Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 42.1937, (Nr. 1-52)

DOI issue:
Nr. 1
DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.6784#0011
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
ALTE PUPPEN

VON DR. KARL GROBER

Die Spielzeugindustrie, die
seit dem 17. Jahrhundert
in Thüringen blühte, hat
neben dem einfachen,
volkstümlichen Holzspiel-
zeug seit dem 19. Jahr-
hundert auch die Herstel-
lung von Puppen und
besonders von Puppen-
köpfen für jenen Teil des
Abnehmer-Kreises über-
nommen, der höhere An-
sprüche an die Puppe für
sein Kind stellte, als das
einfache Volk. Seit der
Mitte des 19. Jahrhunderts
spielte darum die Puppen-
industrie — wenn man so
sagen darf— besonders in
Sonneberg und Neustadt
eine immer größere Rolle,
bis sie schließlich den
Weltmarkt fast ganz be-
herrschte. Allerdings wurde
allmählich alles, was zur
Ausstattung der Puppe gehörte, von der Frisur bis zum letzten
Bekleidungsteil, als Massenware hergestellt. Die Puppe blieb
nicht mehr Einzelindividuum wie früher, sondern sie kam in
gleicher Uniformierung wie ein Regiment moderner Soldaten in
den Handel. Das Kind in Nordamerika spielte mit dem haargleich
ausgestatteten Püppchen wie das Siedlerkind in Australien oder
in Afrika. Dabei ging viel von dem künstlerischen Wesen, das
jede alte Puppe hat, die nicht in der Fabrik, sondern von der
zärtlichen Mutter und liebevollen Tante an stillen Winterabenden
eingekleidet wurde, verloren. Es ist daher sicher von Reiz und
gewiß für die moderne Industrie, die wieder andere Wege gehen
will und soll, von Wichtigkeit, zu erfahren, was fleißige Hände
früher aus dem einfachen Lederbalg und dem allerdings meist
künstlerisch geschnitzten Kopf für entzückende kleine Mode-
damen gemacht haben. Beschränken wir uns bei dieser Betrach-
tung auf die Puppe des 19. Jahrhunderts und zeigen wir im
Bilde nur Beispiele aus dem sächsischen Kulturkreis. Dies erhöht,
ohne daß es sich der Beschauer klarmacht, das Interesse, denn
selbst der kleinste Gegenstand kann nie den Charakter der
Heimat verleugnen, in der er entstanden.

Die Geschichte der Puppe ist zugleich eine Geschichte der
Mode. Denn in jeder Einzelheit der Kleidung und Frisur mußte
sich die Puppe eng an das lebende Vorbild anschließen. Ein
Abweichen von diesem hätte das kleine Mädchen nie geduldet.
Die Puppe mußte früher genau so aussehen wie die Erwach-
senen, die um das Kind lebten, sie mußte aus- und angezogen
werden können und bis zum intimsten Kleidungsstück durfte
nichts fehlen. Historische Puppen, das heißt solche, die nach
einer vergangenen Mode gekleidet waren, wurden immer vom
Kind abgelehnt. Der Reiz, den sie auf den Erwachsenen aus-
üben können, verfängt bei dem Kinde nicht. Deswegen war bis
ins 19. Jahrhundert nur die Puppe im Kleid der Erwachsenen bei
dem Kinde beliebt, das Wickelkind oder Baby, wie es heutzu-
tage den Spielzeugmarkt beherrscht, fehlte in früheren Zeiten
ganz. Zum Erwachsenenspielen mußte eben auch die Puppe
erwachsen sein, und in welchem Spiel fühlt sich das Kind nicht
schon groß und erwachsen? So ist der Gesamteindruck, den
wir von der Menge all der uns erhaltenen Puppen haben, ein
ganz anderer als der, den wir heute bekommen. Früher war sie
eine nach der Mode gekleidete Dame oder — wie in den
Puppenhäusern — eine arbeitende Hausfrau im Kreise ihrer
Mägde und Diener.

Die Technik in der Herstellung der Puppe hat sich im Laufe der
Zeiten wenig geändert. Der Kopf und die Hände wurden immer
besonders angefertigt, nur wechselte das Material je nach dem
Wert oder Preis der Puppe. Die früheste und auch solideste Art
war die Anfertigung aus Holz, das bemalt wurde. Einer viel
höheren Wertschätzung erfreuten sich aber die Wachsköpfe, die

