnis entdeckt hat, von dem das eigene Leben und

*) AuS dffm Amerikanischen übersetzt von HanSpoeschel. (AuS den Novellen »Physiognomien deS TodeS". Georg Hirth'ö Verlag, München.)

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Ambrose Bierce: Der Reiter im Himmel
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