Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 43.1938, (Nr. 1-52)

Page: 454
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1938/0459
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile

Rettungsschwimmen

n der waffersportabteilung, die sich
aus der Gefolgschaft eines Betriebes
heraus gebildet hatte, hat es neulich ein
mächtiges Gelachter gegeben. Es sollte da,
nachdem man sich in den verschiedenen
Schwimmstilen genügend eingearbeitet
hatte, auch die hohe Kunst des Rettungs-
schwimmens gelernt werden, und der
Leiter der Gruppe zeigte seinen Schülern
zunächst einmal aus dem Trockenen, wie
man einen Ertrinkenden von hinten saßt,
indem man ihn am Rinn packt und seinen
Ropf zurückbiegt, um ihn dann, selbst aus
dem Rücken oder der Seite schwimmend,
ans Ufer zu bringen. Nach diesen theore-
tischen Erläuterungen schickte man sich an,
die Übung auch praktisch durchzuproben.

Man brauchte also ein paar „Er-
trinkende", die gerettet werden mußten.
Der treuherzige Vorschlag eines Teil-
nehmers, einfach mehrere Anfänger aus
der Nichtschwimmer-Riege in das tiefe
Bassin zu werfen und sie dann wieder
herauszusischen, wurde vom Leiter mit
Entschiedenheit verworfen. Es wurde viel-
mehr bestimmt, daß jeder zweite Schwim-
mer so geschickt wie möglich einen Nicht-
schwimmer zu markieren und sich von
einem anderen retten zu lasten habe.

Aus diese Art begann man die Übung,
und alle schienen die Sache gut begriffen
zu haben, denn bald hatte beinahe jeder
der „Retter" seinen Partner am Kragen
gepackt und bugsierte ihn dem Ufer zu.
Nur an einer Stelle wollte die Geschichte
offenbar nicht klappen. Zwei Mann quäl-
ten sich da ab, sie griffen wie wild an-
einander herum, sie prusteten, planschten,
drehten sich umeinander und behinderten
sich gegenseitig, sie gerieten außer Atem,
bekamen Master zu schlucken, — und end-
lich sah das Ringen der beiden, die immer
mehr ermatteten, so bedrohlich aus, daß
man schleunigst zu den langen, für der-
gleichen Zwecke vorhandenen Bambus-
stangen griff und die zwei aus den Fluten
angelte.

Ja, und wie man sie am Ufer hatte, da
keuchten und spuckten sie noch eine Meile,
und dann hauchte der eine von ihnen, als
er endlich wieder artikulierte Laute her-
auszubringen vermochte, den anderen
kräftig an:

„Mas soll denn das bloß heißen? Ich
konnte den Rettungsgriff ja gar nicht an-
bringen! warum hast du dich denn nicht
packen lasten?"

worauf der ihn mit fastungslosem
Staunen ansieht, um dann in die Worte
auszubrechen:

„was denn, wolltest d u etwa m i ch
retten? Menschenskind, i ch wollte doch
dich retten!"

Die Runft des wahrsagens

ie Zahl der Frauen, die heimlich zu
den Wahrsagerinnen und beturbanten
Zauberern gehen, die mit ernster Miene
in die Kristallkugel blicken, ist nicht klein.
In den westlichen Landern, denen Spiel
und Wettleidenschaft im Blute stecken, ist
das wahrsagen sogar eine förmliche
Industrie geworden. Einer dieser Zau-
berer verriet uns kürzlich etwas über die
Berufsgeheimniste eines Rollegen aus
dem wilden Westen. Gewöhnlich sieht
der Menschenkenner den Leichtgläubigen,
die zu ihm kommen, sofort an, was mit
ihnen los ist. Fast ausnahmslos handelt
es sich um Liebes- oder Geldsorgen. Junge
Mädchen kommen oft aus Neugier und
wegen kleinerer Liebesangelegenheiten,
Frauen mittleren Alters, weil es in ihrer
Ehe nicht klappt, aus Eifersucht oder ähn-
lichem Grunde. Äußere Anzeichen — Klei-
dung, Gesichtsausdruck — sind für den

Wahrsager schon sehr aufschlußreich. Bei
den reicheren Leuten liegen die Dinge be-
sonders einfach, denn sobald man den
Namen kennt, ist es leicht, durch das
Adreßbuch, eigene Privatdetektive oder
bestochene Dienstboten jede Auskunft zu
erhalten, die das Opfer auf die Erpres-
sung vorbereitet. Beim Kartenlesen hat
zwar jede Karte ihre eigene Bedeutung,
aber diese Bedeutung ist je nach der Lage
der Karten veränderlich, so daß es nicht
schwer ist, dem Schicksal aus die Sprünge
zu Helsen. Manche Kristallseher sehen ver-
möge ihrer lebhaften Phantasie die Ant-
wort aus eine Frage in den Kristall hinein,
denn die Konzentration auf einen Punkt
ist das beste Mittel, die Selbstsuggestion
zu höchster Anschaulichkeit der Gedanken-
bilder zu steigern. Andere lasten sich eine
Frage auf ein Stück Papier schreiben, das
sie dann über einer Flammenschale ver-
brennen, wonach sie dann aus ihrer
Kristallkugel verblüffende Antworten
heraussehen. Dem leichtgläubigen Kunden
ist es entgangen, daß nicht sein Papier-
streifen, sondern ein ähnlicher verbrannt

wurde! Menschenkenntnis und dunkle, all-
gemein gehaltene Antworten versagen nie
gegenüber einem Kunden, der schon mit
dem Vorsatz gekommen ist, zu glauben:
Ein Brief, eine Reise, erfreuliche oder-
unerfreuliche Nachrichten, Schwierig-
keiten, endliche Erfüllung von wünschen,
das sind Dinge, die man getrost jedem
prophezeien kann:

Die Jugend

^eiclinunxen von M a c o n

454
Redaktioneller Beitrag: Aus unserem Skizzenbuch
Julius Macon: Zeichnungen ohne Titel
loading ...