Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 39.1934, (Nr. 1-52)

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DIE GESCHICHTE EINES PHILOSOPHEN

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N R. 2

Mein Freund Georg, das ist sonst ein ganz
netter Junge. Aber eine verteufelte Angewohn-
heit hat er. Man kann ihm erzählen, was man
will: JedeSmal, wenn man fertig ist, zuckt er
zweimal mit der linken Schulter, hebt erstaunt
den Kopf und fragt: „Ja, und —?"

Auf den ersten Blick scheint das eine zwar
dumme, aber nicht sehr gefährliche Unart zu
sein. Wenn zum Beispiel irgendein Mann zu
ihm sagt: „Herrliches Wetter heute!" — und
Georg mit der Schulter auf und nieder zuckt
und fragt: „Ja, und —?", so ist der Mann
wohl ein wenig irritiert. Möglicherweise fügt
er noch hinzu: „Ich meine nur so", und viel-
leicht wirft er auch einen scheuen Blick auf
Georg. Damit aber ist dann die Szene wohl
zu Ende.

Neulich ist es dann so gekommen, wie es
kommen mußte. Georg und ich standen auf der
Straßenbahn. Neben uns lehnte ein eleganter,
aber immerhin zwei Meter großer und sehr
muskulöser Herr. Georg war nicht recht zu-
frieden mit sich und mit der Welt. „Ich
brauche eine Frau", sagte er, „ich möchte mich
gern verloben, bind vor allem brauche ich ein
Paddelboot mit blauem Deck und weißem
Rumpf, damit ich mit meiner Braut nach dem
Müggelsee fahren kann, und dann brauche
ich-"

„Geld", lächelte ich, „damit du dir ein
Paddelboot kaufen kannst. Vorläufig aber
hast du kein Geld, und ich habe erst recht
keins."

Georg hob erstaunt den Kopf, „ja, und —?"
fragte er.

In diesem Augenblick griff der große, mus-
kulöse Herr neben uns in das Gespräch ein.
„Ich weiß jemanden", sagte er, „der hat ein
erstklassiges Paddelboot zu verkaufen."

„Ja, und —?" zuckte Georg die Achsel.

Da fing der Herr an, von dem Mann, der
ein erstklassiges Paddelboot zu verkaufen hat,

VON HANS RIEBAU

zu erzählen. Zuerst sprach er sehr ruhig. Nach
dem dritten „Ja, und —?" aber wurde er
nervös, kam vom Thema ab, und dann redete
er plötzlich von seinem großen Boxkampf.
„Es hätte nicht viel gefehlt", sagte er, „und
dieser Boxkampf wäre für mich die Vorstufe
zur Weltmeisterschaft geworden. WaS aber
tut der Schiedsrichter? Er disqualifiziert mich,
trotzdem das Publikum vor Entrüstung brüllt
und schreit. Er disqualifiziert mich, weil er —
wie sich später herausstellte — bestochen
war."

Georg zuckte zweimal mit der Achsel und
hob den Kopf. „Ja, und —?" fragte er.

In diesem Augenblick hörte ich deutlich, wie
die Zähne des Herrn anfingen zu knirschen.
„Wenn Sie noch einmal,Ja, und —?* sagen",
keuchte er, „schlage ich Sie kurz und klein."

Georg hob erstaunt den Kopf, „ja, und—?"
flüsterte er.

Nunmehr geschah es. Der Herr hob die
Hand, und dann klatschte eS, einmal, zwei-
mal, dreimal.

Georg stand, mit knallroten Backen, wie
betäubt. Zwar zuckte feine Achsel zweimal auf
und nieder und, wie von einer unsichtbaren
Kraft bewegt, hob sich sein Kopf. Aber kein
Wort kam über seine Lippen.

Indessen, wie es ja so geht, war der Zorn
des Angreifers zugleich mit der explosiven Ent-
ladung verraucht. Ja, das Fehlen jeder Gegen-
wehr machte ihn unsicher und ängstlich. Mög-
licherweise hatte er zu fest geschlagen. Mög-

Kleine Reflexion

Das Kind, Gesind und Rind,

Das Haus, die Laus, die Maus,

Die Flut, die Wut, der Hut —

Wie reimt sich das doch gut!

W. y. W.

licherweise gab eS da noch allerlei Scherereien.

„Ich muß Sie um Verzeihung bitten", mur-
melte er schließlich, „mein Temperament ist
mit mir durchgegangen."

Georg zuckte zweimal mit der linken Achsel,
hob erstaunt den Kopf und sagte: „Ja,

und —?"

Das verwirrte den anderen nun erst recht.

„Ich bin ja gern bereit", stotterte er. „Ich
weiß nur nicht, wie Sie es aufnehmen... Ich
möchte natürlich keinen Skandal — —"

bind schon hatte er einen Zwanzigmark-
schein in der Hand und reichte ihn Georg.

Georg nahm den Schein, zuckte zweimal
mit der Achsel, hob erstaunt den Kopf und
sagte: Ja, und —?"

Der Herr schluckte ein paarmal trocken hin-
unter, warf einen hilfesuchenden Blick um sich
und reichte Georg einen zweiten Zwanzigmark-
schein.

„Ja, und —?" fragte Georg.-

Als die Straßenbahn hielt, hatte er sechzig
Mark in der Brieftasche. Wir gingen sofort
in BonnemannS Weinstube. „Das Paddel-
boot!" flüsterte ich. Georg aber bestellte eine
gute Flasche. „Haben Sie vielleicht zufällig
Rheinlachs da?" fragte er den Kellner.

„Jawohl", nickte der Kellner, „und ganz
frische holländische Austern auch."

„Ja, und —?" fragte Georg.

„bind ein Entrecote Strindberg könnte ich
empfehlen", dienerte der Kellner.

„Ja, und —?"

„Ente."

„Ja, und —?"-

„Hör mal", sagte ich, als das Frühstück zu
Ende war, „ich habe es ausgerechnet: Du wirst
die Rechnung gerade eben bezahlen können.
Davon aber, daß du dir ein Paddelboot kaufst,
um mit einem Mädchen Ausflüge nach dem
Müggelsee zu machen, kann keine Rede mehr
fe*n* (Fortsetzung Seite 29)

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Hans Riebau: Ja, und-?
Wolfgang v. Weber: Kleine Reflexion
Bold (Bolt): Störrisch
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