Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 43.1938, (Nr. 1-52)

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enn Mutter zu ^ause pfundweise
Blutreinigungstee schluckt, Vater den
„Bock" literweise bedächtig hinter die
Binde träufeln läßt, die liebe gute
Gchwiegermama mit wahrer Todesver-
achtung alle möglichen Arten Pillen hin-
unterwürgt, zwegn der Entschlackung und
dem Stoffwechsel, wie es in fachärztlichen
Preisen beißt, so ist der Frühling in unser
Land gezogen.

Für 'Rinderwägen beginnt nun die
große Saison, Und in den Tageszeitungen
steht geschrieben: Rinderwagen billig zu
verkaufen, Rinder-Rastenwagen preiswert
abzugeben, Rasten-Rinderwagen umstände-
halber zu veräußern, wenn die ersten
warmen Sonnenstrahlen auf die auf-
springenden Rospen fallen, dann sehen wir
die Rinderwägen in Schwärmen aus-
schwärmen. Rinderwägen mit Strom-
linienform, gummibereift, mit Schwing-
achse und Zentralschmierung, handgesteuert,
vollständig durchrepariert und entwässert.

Frühling, das ist eine ganz große Sache.

Der hoffnungsvolle Sprössling bindet
sich eine neue Rravatte um. Zu 1.45 das
Stück. )5 Mark das volle Dutzend. Lange
sportliche Form mit neuartigem Streifen.
Oder reine, schwere Seide, große Form
mit Wolleinlage. Zieht ein anderes Hemd
an. Ein Sportshemd mit festem Stäbchen-
kragen und neuem, apartem Muster. Er-
freut sich mächtig auf den Samstag-Sonn-
tag. wenn er mit seinem Schwarm zum
erstenmal im Englischen Garten prome-
nieren geht, Nicht Briefmarken kleben
braucht bis ihm die Zunge raushängt.
Auf dunklen, lichtlosen wegen wird er-
gehen. Damit ihm nicht zufällig sein ge-
strenger Thes ins Gehege läuft, der ihm
ganz sicher auf die künstliche Maß-Schulter
klopfen und jovial sagen würde: „Brav,
Pepperl, aus dir wird noch was. weiter-
machen!"

*

Draußen duftet bereits das Land. Von
den duftigen Rleidern der Mädchen duftet
das Veilchenparfüm. Es hängt am Busen
wie ein Marmeladefleck am blütenweißen
Vorsatzhemd. Die Ohrringerl baumeln im
Frühlingswind. Die blankgescheuerten
Ringe glänzen an gepflegten Fingern mit
lackierten Fingernägeln. Die Armreife
winden und klammern sich verzweifelt um
das zarte Handgelenk. Und das alles sieht
aus wie ein herrlicher Weihnachtsbaum.
Der Schleier ist in diesem Frühling
wieder modern geworden, wird sich
vielleicht bis Ende April i§zs behaupten,
was wir allerdings nicht ganz fest be-
haupten wollen. Es kann nämlich auch

schon früher sein. Also verschleiert man
sich sozusagen, wenn es auch für uns
Männer vollkommen schleierhaft ist, wes-
halb. Sicher wegen der nun einsetzenden
Mückenplage. Die ersten kurzen Röcke
sieht man auf der Straße. Die langen
Röcke werden vielleicht für Blusen und
Sportskostüme umgearbeitet, was wissen
wir Männer davon. Es ist auch nicht so
wichtig. Die ersten kurzen Röcke mit knie-
freien Strümpfen, wir haben nichts da-
gegen bei der Figur, wenn wir auch
etwas dagegen hätten. Die Mode ist
dafür! Die ersten Damenhüte der neuen
Mode tauchen auf. Strohhüte mit rück-
seitiger Bandschleife und blumengarniert.
Selbstverständlich blumengarniert.

