Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 43.1938, (Nr. 1-52)

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a, ja, der Münchener Fasching! Es ist
eine unbändige Jahreszeit, wer es
gewissenhaft nimmt damit, der muß jeden
Abend auf drei Balle gehen und hat vom
Faschingsanfang bis zum Aschermittwoch
zehn Pfund abgenommen, wer eine Ehe-
halste hat, gebe sie beim Handgepäck ab,
oder bei einer anderen Maschkera. A
propo — Verzeihung, propos — Masch-
kera. Es gibt Leute, die sich in echten
Brokat hüllen, mit vierundzwanzig
Unterröcken, und sich mit Betonwallen
von Steifleinen umgeben. Aber solches
Rostüm ist für den Fasching so unge-
eignet wie ein Taucheranzrrg. Rleidet
euch deshalb so leicht als möglich. Denn
ist es draußen noch so kalt: auf dem
Fasching ist es immer zu warm. Und
wem es nicht zu warm ist, dem kann nicht
geholfen werden. Also: Man kleide sich
leichtbeschwingt; Stil ist meistens Neben-
sache, bunt muß es sein, und keck. Und,
vor allem, es muß irgendwie zu einem
passen. Männer, bekleidet euch mit bun-
tem Hemd, Schärpe und weiter Hose,
Frauen, fürchtet euch nicht, offenherzig zu
erscheinen. Stellt eure Eifersucht in den
Eisschrank, denn küssen, — das können
wir nicht verschweigen, — küssen ist
erlaubt. Bewaffnet euch dafür mit
einem kußfesten Lippenstift, er ist nütz-
licher. Noch eine Runst ist nützlich:
Tanzen. Foxtrott, Walzer und Franeaise.
Ungeachtet ihres französischen Namens
ist die Franeaise, zu der Johann Strauß
mit seinen Fledermaus-Melodien Pate
gestanden hat, ein echtes Münchener Er-
zeugnis, Franzä oder auch Frankä ge-
nannt. wer nichts von der Franeaise
versteht, ist ein Analphabet des Faschings.
Aber Münchens Tanzmeister, der Valenci,
wird euch das Analphabetentum schon
austreiben.

Die Münchner Faschingsbälle teilen
sich in zwei Gruppen: Elegant und

gschert. Die ersten sind meistens etwas
steif, aber eine Augenweide für Renner.
Das Deutsche Theater ist symptomatisch

dafür. Die anderen sind „zünfti":
Symptom ist die Schwabinger Brauerei,
wir, die uns zu den Rünstlern rechnen,
haben uns auf den sogenannten Rünstler-
festen in der Regel am wohlsten gefühlt.
Die Bezeichnung Rünstlerfest bedarf noch
näherer Erläuterung: Es gibt in Mün-
chen Hunderte — die Zahl ist nicht zu
hoch gegriffen — von Leuten, die sich
Rünstler nennen und noch nicht ein Bild
verkauft haben. Aber im Fasching blüht
ihr Weizen. Sie sind es, die nüchterne
Brauereisäle in wahre Venusberge ver-
wandeln, die Fabeltiere und gedämpfte
Beleuchtungen konstruieren und trostlose
Räume mit vier kahlen wänden in
Stätten buntschäumender Wollust ver-
wandeln. wie strömt das Bier, wie
dampft die Weißwurst! Dieses für den
Nichtmünchner fade, um nicht zu sagen
unanständige Gebilde im Fasching zu
einem wahren Lebenselixier, das den
tanzmüden paaren blitzartig über den
toten Punkt hinweghilft und sie befähigt,
wieder unermüdlich im Walzertakt zu
schwingen oder in einer der gedämpften
Ecken in zärtlichem Beieinander auszu-
harren, bis der neuhergerichtete Donisl
seine Pforten öffnet, Hier kommt wie-
der Bier und Weißwurst Nr. r, bis daß
der Morgen grauet. Und dann ins Bett.
Gder auch nicht.

In diesem Jahre war und ist der
Fasching besonders ausgiebig: Vom S.
Januar bis zum ). März, mit 3)6 mehr
oder weniger öffentlichen Veranstaltungen
und ungezählten Atelier- und Vereins-
festen. Reine Nation, keine Berufsgruppe
schloß sich vom Fasching aus. Da gab es
niederländische, ungarische, italienische
Bälle und den Ball der Nationen, es gab
Fas chingsfeste des Heeresbekleidungs-
amtes und des Vereins der Zugführer
und Schaffner des Münchener Haupt-
bahnhofs, des Rrankenunterstützungs-
vereins der Schweinemetzger und der
Raminkehrergehilfen, der Frisörinnung
und der Berufsfeuerwehr, der Zahnmedi-

ziner und des Rneippvereins, der Roffer-
träger und der Marine. Schon am
£. Januar schauten in den Straßenbahnen
die bunten Hosen unter den dunklen
Mänteln der buntbemalten Fahrgäste
hervor. Das erste Geplänkel bemerkte
man im Bayerischen Hof, im Bürger-
bräu, im Löwenbräu, im Mathäser, im
wagnersaal und im Seehaus, im Eng-
lischen Garten. Der 15. Januar konnte
schon dreizehn Veranstaltungen an einem
Tage verzeichnen, und am 19. fand im
Deutschen Theater der Einzug Michls I.,
des Prinzen Rarneval, und seiner Prin-
zessin Gaby statt. Damit waren die letzten
Zweifel über die Gegenwart des Faschings
behoben.

Besonders fesch und zünftig war am
rr. der Filmball im Deutschen Theater,
wo jeder seine Filmlieblinge bewundern
und viele mit ihnen tanzen konnten, so-
weit es bei dem Gedränge überhaupt
möglich war. Sie waren reichlich erschie-
nen, unsere Filmhelden und Heldinnen.
Der 29. Januar glänzte mit )6 Ver-
anstaltungen, darunter dem Faschingsball
der Meisterschule für Mode im Baye-
rischen Hof, dem ersten Ball der Ram-
merspiele in den Therubinsälen des Hotels
Vier Jahreszeiten, und der Aufgalopp
der Reichsorganisation „Das Braune
Band von Deutschland" und des Renn-
vereins im Deutschen Theater. 2lm
r. Februar im Bayerischen Hof „Narr-
Rose", im Hackerbräukeller: „Mit dem
Lloydexpreß ohne Geld um die Welt",
Fest des Reichskolonialbundes, und in der
Schwabinger Brauerei die zünftige Er-
öffnungsvorstellung: „Paradies Schwaby-
lon", am 4. Februar nochmals als Gala-
vorstellung wiederholt. Am gleichen Tage
auch der Ball der Nationen im Lherubin.

Am 9. „Auf Safari", nächtlicher Tanz
in Afrika, Fest des Reichskolonialbundes
im Deutschen Theater, am 10. „Malers
Rulturtraum" und im Löwenbräukeller:
Tanz um das Dichterroß, das Faschings-
fest des Autorenbundes. (Schluß auf Seite 1-5.)
[nicht signierter Beitrag]: Bunte Chronik
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