Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 41.1936

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geift Unö alle die leeren Flaschen grinsten sie
hämisch an, bleckten Zungen nach ihr und
höhnten: Ja — wenn das Geld, das wir
gekostet haben, auf der Bank läge! Wo sind
jetzt die werten Gäste, die unS erbarmungslos
auSgetrunken haben? Weg sind sie, in alle
Winde zerstoben!

Die Erinnerungsbilder beunruhigten mich
immer stärker. Ich fühlte, daß ich mich von
ihnen nur befreien konnte, indem ich an Florians
Stelle wie ein Mann auftrat. Es gab keinen
Ausweg — ich mußte Frau Jlfebill besuchen.
Da ich aber fürchtete, am Ende doch wieder
schwach zu werden, wenn ich es hinausschöbe,
beschloß ich, eS auf der Stelle zu tun.

Die Wohnung hatte sie noch. Das beruhigte
mich ein wenig. Aber als ich den Kopf drückte,
röchelte die Klingel kläglich — o weh. «Ob sie
abgestellt war, um unerwünschte Besucher
fernzuhalten? Aber war i ch denn ein erwünsch-
ter Besucher? Im Begriff, meinem Mut
abtrünnig zu werden, raffte ich mich auf und
klopfte heftig mit dem Knöchel.

Ein Schritt im Gang, die Tür wird geöffnet

— von ihr selbst.

Nun aber Haltung!

Wie ich dastehe und mir die Larve eines
Grinsens der Unbefangenheit vorbinden will,
erkennt sie mich sogleich und bittet mich hinein,

Ihr Gesicht ist schmal geworden. Ihr Haus-
kleid ist sehr einfach. Aber ihre Haltung finde
ich nahezu unverändert.

Wir wechseln einige Sätze im Gang, der
merkwürdig leer aussieht. Sie führt mich in ein
Zimmer, das ich von früher zu kennen glaube.
Da geht die Klingel auf dem Flur und Frau
Jlfebill entschuldigt sich für einen Augenblick.
Ich sehe mich um. Die Bücher und einige
Bilder scheinen noch aus jener Zeit zu sein.
Aber ^der Flügel fehlt, Und der kostbare
Teppich, der damals so bewundert wurde, ist
ebenfalls verschwunden. Statt seiner liegen billige
Dinger am Boden. Ich denke: Da haben wir eS

— sie hat alles Wertvolle hergeben müssen! Aber
Mut: Sich selbst hat sie behalten — das ist
klar zu erkennen. Immerhin ist mir wenig
wohl zumute und in meiner wankenden Männ-
lichkeit verfluche ich den dicken Florian, weil er
ein Feigling ist.

Da kommt Frau Jlfebill wieder herein und
ersucht mich mit einem Lächeln, das ich nicht
enträtseln kann, in ein anderes Zimmer zu
treten; dies hier solle von der eben erschienenen
Scheuerfrau aufgeräumt werden.

Wir gehen hinaus, sie öffnet eine Tür, ich
trete ein und fahre zurück. Mit Mühe unter-
drücke ich einen Aufschrei.

Es ist das greulichste Kitschmuseum, das man
sich auSdenken kann. Ofenschirme, mit Nymphen
bemalt, blecherne Ritter und bunte Zwerge,
Aschenbecher mit der Aufschrift: Ruheplätzchen
für Glimmstengel, Sofakissen mit gestickten
Schwänen.

Ich denke entsetzt: Gibt eS das wirklich noch?
Frau Jlfebill war als eine der geschmack-
vollsten Frauen bekannt gewesen — damals
schon, Und nun daS — in unserer Zeit! Ist sie
irrsinnig geworden, die Arme? Ich sehe sie
bestürzt an.

eS gegeben, einer armen Frau gegenüberzutreten,
bei der er so geschlemmt hat wie ich, als sie
noch reich war. Eine Idee! S i e sollten einmal
hingehn, mein Bester! Sie sind bei weitem
weniger gepolstert und haben darum die Pflicht,
mehr Mut zu beweisen als ich. Seien Sie
ritterlich, Mann! Machen Sie sich auf und
sagen Sie der Frau etwas Angenchmes! Es
geht ja doch nicht an, daß man alte Freunde
in der Not allein läßt!"

Eine Krokodilsträne schimmerte in seinem
Auge. Aber es sollte nicht zur Auswirkung
seiner Ergriffenheit kommen. Er sah einen

ROBERT

ZINNfsR

Bekannten, der ihm zuwinkte, und wälzte sich
ihm entgegen, ein tragi-komischeS Ungetüm.

Im Weitergehen dachte ich an die arme Frau
Jlfebill. Die Erinnerung an ihre einst so unbe-
kümmerten Feste, die der dicke Waschlappen
heraufbeschworen hatte, machte mir zu schaffen.
Der Gedanke, daß sie, die als reiche Frau von
allen bewundert und auSgebeutet worden war,
nun in grauer Einsamkeit verkümmern müsse,
ließ mich nicht wieder loS. Ich stellte sie mir
in einem öden Raum vor, mit anklagender
Miene eine ganze Armee leerer Flaschen
betrachtend: Sekt, edle Rheinweine, Himbeer-

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Robert Zinner: Aus Wien
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