Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 35.1930, (Nr. 1-52)

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DAS LEBEN / VON MAXIM GORKI

Überrascht hielt das Leben auf seinem Wege
inne und sah staunend auf die Menschen, die
es umringten wie eine Horde alter Bettler
eine reichgekleidete und geschmückte Kauf-
mannsfrau vor dem Portal der Kirche. Diese
Menschen stöhnten und klagten, sie jammerten
und erbettelten ein Almosen des Lebens. Sie
schrien mit wüsten Stimmen, nur um be-
obachtet zu werden, sie warfen sich vor dem
Leben nieder und umklammerten mit gierigen

Fingern seine Füße, halb erstickt von der
Tollheit ihrer Gelüste.

Das Leben aber strahlte seinen Glanz über
sie aus, ohne ihrer Klagen zu achten. Es
lächelte mit dem Lächeln des Weisen. Es
schwieg und lauschte dem einförmigen Lied
ihrer Bitten.

Hämisch lächelnd zänkelte ein Übersättigter:

„Leben! Wie bist du armselig und eintönig!
Ich war überall auf Erden, habe alles ge-

sehen! Ich sah die Ruinen der Vergangenheit,
ich sah die Nöte der Gegenwart! Was soll
die Zukunft nun bringen? Ich dachte, deine
Geschenke seien zahllos und reich, deine Frei-
gebigkeit sei unerschöpflich! Siehe! Noch habe
ich mein Leben lange nicht beendet und schon
gelüstet es mich nach nichts mehr als dem
Ende dieses sinnlosen Strebens! Gib mir neue
Wünsche, zeige mir Erstrebenswertes, dann
wird meine Seele wieder froh werden!
Alfred Kubin: Orpheus mit den Tieren
Maxim Gorki: Das Leben
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