Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Gcinttlde kleineren Umfangs.

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Rciz fürs Auge, als die farbcnreichereu seiner Umgebung. Es bcstcht aus einer dunklen
und einer lichten Hälfte: rechts das schattige Portal des bischöflichen Palasts mit Säulen-
halle, links, von der Höhe der Freitreppe gcsehen, die in südspanischem Sonnenbrand
kochende Plaza mit der Treppe und Vorhalle der Kathedrale und einem noblen Cinque-
centopalast, unter blaßblauem Himmcl mit weißcm Gcwölk. Hier spielt der lebhaft er-
zählte Ausgang der Geschichte. Vor dicser hellen Hülfte zeichnet sich in tiefcm Schwarz
der Bischof ab, eine hohe Gestalt von milder, vornehmer Würde; nn Vorbeischweben ist
er des knieenden Krüppels in seinen bunten Lumpen gewahr geworden. Das bleiche
Antlitz herabgeneigt, breitet er die Hände — gleich edel in Form und Bewegung —
über den Knieenden aus, segnend, wie in unbewußter Ausübung der heilenden Krast
des Mitleids. Zwei Seminaristen sehen im Schatten des Porticus zu.

Den heil. Franz von Paula, den Stister des Ordens der Minimi, hat er
übrigens oft dargestellt. Ein hochbejahrter, weißbärtiger Eremit liegt nnweit seiner Klanse
mit der Jnbrunst srommer Einfalt auf den Knieen (Lady Ashburnham; Prado);— ein
durch lange Jahre der Entsagung und Menschenliebe geläuterter, einst stattlicher Mann,
dcssen hinfällige Hülle noch durch das nie altcrnde Herz erwürmt und durchgeistet wird.
Jn einem Lichtkreis, von Engelkindern nmgaukelt, liest man O^UIR^.8. Unsere Helio-
gravure ist nach dem Schwarzkunstblatt von Mark Ardell gemacht, dessen sowie Valentin
Greens und andcrer englischer Mezzotintisten Blätter zu dcn besten graphischen Wiedcr-
gaben des spanischen Meisters gehören.

Gemäkde kleineren Mmfangs.

Murillo, der fast immer mit ansehnlichen Kirchengemälden beschäftigt war und in
großen Cyklen umfangreiche Wandflächen mit Erfolg gefüllt hat, scheint doch auch im
Flächenraum der Kabinettmalerei sich keineswegs beengt gesühlt zu haben. Ja, angesichts
solcher Stücke möchte man bedauern, daß er so selten seine koloristische Begabung unter
diesen günstigeren Bedingungen gezeigt hat. Sie spielen eine ähnliche Rolle in seinem
Werk, wie bei Rubens der Licbesgarten, die heil. Familie in der Rosenlaube.

Wenige Skizzen giebt es von ihm, und diese wenigen hat er fast nie, oder mit
eingreifenden Änderungen sür große Bilder benutzt. Sogenannte Skizzen, die mit den
Gemälden, besonders in den Gesichtern übereinstimmen, kann man getrost der Legion
der selbst seinen Strich oft täuschend nachahmenden spanischen Kleinkopien zuwerfen.
Die schönste echte Skizze ist der arme Lazarus in der Bridgewater Gallery. Leicht hin-
geworfen, in silbrig hellem Ton, farbenreich, ist sie doch klar in der Meinung und erstaun-
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