Frühling, das ist nun mal eine große
Sache.

wenn wir lesen: Osterwunsch! Geb. jg.
Dame, mit reizv. Äußern, entzück. Aus-
steuer, bescheid. in ihren Anspr., naturlb.,
kunstverst., heimatverb., sucht Herrn in
ges. Position, pensionsberechtigt, zwecks
Ehe kennenzul. Größeres Verm. erw.
Angeb. unter „Ostern i§zs". Oder wenn
wir lesen: Jene jg. Dame, welche gestern
im Tafö Ypsilon mit einem Herrn zus.
war, w. um wieders. geb. Br. u. „Früh-
lingstraum". Ein Ausländer wird sich
darüber den Ropf zerbrechen, wir zer-
brechen uns nichts mehr, wir sinds ge-
wohnt. Und wissen es nicht mehr anders.

*

Frühling. Er liegt im Blut wie
schwerer wein.

Der Züngling

warum lieben mich die Frauen nur
im Traum-

Auf der Straße sehen sie mich kaum,
Und doch will ich weder ihre Schemen,
Noch mit raschem Blick in Wirklich-
keit sie nehmen.

Nur die Reinheit lieblicher Gesichter
Nur auf matter Haut verirrte Lichter,
Nur des Lächelns feingeschnittenen
Spuren,

Nur des Hauptes geschwungene Ron-
turen.

will ich in mein Inneres leise saugen —
Doch sie weigern mir die schmalen
Augen.

Rudolf Spitz

Man berauscht sich daran wie beim
Salvator.

Alles wird anders. Die Mottenkugeln
steigen im Preis und im Ansehen. Der
Lippenstift feiert nunmehr auch auf der
Straße wahre Triumphe. Auch der Puder
ist keinesfalls benachteiligt. Es sieht nur
manchesmal so aus, wenn es eine Frau
versteht. Natürlich gibt es Ausnahmen,
wie überall. Dann sehen manche Damen
aus wie Lieblingsfrauen des Maharad-
schas, wie Siouxindianer in Original-
Rriegsbemalung, wie Modepuppen hinter
eleganten Auslagefenstern. Und oft scheint
es wiederum, wie wenn der kleine Maxl
den ersten schüchternen Malversuch in ibl
gewagt hätte.

Frühling ist wirklich eine Sache.

„Er" geht mit „Ihr" zum erstenmal
ins Gartencafü mit recht viel Sonne.
Beschmiert sein interessantes, blasses
Wintergesicht mit Niveakreme, wie den
Rommis mit Butter, wegen der ultra-
violetten Strahlen. Trinken zusammen
Malaga oder Samos, vertilgen den ersten
Frühlingskuchen mit Frühlingsblumen
aus Schlagsahne garniert, während eine
Schallplatte den entzückenden Schlager-
refrain: „An einem schönen Tag im Früh-
ling ..." zum soundsooften Male wieder-
kaut.

Frühling ist es allerorten. Mächtig
riechen die Veilchen in wiesen und an
Wegrainen. Amsel, Drossel, Fink und
Meise und die ganze Vogelschar ist wieder
bei uns. Und erfreuen uns mit ihrem
Singen und pfeifen, wie die Bäcker-
jungen jeden Morgen, die ihre artistischen
Fahrrad-Pflichtübungen machen und
pfeifen: „Paris, du bist der gleiche alte
Huat!" «

*

Und dann die Frühlingsnächte. wenn
der Mond diskret lächelt und am Fimmel
hängt wie ein Zitronenschnitzel, wenn die
Sterne leuchten wie Glühwürmchen,
wenn die Menschen Arm in Arm auf
schmalen wegen gehen, wie es jeder
Liebesroman vorschreibt, wenn die zahl-
reichen, frischgestrichenen Anlagenbänke
ihre magnetische Anziehungskraft aus-
üben. Die dann so dezente Rückenstreifen-
muster in Naturgrün bilden.

Die Zeit ist nun gekommen, in der wir
hinauswandern aus der dumpfen Stadt,
mit Butterbrot in Zellophonpapier und
hartgesottenen, frisch gestempelten Eiern.

Die Welt ist jung geworden. Die Veil-
chen, Anemonen und Primeln blühen
wieder. Auch der Rrokus. Den kennen
wir aus den Rreuzworträtseln.

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Georg Herrmann: Die Fenster auf, der Lenz ist da...
Rudolf Spitz: Der Jüngling
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