Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Der klciue Klvsterhvs von S. Frcmciscv.

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nliontÄäos (Wandfliesen); die Kapellen meist Patronate der ersten Geschlechter der
Stadt, doll kostbarer Denkmäler, die Hanptkapelle mit einem Marmorretablo und den
Grabstatuen des Marques von Apamonte und seiner Gemahlin, die Antonio Maria
de Aprilis aus Carona und Bernardino Gazini aus Bissone, Bildhauer zu Genucn
einst hier aufgestellt hatten. Jetzt sollte das kleine olkiastro, hinter der xortsrm, von
dem eine Marmortreppe in den großen Kreuzgang sührte, malerisch ausgestattet werden,
obwohl die nusgeworfenen Mittel gering waren. Mnrillo übernahin diese elf Gemaldc,
zwei sehr lange, und neun nahezu quadratische, Franziskanergeschichten. Der Orden-
stifter, dic heil. Klara, San Gil u. a., waren mit je einem bedacht; mit fünfen aber
ein andalustscher Bruder, der in Alcalä gelebt hatte (ß 1423), der heil. Diego, der
auch eine Kapelle in der Kirche besaß*). Er war ein schlichter, ungelehrter Mann
gewesen, Laienbrnder, aber reich an erhabenen Sonderbarkeiten der Entsagung nnd
Barmherzigkeit, und demgemäß mit Wundern begnadigt. Sixtus V. hatte ihn 1588 auf
Betrieb Philipps II. hcilig gesprochen, die Berührnng der Mumie sollte einst dessen
Sohne Don Carlos in schwerer Krankheit Genesung gebracht haben.

Die Gemälde wurden allezeit sehr hoch gehalten, sie waren geschützt durch Vor-
hänge und man zeigte sie nur an Festtagen. Als aber das Kloster im Jahre 1810
von den Franzosen geplündert wurde, verfielen sie gänzlicher Zerstreuung; die besten
kamen in die Aguadogalerie. 1841 hat ein erleuchtetes Ayuntamiento den grvßen Bau
nicderlegen lassen, an seiner Stelle steht die langweilige, stets menschenleere Plaza nneva.

Von den beiden in Spanien verbliebenen Stücken ist das merkwürdigste die
Armenspeisung, in der Akademie von S. Fernando zu Madrid. Der Jtaliener
Norbert Caimo, der sie 1756 noch sämtlich beisammen sah, stellt dies über alle. Der
fünfzigjährige heil. Diego, ein edler, schwermütiger Kopf, kniet vor einer Schar anein-
andergereihter Bettelleute, die Teller halten; neben ihm auf der Erde steht ein großer
Kessel, in dem Brot- und Fleischstücke schwimmen. Er spricht das Dankgebet. Es sind
dieselben Gestalten, die noch heute an den Portalen stolzer Kathedralen lagern, cin
Rosenkranz des Elends, der Mildthätigkeit der Gläubigen dargereicht. Solche Klienten
von S. Francisco mag der Maler hier benutzt haben. Und er bringt sie auf die Lein-
wand, wie er sie sindet, in schwachem Licht, doch dentlich, wenn auch etwas mager mo-
dellirt, in harten Umrissen, auf dunklcm Grund, in trüben Farben, rechten Armenfar-
ben, wo das Bettlerbraun der Mäntel den Ton angiebt. Keine ansgewählte Maler-
modelle, auch keine scheinheilige Arme, die vor Demut und Respekt den Hunger vergessen,

*) Jn einem Gemälde des Martin de Vos, gestochen von A. Collaert, wv S. Diegv mit
S. Franciscus zusammengestellt ist, befindet sich unter den elf Wundern ringsum keines der hier erzählten.
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