Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Die Allerreinste.

Man kann sich hier kaum vcrsac;en, nach dem Wunderwerk Tizians zurnckznblickcn.
Auch seine Asunta scheint aus dem dämmerigen Meer, mit dem Plato die Erdatmosphäre
verglich, aufzutauchen, begrüßt von den kindlichen Bewohnern der obern Lichtwclt wie von
den Schwäncn dieser Meeresfläche. Aber ihre Plastisch modcllirte Gestalt wird auf dcm
Feucrgrund des Himmels fast zur Silhouette, als ob sie das Kleid der bisherigen Dunkcl-
welt noch nicht abgestreift hütte. Tizian ist es nicht eingefallen, seine Hauptfigur auch
dnrch den höchsten Lichtwert auszuzcichnen. —

Wie groß ist doch die Mannigfaltigkeit malerischer Behandlnng und geistigen
Gehalts, der Wechsel von Thpen und Miencnsprache in diesem der Erfindung so wenig
Raum offenlassenden Gegenstand! Der vergleichende Betrachter wird ermessen können,
was von der Ansicht Beulss zu halten ist, „Murillo habe seine Conceptionen gemalt,
wic ein Drucker Abzüge macht". Dies Wort veranschaulicht das bescheidene Dkaß von
Sachkenntnis, mit dem ein geistreicher Mann sich erlauben darf, die Welt in einem Welt-
blatt über den Wcrt eines Murillo anfzuklärcn. Vielleicht hat der cminente Archäologe
geglanbt, mit eincm spanischen Maler brauche man nicht so viel Umständc zu machen, wie
mit einem Fragment pentelischen Marmors etwa. Hätte es sich wenigstens um eine
Jahreszahl gehandelt! Die Gewissenhaftigkcit Pflegt ja (wie die Sparsamkeit) in gleichcm
Verhältnis mit der Geringfügigkeit des Gcgenstandes zuzunchmen.

Murillo hatte „das edle Bild der Menschheit" gcfunden in den Töchtern der Armen.
Der volkstümlichen Devotion seiner Zeit folgend, aber zugleich ein wahrer Maler, hat er
in Typen, die ein Cespedes, Rvelas vielleicht profan genannt hätten, das entdeckt, was
sie zu Trägern religiöser Zustände vorausbestimmte. Er fühlte hierin wie Rembrandt.
Die biblischen Personen waren keine Götter und Heroen, die frohe Botschast wandte sich
an die Kreise dcr Geringen und Einfältigen. Die Evangelien sind griechisch geschriebcn,
aber sie klangen ihren Lesern nicht — griechisch. So sollte denn auch sein Pinsel spanische
Vulgärsprache reden.

Er glaubte jedoch nicht, daß man, um wahr zu sein, gemein nnd häßlich sein müsse,
als sei es damit gethan, irgend ein solches Modcll auf die Leinwand zu werfen, gestcmpelt
mit einem goldenen Heiligenschein und cinigcn Attributen. Er wählte sein Modell und hatte
in der Wahl das Glück des Herzens, und dieses Glück wnchs in gleichem Schritt mit seiner
Befreiung zn Anmnt, Leben und Licht. Es gilt ja nicht bloß das Gefäß auszusuchen; man
muß auch den Nektar besitzen, den es aufzunehmen bestimmt ist. Deshalb sind Murillos
Gestalten bei all ihrer Lokalfarbe allezeit wahre Madonnen. Und daranf kommt es doch
eigentlich an. Wessen Werk nicht das ist und scheint, was es zu sein verkündigt, der kann
sich nicht darauf berufen, daß er gut gemalt habe. So wenig wie ein Examinand besteht,
der eine richtige Thatsache angiebt, die aber keine Antwort ist auf die vorgelegte Frage.
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