Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Sittenbilder.

unbußfertigen Landsmänninnen der heil. Justa und Rufina im Fenster zeigen, ist ohne
viel Kunst von fast illusorischer Wirkung, stimmt nbrigens mit der Behandlung des
Bildnisses bei Murillo. Die jüngere Schöne nimmt mit ihrem bloßen Arme die steinerne
Brüstung ein, das Gesicht derb auf den rechten Ellbogen gestützt. Die gerade, reine
Stirn, Schultern, Wangen und Arm werden vom Oberlicht der Gasse gestreift. Jhre
dürftige Kleidung — nichts von Metall- oder Steinschmuck — zeigt, daß sie wenigstens

Fig. 8. Sevillanerinnen. (Helitesbury Housc.)

keine Kapitalistin ist, sie verläßt sich ganz anf den Glanz ihrer braunen Augen, unter
halbmondförmigen schwarzen Brauen.. Zwei kleine rote Rosetten im Haar und eine
winzige Busenschleise derselben Farbe sind der ganze Putz. Ein'Körper, den die Natur
in ihrer besten Laune geformt hat, aber statt in einen Palast in die kahle Höhle der
Armut ausgesetzt; ihr Los ist im besten Falle die Kunst, als Volkstänzerin, Modell, so
mag sie Murillo kennen gelernt und einem Liebhaber zu Gefallen aufgenommen haben.
Die Ältere steht im Halblicht hinter der halbgeöffneten Lade, sie hült das weiße Kopf-
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