Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Bildmsse,

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allen möglichen, natürlichen und wunderbaren Bewegungen, in rosigem Licht. Aber wie
klar und bestimmt sind doch Zeichnung und Modellirung dieser Schnltern nnd Arme,
wic wohlberechnet die zusammengestellten Paare, wie sauber verteilt die Geschästc. Die
Hauptgruppe hat er ganz ungezwungen in dic Forni eines rechtwinkligen Dreiecks gcbracht,
dessen Hypotenuse etwa mit der Diagonale der Leinwand zusammenfällt, eine Form,
die auch Correggio anwandte. Diese Hypotenuse soll, wie eine Blumentreppe, den Licht-
strahlen des Fensters einen möglichst steilen Auffallwinkel gewähren. Man weiß nicht,
welches Elcment man für den Schwerpunkt erklären soll: Gruppirung, Farbcnharmonie
oder Ökonomie des Lichtes. Wie reich und fein zugleich ist die Skala der wonnig lcuchten-
den Tinten! Rot herrscht; nebcn dem Karmesin der Stoffe, dem jugendlich blühenden
Flcischton, steht der für den Gesamteindruck entscheidende Pfirsichblütton, — in dem
üppigen Engel mit den gekreuzten Armen, dem Bettvorhang uud in der schwebenden
Engelgruppe. Dazwischen Gelb, nnd Dunkelgrün als Ruhepunkt, letzteres in der ab-
schließenden Figur rechts. Obwohl in diesem Raum Sonne und Himmelslicht ihr
Wesen treiben, ist doch noch Platz sür ein Dämmerungsstück: das Wochenbett mit Arzt
und Gatten (um das sich kein Engel bekümmert) könnte Rembrandt so gemalt haben,
an den übrigens auch manches in der Hauptgruppe erinnert. Der dnnkle Grund ist
von nicht weniger als drei Lichtpnnkten durchbrochen: außer der heil. Anna links, der
Kamin mit der offenen Thür rechts und die Engelglorie oben in der Mitte, grade über
dem am hellsten strahlenden Kindchen im Schoß der Amme. Diese Punkte bilden ein
zwnnes gleichschenkliges Dreicck, wclches sich mit dem Grnppendreieck kreuzt.

Wikdnisse.

Aus demselben Jahre 1655 sind auch zwei seiner besten Bildnisse. Die für den
Archidiakonus von Carmona, D. Juan Federigui gefertigten und von ihm in die Sakristei
der Kathedrale gestifteten Ganzfiguren zweier Säulen der hispalensischen Kirche, der
heil. Erzb'schöfe Jsidor und Leander, wareu Porträts ihrer damaliger Beamten,
deren Narten überliefert sind. Das vorwaltende Weiß ihres insckio xontillos,! (Alba,
Mitra, auch das Pluviale S. Leanders) stimmt zu dem hellen Kalkstein des ganz
farblosen, aber um so üppiger plastisch ornamentirten Prachtraumes, mit dessen pla-
teresker Pha.llastik ihre vornehme Einfachheit wohlthuend kontrastirt. Der heil. Jsidor,
ein ehrwürdiger Greis, mit sestem Griff den Krummstab fassend, den reich gestickten Chor-
mantel zurückgeworfen, scheint in seine Origines vertieft. Die Milde und Ruhe des Gelehr-
ten, die Reinheit eines in sorgenvollem Amt dahingeflosfenen Lebens sprechen aus
dem von den Furchen langer arbeitvoller Jahre durchzogenen weißbärtigen Anlitz.

Justi, Murillo. 5
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