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Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 34.1929, (Nr. 1-52)

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/

J U G E

3 4. JAHRGANG

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e

VON ERNST RÖMER

Der Vorteil eines nach Süden gelegenen Arbeitsraumes ist un-
bestritten. So unbestritten wie die Tatsache, daß man solche Gunst
alsbald hinnimmt mit der abstumpfenden Gewöhnung, die dem
Menschen unserer Zivilisation eignet. Eine zahme Erkenntnis, ge-
wiß. Doch steht sie hier Ln Zusammenhang mit dem zu Berichten-
den und kam mir von ungefähr, als ich gestern zur Nachtzeit die
Fensterflügel meines Arbeitsraumes aufstieß. Meines eben nach
Süden gelegenen Arbeitsraumes. Es war tief «in der Nacht, sehr
beruhigt und klar, und im Süden kulminierte der Orion. Das
Sternbild stand hoch, ich mußte mit zurückgebogenem Kopfe schauen.
Genau im 'Augenblick einer so spähenden Körperhaltung flog mich
hellstes Erinnern an; erschreckend und schmerzhaft gegenständlich: —

Der Mulatte neben inir, wie er seinen wolligen Schädel aus dem
Türrahmen reckt, die gefragte Uhrzeit vom Firmament abliest-
„passa da oinco, Senhor!“ . . .

Ja, so war es. Und ich spüre das Gedröhn der Brandung in
meinem Blut, der Brandung von
Porto Grande. O du Jugend! Da
sind Palmenhaine, die unter Ster-
nen sich breiten; ein im Traum
kläffender Hund, jammernde Kehl-
laute eines Eseltieres. Und das
nordische Herz so von Sehnsüchten
schwer. O du Jugend!

Passa da cinco — es ließ mich
einen zehn Meter langen Fluch die
stinkende Gaste hinunterschicken und
hinter ihm dreinhetzen: fünf Uhr

durch — dein Dampfer ist weg!

Aber im keuchenden Lauf hielt
mein weinverwüsteteS Hirn hart-
näckig sein Staunen fest: über das
Wunder des Blutes, das diesem
Mischling der Kapverden die Na-
turgaben seiner afrikanischen Ur-
heimat gelassen hatte. Was für
ein Kerl! Zwinkert fröstelnd und
verschlafen in den Nachthimmel
und sagt: „Passa da omco“. Von
feiner Haustüre aus. Daheim
würde Herr Krüger die Schläge
der Turmuhr zählen. Was für
ein Kerl! Es zwang mich, stehen-
zubleiben und m die Höhe zu
gucken. Beschämt und lernbegie-
rig: weiß Gott, der Orion. An
ihm mußte erS abgelesen haben.

Wichtiger indessen, — mein
Schiff war in See gegangen. Ohne
mich. Kein Zweifel. Ich saß auf
einem umgestülpten Kohlenkorb am
Pier und starrte in den dunklen
MeereSraum, der das Schiff aus-
genommen hatte. Sicher vor Stun-
den schon. Natürlich. Um zwei Uhr Hafengasse

spätestens, hieß es, würden wir Anker aufgehen. Bis dahin hätte
ich zurück fein müssen. Aber ich hatte die Zeit verpennt. Eine
schöne Schweinerei! Da war ich also wieder mal versackt; diesmal
in Porto Grande auf Sankt Vincent. Und keinen Cent mehr
in der Tasche. Klar: der Alte riß sich eines Matrosen wegen kein
Bein aus. Er mußte weiter.

Mein Schädel . . . was war nur . . Wein getrunken, sehr viel
wohl, Und dann daS Mädchen. Doch — ein -sehr schönes Mäd-
chen. Don einer lautlosen Leidenschaft war dieses Mischblut ge-
wesen. Ja. Wo zum Teufel kam vorhin der Nigger her, der
dir ausgemacht hatte? Die kannten übrigens kein Schloß hier-
zulande. Er hatte ja nur einen schräg gegen die Tür gestemmten
Balken fortgenommen: Passa da c>kico, Senhor . . .

Danke sehr. Dann muß eS ja bald sechs sein. Ja, eS dämmert

schon. Drüben schält sich San Antonio heraus. Pastaro-Leucht-

feuer zwinkert armselig und wie ein entzündetes Auge. Und du

sitzt hier auf einem Kohlenkorb.

Ausgezeichnet. Gleich werden die

ersten Hafenarbeiter erscheinen.

Sie werden sich gegenseitig in die

Rippen puffen, die Schwarzen,

und ihr niederträchtig gesundes

Buschlachen herauskollern: hallo,

sallor-man, hast du deinen Kahn

verpaßt? Gute Mädchen gibÜS

auf Sao Dicente, was?

Ich nahm mich beim Rockkragen

und brachte mich in Gang. Um die

erwachende Ortschaft herum, gegen

hügeliges Gelände an. Unter einer

Tamariske warf ich mich hin.

Irgendwo muß eine Ziege mek-

kern — — im Spalt meiner

Augenlider blinkt der Raum . . .

träger Zweigwedel im Winde . . .
*

Die Strahlen der westlich stehen-
den Sonne ruhten auf der Bucht,
als ich erwachte. Sogleich hieb das
Bewußtsein meiner Lage auf mich
ein. Und ein überaus heftiges Ge-
fühl von Durst und Hunger; das
rasende Verlangen nach Tabak.
Das war gut so, weiß ich heut.
Denn >in solchen Fällen ist häufig
die Innervation eines Entschlusses
von dem Grad körperlicher Bedürf-
nisse abhängig. Damals wurde
mir das so bestätigt: ich sah unten
in der Bucht einen großen Damp-
fer liegen, der von Süden gekom-
men sein mußte. Ich sah weiterhin,
daß von diesem Dampfer eben
eine Gig abgesetzt hatte; die
Rudolf Wlrth nassen Riemen der Rudernden
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Rudolf Wirth: Hafengasse
Ernst Römer: Zufallsgeschichte
 
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