Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 43.1938, (Nr. 1-52)

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Aus der glafcbe

Reuter hob sich bekanntlich in seiner
„Stromtied" gern einen. Eines Tages
machte er mit mehreren Freunden einen
Aufstieg ins Gebirge. Als man schließlich
die *^6be erreicht batte und einen herr-
lichen Rundblick genoß, äußerte einer, sich
aus das Fernglas beziehend: „wir haben
kein Glas. Ich habe es drunten vergessen."

„Macht nichts", antwortete Reuter.
„Trinken wir aus der Flasche."

Das Rarfunkel

Mark Twain rüstete zu einer Vor-
lesungsreise nach Australien, kleben den
aus solchen Weltreisen notwendigen Requi-
siten in zahlreichen Risten und Rasten
nahm er zwei Angehörige mit, und ferner,
nicht gern, aber notgedrungen, im Nacken
ein starkes Rarbunkel.

Einer seiner Freunde meinte, er habe
sich einen kostbaren Schatz auf den Nacken
geladen. Im Wörterbuch stehe, ein Rar-
funkel oder Rarbunkel sei eine Art Edel-
stein.

Mark Twain antwortete trocken: „Ich
denke mir, daß in einem Wörterbuche der
Junior schlecht am Platze ist."

Die Vorfahren

Zum Geheimrat Goethe kam eines
Tages ein junger Mann. Er beabsichtigte
die Geschichte seiner Familie zu schreiben
und er glaube, durch die Vermittlung oder
Empfehlung Goethes aus den Staats-
archiven einige ihm fehlende Angaben
über seinen Großvater erhalten zu können.
Doch Goethe antwortete lächelnd: „Ich
will Ihnen folgendes raten, junger
Freund: Schreiben Sie etwas, das Ihrer
Umwelt nicht paßt. Sehr bald werden
Sie zu hören bekommen, daß man von
Ihnen nichts Besseres erwarten könnte.
Ulan wird Ihnen offenbaren, was Ihre
Vorfahren an Schlechtem geleistet haben.
Sie werden die Sünden Ihrer Vater
hören bis in das zehnte Glied."

Geistesgegenwart

Der Romiker Michelot hatte sehr unter
den Intrigen seiner Rollegen zu leiden.
Einstmals hatte er in einem Lustspiel von
Moliere seinen Diener tüchtig auszu-
schelten, als die von seinen Gegnern
bestochenen Zuschauer ihn auszupfeifen
begannen. Michelot verlor keine Sekunde

Der lachende Philosoph

„Das Leben ist Schein!" sagt der
Philosoph und er hat recht; denn er meint
nicht das Leben, sondern sein Leben.



„Das Leben ist ein chemischer
Prozeß!" sagt die Wissenschaft; und
sie hat recht; denn sie meint nicht das
Leben, sondern eine Begleiterscheinung
des Lebens!



„Das Leben ist Sünde und Ver-
derbnis!" sagt der Pfaffe — und er
hat recht; denn erstens muß er es ja
wissen und zweitens kann er nur herr-
schen, so lange die Masse dies glaubt!



„Das Leben ist ein Jammer-
tal!" sagt der Pessimist — und er hat
recht; denn er sieht alles durch die
schwarze Brille.



„Das Leben ist des Lebens
wert!" sagt der Optimist — und er hat
recht; denn er weiß dem Leben die Licht-
seiten abzulauschen.



„Das Leben ist mir Wurscht!"
sagt der Phlegmatiker — und er hat recht;
denn eine Wurst ist ihm gleichbedeutend
mit dem Leben.



„Das Leben ist eine Wonne!"
sagt die Jugend — und sie hat recht;
denn die ganze Welt ist ihr ein Rosen-
garten.



„Das Leben bin ich selber!"
sagt der lachende Philosoph — und er
hat recht; denn er lacht alle aus und
weiß sich mit dem Leben eins!

die Ruhe, sondern improvisierte, indem er
seinem Diener eine nicht vorgeschriebene
Ohrfeige gab: „Du infamer Schurke von
einem Bedienten, an nichts denkst du! Du
kannst es ruhig mit anhören, wie das
schlimmste Ungeziefer im Hause pfeift und
sorgst nicht einmal für Rattengift!"

Die Wirkung war prompt. Das Pfei-
fen verstummte und das Publikum brach
in einen Beifallssturm aus. Von nun an
hatte Michelot Rübe rmd man wagte es
nicht mehr, ibn auszupfeifen.

Runst und Runst

Der junge Schiller wurde in seiner
Drangzeit zu einem hoffest geladen, zu
dem noch mehrere Rünstler erschienen
waren. Besonders gefeiert wurde ein
Tlown.

„Nun, sagen Sie, Dichtermann", sprach
ibn der Tlown lachend an, „ein Dichter
müßte doch unschätzbar reich sein, nicht
wahr?"

„Er sei es auch", sagte der Dichter.
„Die ganze Welt geistigen Lebens sei
sein."

„Das kann man nicht wechseln", lachte
der Tlown. „Sie sind sebr arm, obwohl
Sie die geistige Welt besitzen, und ich bin
ein Narr lind bin doch von Welt über-
schüttet."

„Mein lieber Narr", antwortete der
Dichter, „in meiner Welt gibt es keine
Banken und Wechselstuben. Aber die
andere Welt gleicht eben Ihnen."

Schlagfertig

Anna Luise Rarsch, die mit ihren „^lus-
erlesenen Gedichten" zu Ende des 17. Iabr-
bunderts Eindruck machte, war die Tochter
eines Pächters. Sie wuchs unter Lämmern
und Tauben, Ziegen und Schafen auf, bis
Baron von Rottwitz sie entdeckte.

Als sie bereits einen Namen batte, lud
Rottwitz sie zu einem Schloßfeste. Anna
batte das Glück, neben einem Menschen zu
sitzen, der sich ärgerte, daß man ibm den
Platz neben der Pächterstochter angewie-
sen batte, und er näselte: „Sie haben, äb,
eine sebr trostlose Jugend gehabt?"

„Nicht daß ich wüßte", antwortete
Anna.

„So zwischen Lämmern und Schafen."

„Das freilich. Ich habe in dieser Um-
gebung sebr viel gelernt. So kann ich
zum Beispiel einen Schafskopf von weitem
erkennen." mp.

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Karl Baur: Vignette
[nicht signierter Beitrag]: Der lachende Philosoph
Fr. Frigo: Künstler-Anekdoten
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