Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 43.1938, (Nr. 1-52)

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twas zeitig noch zum Händeschütteln,
aber immerhin... Man kann nicht früh
genug damit anfangen, sich auf den großen
Augenblick vorzubereiten, allwo das Alte
Jahr unter Jodlern und Böllerschüssen ins
Neue hinüberwechselt und verliebte paare
(auch Ehepaare!) sich tiefer als sonst in die
weit aufgerissenen Salzbüchseln schaun.
„Ein gutes Neues!", „Viel Glück:", „Heil
und Sieg!", „Hals und Beinbruch!",
„Glückauf, alter Junge!" — na ja, die
tollsten Sprüche wirbeln da durcheinander,
aber ein herzensfroher Wunsch wird doch
hinter jedem verborgen sein, ein Wunsch
sozusagen, der von Kerzen auch einmal —
dem Andern gilt.

Ja, das hat das Neue Jahr so an sich,
man müßte es eigentlich einen Magier
nennen, der im Handumdrehen die selt-
samsten Dinge zuwegebringt. Da ist keine
Straße zu breit, um einem entfernten
Bekannten, dessen Namen man langst ver-
gessen hat, den obligaten Glückwunsch dar-
zubringen, Menschen, die sonst die großen
Bogen liebten, lausen sich geradewegs in
die Hände — mit Absicht natürlich,
Don Juans wachsen wie Pilze aus dem
Boden, mutig genug, wildfremden Mäd-
chen Handküsse zuzuwerfen oder gar einen
„Leibhaftigen" von den unschuldigen Lip-
pen zu stehlen, und selbst der konsequenteste
Griesgram hat sich eines Besseren beson-
nen und läßt ein verführerisches Lächeln
um seine Mundwinkel spielen.

So geht es also zu, wenn das Neue
Jahr mit Glanz ins Land spaziert. Eine
Freude allenthalben, aller Groll ist ver-
gessen, alles Unangenehme ausgelöscht.
Und dann noch etwas wichtiges, was nicht
übersehen werden darf: die Post hat alle
Hände voll zu tun, sie weiß gar nicht wo-
hin mit all der „Post". Und das kommt
daher, weil die Mehrzahl der Schreiber,
die Schreibfaulen, ihrem Kerzen einen
Stoß gegeben haben, einen solch gewaltigen
Stoß, daß man alle Achtung vor ihnen
haben muß.

Ein Dutzend, zwei Dutzend Kärtchen
und Briefe — und halt, da ist ja noch einer,
ein alter Freund, wo wohnt er nur gleiche
In Luxhaven, ganz richtig, ob er sich an
mich noch erinnern kann? Macht nichts,
eine Karte mit Schweinchen bekommt er
doch. Er wird sich freuen ... Natürlich

Freu' dich, wenn du Glück empfangen:
Pflege die Erinnerungen. —

War es schwer, was nun gegangen:
Freu' dich, daß es ist verklungen!

War es trübe, war es froh,

Lachen sollst du so und so.

Jugen d"

Hot’ai, Gott der Zufriedenheit
Dir sei dieses Jahr geweiht!

Du wenigst vorhandener unter den Göttern,
Du meist vermißter selbst bei den Spöttern,
Du ewig naher auf schmerzlichen Lippen
geplagter Menschheit uraltem Bitten.
Hot’ai, Gott der Zufriedenheit
Sei bereit!

Gedicht und Zeichnung nach einer alten chinesischen
Plastik von Edith Trumpier

wird er sich freuen! Schweinchen sind sehr
beliebt, besonders an diesem Tag. Ich
möchte alle die Schweinchen und Glück-
wünsche, die da mit Luftpost, Wasserpost,
Rohrpost und gewöhnlicher Post durch den
Kosmos schwirren, nicht zählen, es käme
bestimmt eine astronomische Zahl heraus.
Und da fragt sich das Prophetlein, woher
es wohl kommen möge, daß die Menschen
auf einmal so freundlich, so egal liebens-
würdig und „andersdenkend" geworden
sind. Und das Prophetlein hat auch gleich
eine Antwort bereit. Es ist das Wunder
der Verwandlung, das die Menschen er-
griffen hat. wozu gäbe es sonst — ein
Neues Jahr;:

Da wissen wir auf einmal- daß wir alle
eine große Gemeinschaft sind, daß wir alle
zusammengehören und daß das Glück des
Andern auch unser eigenes Glück bedeutet.
Und das Gefühl der Gemeinschaft bricht
eben so stark hervor, weil sich keiner, ob
bewußt oder unbewußt, der Macht des ent-
scheidenden Augenblicks entziehen kann.

Das Alte Jahr hat sich vollendet und
ein Neues fordert uns das Bekenntnis ab.
Ein Bekenntnis zum Leben und zur Ge-
meinschaft! Das ist es, jawohl! Es mag
Pessimisten geben, Nörgler und Mies-
macher, leben tun sie doch alle gern. Sie
sind nur nicht ehrlich genug, es zuzugeben.
So um die Jahreswende aber wird jedem,
ob er will oder nicht, der Dickschädel
zurechtgesetzt, und in die weiland um-
düsterten Ganglien ihres umnebelten Groß-
hirns (das Kleinhirn ist zum Denken da!)
ziehen die Kobolde eines besseren Selbst
mit fröhlichem Jubel ein...

So sagen wir nun, mit einer Träne im
Knopfloch, dem Alten Jahr Adieu, doch
wir wollen es nicht beweinen, wir wollen
es auch nicht unwillig abschütteln nach
altem Brauch, sondern wir wollen es —
segnen, da es im wahrsten Sinne des
Wortes durch die Großtaten des Führers
zu einem HeLlsjahr für das deutsche
Volk geworden ist. Das „Neue" aber
grüßen wir mit frohem Mut und stolzer
Zuversicht, daß es uns in glücklicher Fü-
gung auf dem einmal beschrittenen Wege
weiterführe in die Zukunft. Und in diesem
Sinne all unfern Lesern und Freunden:
Prosit Neujahr! 2t.

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[nicht signierter Beitrag]: Buddha
A. H.: Prosit Neujahr
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