Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Die Lehrjahre.

Von armen Eltern stammend, verwaist im zehnten Lebensjahre, wnrde der Jiing-
ling von seinem Vormund bei dem Maler Juan del Castillo (1584 f 1640) in die Lehre
gegeben. Zwei erhaltene umfangreiche Hauptwerke geben über dieses Mannes Art hin-
lünglichcn Aufschlus;: die Retablos der Kirche S. Juan de Alfarache (ursprünglich für S.Juan
de la Palma gemalt) und der Dominikanerkirche Monte Sion, jetzt im Museum. Castillo
gehörte zu den letzten der italianisirenden Maler Sevilla's, wie Pacheco und Jldefonso Vaz-
quez. Erist weniger gelehrt, stilvoll oder ivenn man witl manierirt, als die Bahnbrecher dieser
Richtung, Luis de Vargas, sein Lehrer, an der Spitze; er hat mehr Unbefangenheit und
weniger Charakter, seine Menschen sind in der Regel Atelicrinvcntar. Nicht ohne Geschick in
der Komposition, breit in der Ausführung, kalt und bunt in der Farbe, ist er dem Ruhigcn,
Milden, Einfachen zugeneigt; sonst ist nichts von dem, was den Schüler auszeichnet, in
ihm zu entdecken. Nur die allgemeine, akademische Schulung wird er ihm zu verdanken
haben. Ein Blick auf die Annalen der Sevillaner Malerei lehrt, daß dieser jüngste in
der kleinen Gruppe altspanischer Maler, nach welcheu die Nachwelt und das Ausland fragt,
damals Lehrer hätte finden können, weit berufener, ihn in die Art des Jahrhunderts
einzuführen. Bald wurde er Castillo's aussührender Gehülfe: man liest, daß er ihn zur
Anfertigung von WrAg-s, Tuchmalereien in Leimfarben auf ungrundirter Leinwand, ge-
braucht habe, bestimmt zu Vorhängen für die Altarbilder in der heiligen Woche, Fahnen und
Standarten der Schiffe, Tapeten für die Säle der Reichen. Die WrZas galten als nützlich,
jungen Leuten die Hand freizumachen (soltar la wauo). Selten haben sie diesem Zweck
gedient, wie in unserem Fall. Aber als Castillo nach Cadiz ging, sah der mittellose
Jüngling sich genötigt, fürs liebe Bro'k' zu malen; er lieferte den Gemäldehändlern der
Feria Andachtsbilder für die Provinz und die Kolonien. Auch diese Beschästigung
beförderte jene Leichtigkeit, mit der er später hinschrieb, was er wollte, gewöhnliche
Wirklichkeit und traumhafte Gebilde der Phantasie; eine Leichtigkeit, die frcilich auch
ihre Kehrseite hat. Sonderbare Anfänge immerhin, die nur ein auserwählter Mensch,
nur die Unverwüstlichkeit des Genies ohne Schaden durchmachen konnte! Statt des
Aufblicks zu hohen Mustern, statt des Wetteifers mit Gleichbegabten, statt des Sporns
zu äußerster Anspannung durch ein erleuchtetes strenges Publikum: diese Arbeit für
Lieferanten, Gleichstellung mit denen, von welchen in der Kunst nicht gesprochen wird,
der Gedanke an die unter den Wildcn zerstreuten Kolonisten! Seine damaligen Werke
tvurden auch von der Gemeinde der Kunstverständigen nicht bemerkt. Von ihrer Beschaffen-
heit kann man sich cine leidliche Vorstellung machen uach einigen Stücken, auf die
ueuerdings tvieder die Aufmerksamkeit hingelenkt worden ist.
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