Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 43.1938, (Nr. 1-52)

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SCHICKSALE BERÜHMTER GEMÄLDE:

Nacherzählt von Adolf Hösel

Sixtinische Madonna

in undurchdringliches Dunkel ist über
die Entstehung der Sixtinischen Madonna
gebreitet. Und nur einem winzigen Zufall,
dem Auffinden einer Chronik vom Jahre
1503, ist es zu verdanken, daß die Fach-
welt von ihrem Schöpfer erfahren hat:
Raffael, dessen Name durch das in der
Geschichte der Run st einmalige Bildnis
unsterblich geworden ist. Nach der genann-
ten Chronik, Aufzeichnungen über das
Benediktinerkloster di San Sisto von
Felice paffero, soll von den Mönchen das
Werk persönlich bei Raffael für den Altar
ihrer Rirche bestellt worden sein. Die
spatere Forschung aber glaubt heraus-
gefunden zu haben, daß die Sixtinische
Madonna von Raffael ursprünglich als
Erbauungsbild für den Papst (Julius II.)
und seine Vkepotin, die Herzogin von
Urbino, die Gemahlin des Francesco-
Maria aus dem berühmten Roverehaus,
gemalt worden ist. Nach dem Code des
Papstes wird dann das Gemälde auf Rauf-
weg in das Rloster nach piacenza gekom-
men sein.

200 Jahre bleibt die Sixtinische Ma-
donna in dem weltabgelegenen italienischen
Städtchen, das jedoch durch seine reichen
Rlosterschatze, sowie als Sitz verschiedener
Herzogtümer und als Anziehungspunkt des
künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens
seinerzeit sehr viel von sich reden machte.
Doch Jahre, Jahrzehnte gehen ins Land
lind bald ist es sehr stille um den idyllischen
Ort und damit auch um die Sixtinische
Madonna geworden. Jm 17. Jahrhundert
ist das Gemälde soviel wie unbekannt.
Erst gegen Ende des Jahrhunderts taucht
sie in Reisebeschreibungen vereinzelt
wieder auf und ein deutscher Reisender
erwähnt )6o$ die „schöne Schilderey von
dem Raffael, die in der Benediktinerkirche
hinter dem großen Altar henket". Und
bald auch glaubt winckelmann, der große
deutsche Runstschriststeller und Altertums-
forscher, berichten zu können, daß Lieb-
haber und Renner nach piacenza gepilgert
waren, „wie man nur allein nach Thespis
reisen kann, um den schönen Cupido von
der Hand des Praxiteles zu bewundern".

Es naht das Jahr 1711, ein Jahr,
das für das Schicksal der Sixtinischen
Madonna entscheidend werden sollte. Auf
Befehl seines Vaters, August des Starken,
des Rönigs von Sachsen-Polen, reist
August III., als junger Rronprinz nach
Italien, wobei er auch durch piacenza
kommt und des berühmten Gemäldes

ansichtig wird. Eine Legende erzählt, daß
der jugendliche Thronfolger, bezaubert von
dem Anblik des Meisterwerkes, sich in
jener Stunde der Begegnung geschworen
haben soll, in seinem Leben alles daran zu
setzen, um es in seinen Besitz zu bekommen.
Als einer der größten Runstkenner und
Runstsammler aller Zeiten, als den ihn die
Geschichte verzeichnet, schenkt er spater als
sächsischer Rönig den Meistern der italieni-
schen Renaissance sein besonderes Augen-

Der lachende Philosoph

Nicht in der „Flucht vor der Welt*’ liegt
geistige Größe: Mitten im Volk steht der
Starke, im lachenden Leben der Welt, an
der Spitze des Kampfes!

*

Wer die Wahrheit in ihrer Fülle finden
will, muß das Leben anpacken und un-
aufhörlich mit ihm ringen. — Die Wahr-
heit ist das Leben selber; sie liegt in,
nicht hinter ihm!

*

Am Zweifel wächst das Verständnis; nur
muß es der rechte Zweifel sein! — Er soll
nicht Kritik, Ablehnung oder Verneinung
sein nur um des Zweifels willen, sondern
er muß aus dem aufrichtigen Wunsch des
Verstehenwollens geboren werden.

*

Glück ist, wenn du

weißt, daß Glück ein geistiger Zustand
ist, den du dir stets erhalten kannst;

es vermagst, das Beste, Edelste und
Höchste in dir zur Entfaltung zu bringen;

fähig bist, in Andern und dir stets das
Gute zu sehen;

auch die „banalsten“ Dinge auf eine
schöne Art zu verrichten imstande bist.

merk und nun ist es die Sixtinische
Madonna Raffaels, die ihn mit der ganzen
Leidenschaftlichkeit seines Wesens erfüllt.

Im Jahre 1752 beginnen die Verhand-
lungen, die August III. durch besonders
bestellte Geschäftsträger an Ort und Stelle
mit den weltlichen und kirchlichen Behör-
den führen laßt. Ein ununterbrochener
Briefwechsel zwischen Dresden und pia-
cenza setzt ein. Nach einem Jahr scheint
glücklich das Ziel der Verhandlungen er-
reicht. Die maßgebenden Behörden teilten
ihre Einwilligung mit, gegen eine hohe
Summe das Werk zum Verkauf frei zu
geben. Da tritt etwas ganz Unerwartetes
ein. Eine gewaltige Erregung ergreift
plötzlich die Einwohnerschaft des Städt-
chens und mit ihm weite Rreise des
italienischen Bürgertums, das sich in
seinem Nationalstolz getroffen fühlt und
durch seinen Wortführer, Präsident Rossi,
unter dem Beifall der (Öffentlichkeit er-
klären laßt, es sei ein nicht wieder gutzu-
machendes Verbrechen, die Stadt ihres
wertvollsten Besitzes zu berauben. Darauf-
hin wird die bereits amtlicherseits erteilte
Genehmigung zurückgezogen. In seinen
kühnsten Erwartungen getauscht, empfangt
der Rönig von Sachsen die ihm durch
seinen Abgesandten übermittelte Hiobs-
botschaft aus piacenza.

Aber dieser Rönig wäre nicht ein so
fanatischer Runstfreund gewesen, wenn er
sich mit diesem Mißerfolg abgefunden
hatte. Ganz für sich saßt er einen über-
raschenden Entschluß und noch im gleichen
Jahre gelingt es ihm, auf dem Umweg
über die ihm verwandten Höfe in Paris
und Florenz einen zweiten Rausvertrag
mit dem Rloster in piacenza abzuschließen.
Schleunigst begeben sich die Mittelsmänner
des Rönigs dorthin und nach der glück-
lichen Überwindung noch mancher unvor-
hergesehener Zwischenfalle können endlich
die letzten Vorbereitungen getroffen
werden, wohlverpackt auf einem eigenen
wagen, den das Wappen des sächsisch-
polnischen Rönigshauses ziert, verlaßt am
ri. Januar 1753 die „Sixtinische Ma-
donna" die Core des Städtchens, um im
Februar 1754, nach einer langen und
beschwerlichen Reise, ihren triumphalen
Einzug in Dresden zu halten, wie ein
Heiligtum wird sie in den großen Thron-
saal getragen. Rönig August III. erlebt
den stolzesten Augenblick seines Lebens.
Den Chronsessel, der der feierlichen Hand-
lung hindernd im Wege ist, räumt er
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Adolf Hösel: Sixtinische Madonna
[nicht signierter Beitrag]: Vignette
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