Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 43.1938, (Nr. 1-52)

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AUS


UNSEREM

SKIZZENBUCH

Zasching

überall bet* kommen Männlein
und weiblein,, alt — und jung — beson-
ders — jung, zum Münchner Fasching,
wer ihn zum erstenmal erlebt, der wird
besonders bestrebt sein, ihn möglichst rasch
und gründlich kennen zu lernen. So auch
ein junges Mädchen, das nach München
kam und von Verwandten ins Deutsche
Theater mitgenommen wurde. Mit über-
schwenglichen Worten schilderte sie in
einem Briefe ihre Ballfreuden: „Ach

Muttchen, es war himmlisch: Ich war
seelig! Nun habe ich doch auch einmal vom
Baum der Erkenntnis genascht!" — Das
kluge Muttchen aber antwortete: „Es
freut mich, liebes Rind, daß du dich so
famos unterhalten hast. Aber merke dir:
wenn man vom Baume der Erkenntnis
nascht, kann man gewaltige Leibschmerzen
bekommen."

Mißhandlung

-^)er Runstmarkt ist heute lebhafter als
jemals seit dem Weltkriege. Bildnisse in
Wasser, <t>l, Stein und Bronze sind beson-
ders beliebt, je nach Preislage; und unsere
Frauen sind der Ansicht, daß man wahre
Schönheit der Fachwelt erhalten müsse.
Zur wahren Schönheit zahlen sie sich
selbstverständlich auch — mit Recht. Das
verführerisch schöne Bild erhalt außer-
dem auf Jahrzehnte hinaus die Treue der

Ehegatten. Denn wenn sie anfangen,
Vergleiche zu ziehen: Das Bildnis hält
jedem Vergleiche stand, wir waren daher
keineswegs überrascht, als wir Zeugen
des folgenden Gespräches wurden:

„Hast du Hilda kürzlich gesehene"
„Heilt, die ist immer beschäftigt."
„was macht sie fcenm"

„Sie will ihrem Mann zu Weihnachten
eine Marmorbüste schenken und geht jeden
Tag zu einem Bildhauer, um Modell zu
sitzen."

Da ließ sich zwischendurch mit leichter
Bosheit die Stimme einer anderen Freun-
din vernehmen:

„Die Arme! Von wem läßt sie sich denn
Haueny"

halblaute Frage: „Ist das nicht Apollon
mit den neun Museny" ,,Vo' mir aus:",
grohnt Dimslechner. Dann nimmt er
energisch Anni bei der Hand und über-
quert die Maximilianstraße, „woaßt as
jetzt, was dees Bild da droma vorstellty",
fragt er grollend. „Naa", erwidert ein-
geschüchtert die Nichte. „Jetzt sowas",
begehrt Bimslechner auf, „dees woaß doch
a jeds Rind, dees siecht doch a Blinder,
daß dees neamd anders net sei ko' wia der
— der — der Napoleon mit der neu'n
Musi!"

Napoleon mit der neuen Nusi

Lin Gemütsmensch

imslechners haben Besuch, Xaver
Bimslechner hat auf Befehl seiner Gattin
die schwierige Aufgabe übernommen, der
Nichte Anni die Sehenswürdigkeiten
Münchens zu zeigen. Die Nichte ist wissens-
durftig; der Durst des Onkels ist sachlicher
Art. Er beschließt ihn an sehenswürdiger
Ouelle zu stillen und nimmt daher Rurs
zum Hofbräuhaus mit seinem Gast. Am
Max-Iosef-Platz gibt es unliebsamen Auf-
enthalt. „was is denn deesy", will Anni
wissen. „As Nationaltheata", erwidert
Bimslechner und strebt weiter. Aber die
Nichte bleibt stehen, bewundert den säulen-
geschmückten Portikus und deutet auf das
Giebelbild, „was stellt denn dees vor,
Onkel Xavery" Bimslechner wirft einen
gequälten Blick auf das Gemälde, über-
hört die unbequeme Frage und will gehen.
Da tritt ein junger Mann, der das Ge-
spräch mitangehört hat, auf Bimslechner
ztl und kleidet seine Hilfsbereitschaft in die

us Amerika kam uns folgendes Inse-
rat: „Meinen Freunden und Bekannten
wird die betrübliche Mitteilung, daß meine
herzensgute Frau, Mutter dreier unver-
ehelichten Töchter mit hoher Mitgift, ver-
schieden ist. Der Tod erfolgte in der
Minute, als sie einem Jungen das Leben
schenkte, für den ich hiermit eine stramme
Amme suche, bei der spätere Heirat nicht
ausgeschlossen ist, falls sie jung, hübsch
und vermögend ist, da ich das Geld zum
Erweiterungsbau meines )§oo gegründe-
ten, wohlrennomierten und wohlassortier-
ten Wäschegeschäftes benötige, nachdem
der Saisonausverkauf in Waschstoffen
und Seiden jeder Art beendet ist, der
heute beginnt und bei enorm billigen
Preisen die größte Auswahl bietet. Aus-
hilfspersonal wird eingestellt!"

Die I u g e n d

7. e i c li n u n g e n v o » M a v‘ o "

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Redaktioneller Beitrag: Aus unserem Skizzenbuch
Julius Macon: Zeichnungen ohne Titel
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