Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 43.1938, (Nr. 1-52)

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AUS UNSEREM SKIZZEN BUCH


Auf den Kamen kommt es an!

appi, was ist eigentlich Diebstahl;",
fragte die kleine Inge ihren schwergeprüf-
ten Erzeuger. Pappi hatte es nicht leicht,
denn er gekörte zu den gewissenhaften
Vätern, die es nicht bei einem: „Rind,
frag nicht so dumm!" oder „Das verstehst
du nicht!" bewenden lassen, „wie kommst
du denn daraus, Rind", fragte er zurück.

— „Hier steht es doch in der Zeitung."
Richtig. Inge war in den letzten Wochen
eine gewissenhafte Zeitungleserin geworden
und da die Zeiten vorüber sind, in denen
man Rindern die Zeitung wegnehmen
mußte, ließ man sie dabei. „Diebstahl ist,
wenn man anderen etwas fortnimmt, das
ihnen gehört, und es sich selber aneignet",
erklärte der Vater nach bestem wissen
und Gewissen, „und das darf man nicht."

— „warum darf man das nicht;", fragte
der (Quälgeist weiter. — „Na, denk doch
bloß mal, wenn alle das tun wollten!
wenn einer käme und dir deine Puppe
wegnahme, das wäre dir doch gewiß nicht
recht." — „Nein, — aber wenn ich sie dir
nun schenke;", strahlte sie. „Ja, dann ist
das etwas anderes", erklärte der Vater
weiter, „was ich kaufe oder geschenkt
bekomme, das gehört mir." — „Aber sieh
doch mal hier. Da hat einer einem Geld
weggenommen und es einem anderen ge-
geben. Und der hat es dann mit ihm
geteilt, Nun hat er doch von dem anderen
etwas geschenkt gekriegt. Ist das auch
Diebstahl;" — „So was nennt man nicht
Diebstahl", sagte der Vater streng. „Das
nennt man ein Mandat!"

München im Schnee

aß Bremen an der See und München
im Hochgebirge liegt, ist jedem bekannt.
Außer den Einheimischen natürlich, wenn
es nicht der Verkehr ist, hört man auf
dem Bremer Marktplatz die Brandung
förmlich donnern, und wenn man eine
Postkarte aus München betrachtet, ist man
fest überzeugt, daß die Stadt tief unten
zwischen schneebedeckten Gipfeln liegt. Da
die Postkartenindustrie unsere Stadt der
Runst stets mit einer Gebirgskette im
Hintergründe darstellt, wird der Eindruck
erweckt, als gelange man vom Hofbräu-
Kaus in spätestens einer halben Stunde
auf die Zugspitze, und selbstverständlich
kann man dort, ohne die Schier abzu-
schnallen, bis gradewegs auf den Marien-
platz abfahren, wozu gibt es denn in
München diese bekanntlich so vielen Ein-
bahnstraßen, wenn nicht der Massen von
Schifahrern wegen, die naturgemäß den
Verkehr sehr behindern. So denkt wohl
mancher Fremde, der nach München in
die Berge fährt.

Dieser Tage nun gab es in München
einen Schneefall, desgleichen die ältesten
Leute, die sich ja bekanntlich an nichts
erinnern können, auch diesmal nicht erin-
nern konnten. Und nun trat tatsächlich
ein, was unsere kühnsten Hoffnungen nicht
zu erträumen wagten: In Bogenhausen
sahen wir ein halbes Dutzend Schifahrer

die Montgelasstraße abfahren. Es gelang
uns, dieselben mit der Bogenhausener
Rirche im Hintergründe und den Straßen-
bahnschienen im Vordergründe zu knipsen
und werden sofort Postkarten davon an-
fertigen lassen, um sie unseren Freunden
zu schicken, wenn der Schnee anhält, tra-
gen wir uns mit dem Gedanken, einen —
„Sie sind soeben gefilmt"-Dienst zu
eröffnen. Zwar hat der Münchener Frem-
denverkehr eine Belebung schwerlich
nötig, aber vielleicht wird der Verkehrs-
verein uns doch dankbar fein.

Große Seeschlange

eit Jahrhunderten wird die zeitung-
lesende Welt durch ein walzenförmiges
Ungeheuer beängstigt, das sich unter dem
Meere hinschlängeln soll, um mit unglaub-
licher Gefräßigkeit Menschen unbegrenzter
Zahl in seinem Bauche aufzunehmen.
Iörmungandr, die Midgardschlange, nann-
ten es die Alten im nebelbrauenden wor-
den. Als große Seeschlange wälzte sie sich
durch die newen Zeyttungen, Gazetten und
Illustrierten Blätter bis in unsere Tage.
Heutzutage besteht das Ungeheuer aus
einem Stahlrohr riesigen Durchmessers,
ist innen elektrisch erleuchtet und enthält
Fahrbahnen für Automobile. Man nennt
das Ungetüm auch Ranaltunnel. In der
neueren Zeit ist es ein Lieblingskind der
Seeschlangenliteratur geworden, von den
Franzosen propagiert, von den ängstlich
isolierten Briten, die einen Einfall fürch-
ten, immer wieder dementiert. Schon
Napoleon plante einen solchen Tunnel,
um nach England einzufallen, und die
letzten Projekte sehen vor, daß der Tunnel
sich schon etwas vor der Rüste aus dem
Meere erhebt und die Straße auf einer
leicht zu beschießenden Brücke weiter-
gehen soll. Ohne Glauben nahmen wir
dieser Tage die Nachricht auf, daß der
Ranaltunnel für Autofahrer aber nun
wirklich Wirklichkeit werde, wie groß
die widerstände diesmal sind, wissen wir
nicht. Einmal aber wird er doch in die
Tat umgesetzt werden, und es gehört zu
den „tiefsten" Genüssen, wenn man mit
dem Auto durch den Tunnel fährt, wäh-
rend mit ihrem Rellerbaß ZaraK Leander
dazu im Radio singt.

Die Jugend

^eiclinunxen von M a C o »


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Redaktioneller Beitrag: Aus unserem Skizzenbuch
Julius Macon: Zeichnungen ohne Titel
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