Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 43.1938, (Nr. 1-52)

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us unlereni

Dienst am Runden

Vi^iit Autofahrer, der nach Corpus Christi
im Staate Texas kommt, braucht nicht zu
fürchten, daß er bei einer Abendgesellschaft
einen über den Durst trinken könnte. Er
mag sich getrost beschlauchen, ohne der
Verkehrssicherheit irgendwelchen Abbruch
zu tun. Um das Automobilfahren der
Betrunkenen zu entmutigen, hat nämlich
die Polizei die nachahmenswerte Ein-
richtung geschaffen, jedem, der sich nicht
mehr ganz sicher fühlt, einen amtlichen
Fahrer zu stellen, der ihn sicher nach
^ause fährt. Fernruf genügt. Man sieht,
daß selbst bei der Polizei drüben der
Dienst am Runden keine leere Phrase ist.

Verflüssigung

©,

eit es Linde gelang, Luft auf Flaschen
zu füllen, leben wir in einem Zeitalter der
Verflüssigung. Professor Bergius hat die
Verflüssigung der Rohle zur Tatsache ge-
macht. In München genießt man aus
Maßkrügen und halben „flüssiges Brot",

und in der Blumenstraße entdeckten wir
einen Mann, der flüssiges Stopfgarn
verkauft. In Dr. Labmanns Sanato-
rium auf dem Weißen pirsch bei Dresden
bat man die trockene Massage verflüssigt
und sie durch die Unterwassermassage er-
setzt, bei der ein Wasserstrahl von mehre-
ren Atmosphären Druck auf den Rörper
abgeschossen wird.

Der letzte Fortschritt in der Ver-
flüssigungstechnik aber ist der flüssige
Seidenstrumps, welcher der Firma
Leichner gelungen ist. Ulan taucht das
Bein hinein und schon bat man einen
„seidenen" Strumpf an, an dem keine
Masche mehr fallen kann. Dabei soll
man noch vollkommen „angezogen" aus-
seben. Das ist etwas für unsere Frauen!
Cb dieser Strumpf warm Kalt, darüber
sind wir nicht unterrichtet, aber dieser
Punkt ist sowieso meistens als Neben-
sache behandelt worden.

wir werden jetzt dazu übergeben,
Wasser als flüssiges Eis und ein Bad
als flüssiges Bett zu bezeichnen, und
freuen uns schon auf den beißen Sommer,
wenn wir im flüssigen Taxi planschend
zur Redaktion fahren oder uns den
Starnberger See als Rleidungsstück ver-
passen.

Rinderfreund

n Düsseldorf lebt ein Spaßvogel,
dessen Namen wir aber lieber verschwei-
gen wollen, damit er nicht eines Tages
einmal von den Eltern hoffnungsvoller
Sprösslinge gelyncht wird. Dieser freund-
liche Herr hat nämlich die Passion, an
seinem Geburtstage Rindergesellschaften
zu geben. Das klingt doch recht harmlos,
nicht wahr;. Aber hören wir weiter. Auf
diesen Ruchenschlachten veranstaltet ver-
edle Rinderfreund Lotterien und Ver-
losungen, bei denen reichlich Geschenke
verteilt werden. Sehr reichlich! Bekannt-
lich erfreuen stch die ungeheuerlichsten
Tölen, Röter von wahrhaft entsetzlicher
Rassenmischung, ferner Raninchen, Ratzen,
junge Ferkel und anderes Getier bei
Rindern größter Beliebtbeit. Diese
Danaergeschenke werden denn auch frei-
gebigst verteilt. Drecksköter, die keines-
wegs stubenrein sind, weiße Mause, Ratzen
und Raninchen, die in acht Tagen Junge
kriegen, sind Vorzugsgeschenke, die von
den Rindern mit einer Riesenbegeisterung
nach Hause gebracht werden.

Dann aber geht für die armen Eltern
die Hölle los. In kurzer Frist gleicht die
Wohnung einem Stall, wagt man, das
Getier an die Luft zu setzen, geht sofort

ein markdurchdringendes Schluchzen und
Geschrei los. Denn selbstverständlich
wollen sich die Rinder nicht wieder von
ihren „Lieblingen" trennen. Bekommt
das Raninchen in wenigen Tagen schon
ein Kalbes Dutzend Junge, dann ist die
Plage vervielfacht und erst recht der
Teufel los. Ja, wenn wir uns überlegen,
was die armen Eltern alles auszustehen
haben, wollen wir den Namen dieses
sonderbaren Rinderfreundes doch lieber
geheim halten.

Zustände gibt es... !

findet die anfangs beschriebene Einrich-
tung unseren Beifall, so müssen wir doch
gestehen, daß der Dienst am Runden, wie
die amerikanische Polizei ihn pflegt, für
unsere Begriffe doch manchmal zu wert
geht. In einem Zuchtbaus des wilden
Westens bat man nämlich ein Verbrecher-
paradies geschaffen, das das Begeben von
Verbrechen zu einem wahren Vergnügen
machen muß. Nicht nur nimmt sich eine
freundliche Dame der Verbrecher ganz
persönlich an, um ihnen ins Gewissen zu
reden, wovon wir uns allerdings wenig
Erfolg versprechen, sondern Verbrecher
mit guter Führung erhalten wöchentlich
einmal Urlaub auf einen Tag und
können sich in einer dortigen Tanzbar nach
Herzenslust amüsieren, bis sie um Mitter-
nacht wieder in ihr freundliches Heim
hinter den Gitterstaben zurückkehren
müssen, wer möchte da nicht Verbrecher-
fein!

Die Jugend

Zeichnungen von Macon

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Redaktioneller Beitrag: Aus unserem Skizzenbuch
Julius Macon: Zeichnungen ohne Titel
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