Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 43.1938, (Nr. 1-52)

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Israel und Sara, und was es sonst noch alles gibt

Israel und Sara

^^)ie Zeiten, da Moses Löwenthal sich
Martin Luther taufen ließ, „damit das
Monogramm nicht geändert zu werden
braucht", sind vorbei. Siegfrieds oder
Waltrauts, die nach Rnoblauch duften,
werden, falls ihr weiterer Name keinen
Hinweis zulaßt, mit dem Beinamen Israel
oder Sara geschmückt werden. So unge-
wöhnlich diese Maßnahme anmuten mag,
so sind staatliche Einflüsse auf die Namens-
bildung doch keineswegs so selten wie man-
che glauben. In Argentinien z. B. ist es
Vorschrift, daß jeder Einwanderer spani-
sche Vornamen haben muß. Aus Georg
wird Jorge, aus Heinrich Enrico, aus
Johann Ioan ufw. Eigenartig ist auch
die Sitte, den Familiennamen der Mutter
als zweiten Vornamen zu benutzen und ein
adelndes de vor den Nachnamen zu setzen,
so daß Namen wie Sennor Don Fernando
Martinez de Lopez nicht ungewöhnlich sind.
In Nordamerika besteht eine ähnliche, aus
England übernommene Sitte, wie die
Namen James Fenimore Looper, John
Greenleaf WKittier und Henry Mads-
worth Longfellow zeigen. Einen solchen
„zweiten" Namen zu fuhren ist in den
Vereinigten Staaten Vorschrift zum
Gaudium der Engländer, die das altmo-
disch finden. Auch die Assimilierung der
Vornamen an die Landessprache ist dort
Regel wie in vielen anderen Landern.
Mahrend ein Deutscher in Deutschland
heute ungeniert Prprzymsky, Francois,
Dziewas oder Zdatew heißen kann, werden
drüben diese Namen wie auch deutsche
Namen meistens anglisiert. Die meisten
Träger deutscher Namen in Amerika sind
heute Juden, die als „German Intel-
letuals" bezeichnet werden, wahrend die
meisten jüdischen Vornamen von der eng-
lischen Einwanderung der letzten Jahr-
hunderte gestellt werden. Eine ähnliche
Namensverwirrung war bis vor kurzen:
in Bayern zu finden, wo unter dem
sanften Druck der Geistlichkeit die Ror-
biniane, Aloisiuste, Tayetane, Benedikte
und Ignaziusse aus dem Boden sproßten.
Gb wir es noch erleben werden, daß alle
Deutschen deutsche und alle Fremden
fremde Namen tragen?

Amerikanische Reklame

^<Me Amerikaner haben eine merkwür-
dige Art, Reklame zu machen. Mir finden
wohl die Mittel übertrieben und sind der
Ansicht, daß der Aufwand oft einer besse-
ren Sache würdig wäre. Aber der ameri-
kanische Geschäftsmann muß es schließlich
selbst am besten wissen, wie er aus seinen
Landsleuten Rundschaft gewinnt, und das,

Der lachende Philosoph

Wahrheit ist nicht den Anserwählten
und Gelehrten Vorbehalten; sie steht
jedem offen, der sich wahrhaft müht, sie
zu finden.

*

Nicht Religionen und Philosophien haben
die Welt gewandelt und gebaut, sondern
die Tat!

*

Der wahre Philosoph gibt aus dem
Erlebten, nicht aus dem Erdach-
ten heraus.

*

Diesseits Wahrheiten gebe der Phi-
losoph, und nicht J e n sc i t s dich tun gen!

*

Wer Wahrheit in s i e h trägt, findet
Wahrheit ii b e r a 11 !

*

Wahre Philosophie baut dem Men-
schen goldene Brücken ins Leben, unechte
vernichtet noch den letzten, schon schwan-
kenden Steg.

was wir als unschön empfinden, macht
vielleicht gerade dem Amerikaner Ein-
druck. Es kommt eben bei einer Reklame
am Ende auf den Erfolg an. Darüber
wollen wir also lieber nicht streiten. Aber
es gibt auch eine Art Reklame, die von
Humor erfüllt ist, lind die uns geradezu
gemütlich anmutet. In Los Angeles z. B.
steht vor dem Hause einer großen Spedi-
tionsfirma eine Ruhebank. An ihr sind in
größerer Schrift die Worte zu lesen:
„Setzen Sie sich hier ruhig nieder, wir
ziehen inzwischen mit Ihnen um!" In
Santa Monica in Ralifornien hat ein
Schuhputzer auf seinem Reklameschild die
Worte angebracht: „Hier putzt Ihnen ein
netter alter Mann die Schuhe. Machen
Sie ihm doch Vergnügen!" Den Runden
freundlich zu bedienen ist in Amerika die
erste Pflicht, die dem Verkäufer von
seinem Geschäftsherrn eingeschärft wird.
Ein großes Geschäft der Vereinigten
Staaten lockt durch die Ankündigung an:
„Wir verkaufen Ihnen selbst Briefmarken
mit einem Lächeln." In Ransas-Tity.hat
ein Grundstücksmakler auf einem noch
gänzlich unbebauten Lande eine Tafel an-
gebracht, auf der zu lesen steht: „Hier
werden sich in drei Monaten vier Straßen
kreuzen." Selbst die Speisekarte fällt zu-
weilen durch ihre Ursprünglichkeit auf.
In Lhikago steht auf der Rarte eines
kleinen Speisehauses: „Michigan-Bohnen-
suppe von der guten alten Art, gemacht
von jungen, mit der Hand gepflückten
Michigan-Bohnen in kräftiger Bouillon,
in der auch ein großer geräucherter
Schinkenknochen mitgekocht ist." Ein
anderes Mal liest man: „Ausgezeichnetes
Rostbeaf, von einem in Amerika gerösteten
Gchfen mit wunderbar zartem Rartoffel-
brei, prachtvollem Weißbrot und fetter
Naturbutter." Gder schließlich: „Saftige,
leckere Georgia-Pfirsichtorte, die feinste
Delikatesse, die jemals aus dem Gfen kam,
mit einer Menge frischer Schlagsahne."
Es dauert ja etwas länger, bis man eine
solche Speisekarte durchgelesen hat, aber
man bat doch schon bei der Lektüre ein
Vorgefühl davon, wie einem die Pfirsich-
torte mit der Schlagsahne förmlich auf der
Zunge vergeht.

Eine brauchbare Philosophie ordnet das
Wesen der Gemeinschaft zuerst, bevor sie
versucht, die „Erschaffung" der Welt zu
ergründen und den Sinn des Lebens zu
finden.

*

Wahre Religion formt und gestaltet die
Seele des Rindes fürs Leben, unwahre
verspricht Lohn oder Strafe im Jen-
seits.

*

Die Seele deines Kindes ist der Ur-
beginn der Welt!

Lin Unglück kommt selten allein

inen Unglücksraben trafen wir dieser
Tage in: Münchner Ratskeller. Der Mann
kam aus Stuttgart und war seit dem vo-
rigen gerbst nicht mehr in unserer Runst
stadt gewesen, pflichtschuldig erkundigten
wir uns nach seinem Befinden. — Ha no,
sagte er, wies so geht. Ein Unglück kommt
selten alloi! Erschtens ist mei Frau ge-
storben und zweitens ist mir im Winter
auch noch der Abort eingefrore.
Redaktioneller Beitrag: Israel und Sara, und was es sonst noch alles gibt
[nicht signierter Beitrag]: Der lachende Philosoph
Karl Baur: Vignette
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