mit ihrer leicht durchscheinenden Oberfläche intensiver das rich-
tige Leben Vortäuschen konnten. Widerstandsfähiger waren die
Köpfe aus Papiermache, die schon früh beim volkstümlichen
Spielzeug in Thüringen und in Nürnberg von eigenen Hand-
werkern hergestellt wurden. Das spätere 19. Jahrhundert, beson-
ders Sonneberg, verwandte dieses Material hauptsächlich für
seine Massenartikel. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an
kommen die süßlichen Köpfe aus Porzellan auf und waren
besonders beliebt. Heutzutage haben wir uns, Gott sei Dank,
von ihnen wieder so ziemlich abgewendet. Der Puppenkörper
war auch anfänglich meist aus Holz geschnitzt, die Arme und
Beine bewegten sich in einfachen Scharnieren oder waren mit
Schnüren, nach Art der antiken Gliederpuppen, angehängt. Erst
im 19. Jahrhundert wurde das Kugelgelenk eingeführt. Leder-
bälge oder Bälge aus Stoff wurden schon früher benützt, sie
waren mit Lumpen, Kleie oder Sägemehl gefüllt; leider fanden
sie nur allzuoft durch die Neugier der Kinder, auch das Innere
der Puppe zu erforschen, ein frühzeitiges Ende. Die beweglichen
Augen, die heute unbedingt zu einer richtigen Puppe gehören,
sind ebenfalls eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Bei den alten
Puppen finden wir sie noch nicht, ebensowenig finden wir
Puppen mit eingebauten Stimmen, die Mama und Papa sagen.
Im 18. Jahrhundert wurden derartige Stimmen nur bei den Tier-
darstellungen des volkstümlichen Spielzeugs in Berchtesgaden
oder Sonneberg verwendet.

Die Puppe war in früheren Zeiten häufig Trägerin der Mode.
Schon im Jahre 1391 ließ sich die Königin von England Puppen
schicken, welche die neueste Mode, die am Hof von Paris
getragen wurde, zeigten. Solche Puppen zu verschenken, gehörte
auch fernerhin zu den kleinen Aufmerksamkeiten, um die Freund-
schaft der hohen Damen von Hof zu Hof aufrechtzuerhalten, Es
ist erklärlich, daß bei der großen Wichtigkeit dieser Sache
manchmal daraus sogar eine Staatsangelegenheit gemacht wurde.
Als 1497 die Königin Isabella von Spanien von Anne de Bretagne
eine solche Musterpuppe erhalten sollte, war die Aufregung
groß, als sie von der hohen Absenderin für nicht elegant genug
gehalten wurde. Es mußte daher rasch eine neue, reicher aus-
staffierte Puppe angefertigt werden, ehe sie für würdig befun-
den wurde, der spanischen Königin zu zeigen, wie geschmack-
voll man sich am Bourbonenhof zu Paris trug. Wenn 1591 die
Herzogin von Lothringen einer kleinen Wittelsbacher Prinzessin
in München als Taufgeschenk mehrere solcher kostbarer Puppen
schickte, so galt ihre Aufmerksamkeit wohl mehr der fürstlichen
Wöchnerin. Diese Modepuppen, die noch im 17. und 18. Jahr-
hundert eine große Rolle spielten, wurden, wenn sie ihrem
Zweck gedient, dem kleinen Mädchen überlassen. So konnten
sie der eleganten Mutter die gleiche Freude machen wie dem
kleinen Mädchen.

Die Puppe sollte schon damals und soll noch heute die keimen-
den Gefühle der Mütterlichkeit bei dem kleinen Mädchen
wecken. Dabei ist es sehr fraglich, ob überreiche, anspruchs-
volle und kapriziöse Puppen vermögen, tiefer an das Gemüt des
Kindes zu rühren. Es wird einst gerade wie heute gewesen sein,
daß meist nur das Schlichte, in das die kindliche Phantasie selbst
viel hineinlegen kann, am innigsten geliebt wird. Und vorn
erzieherischen Standpunkt aus gesehen sind sicher die herzigen
Babys und Puppen, die heutzutage unsere kleinen Mädchen
hegen und pflegen, mehr geeignet, den Mütterberuf bei ihnen
vorzubereiten.

Die Puppe wird ewig leben, und eine besonders schöne Puppe,
die dem kleinen Mädchen ans Herz gewachsen ist, wird auch
von ihm stets bewahrt werden und die heranwachsende Frau
meist noch auf ihrem weiteren Lebensweg begleiten. Es ist bei
der Puppe etwas Eigenartiges: sie wird, je älter sie ist, um so
innige, geliebt. Das ist aber nicht weiter zu verwundern, denn
sie ist ja die liebenswürdige Vertraute der schönen Kinderzeit,
und wird, wenn verständige Mutterhände sie in die Mode ihrer
Entstehungszeit gekleidet haben, zum Zeugen vergangener
Kultur und dadurch zum lebendigen Vermittler des Wesens
unserer Vorfahren. Vor einem anderen Kunstwerk aber hat eine
gute alte Puppe den Vorteil, daß sie in ihrer gemütvollen
Beseeltheit als ein Spiegelbild der verflossenen Jugendzeit
weiterlebt.

7
Index
[nicht signierter Beitrag]: Foto
Karl Gröber: Alte Puppen
 
Annotationen