Justi, Carl
Murillo — Leipzig, 1892

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Gemälde kleineren Umfangs,

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Das Hauptwerk m diesem Format ist der Cyclus der Parabel vom verlorenen
Sohn, sechs Gemälde (Dudley Gallery 41"x53"). Kein Gegenstand läßt sich ersinnen,
der des Sevillaners Geschmack und Talent mehr entgegenkäme; man fühlt die Freude,
mit der er diese Perle urchristlicher Poesie vorträgt, in Erzählung, Farbe, wechselnder
Stimmung, nicht ohne das Lächeln in Thränen des Humors. Die Würme des ruhig
behaglichen Elternnestes voll treuer Licbe, das er verläßt für das Leben der Freiheit;
der betäubende Lürm leeren Lebensgenusses; der schmachvolle Zusammenbruch; der Abgruud
des Elends. Ein Bild, wie das letztere, könnte wohl nirgend sonst gemalt werden. Die
Scenerie ist eine jener verlassenen, verfällenen Ortschaften, verloren im weiten öden Wellcn-
schlag cines äösxodlaäo; ein halbverdorrter Baum: die Natur selbst scheint erschöpft:
die Wüste, in der „des Gottlosen Weg vergeht". Uud in der Mitte die einsame Gestalt,
einc mcnschliche Ruine, durch alle brausenden nnd nnreinen Gewüsser dnrchgezogen, dcr
alles gethan und alles über sich ergehen ließ, endlich bricht er zusammen, aber noch
auf die Knie. Dcn letzten Akt, wo der Verkvmmene Bcttler, der von dem blühenden, reichen
Jüngling übrig geblieben ist, wieder vom weiten Mantel der alten väterlichen Liebe um-
fangen wird, hatte er auch für die Gemäldegruppe der Caridad ausgewählt. — Tiefe
warme Schatten, helle klare Fernen, leuchtende Farben treiben sich wechselwirkend hervor,
alles ist reich, volltönend. Hier erbleicht die Farbe im Licht, dort glüht sie aus dem
Dunkel hervor; hier schwebt eine Gestalt, modellirt im Schattenlosen, auf duftiger Ferne,
dort springt sie mittelst Rand- und Dreiviertelschatten plastisch hervor, — alles aber
dnrchsichtig, harmonisch, bewegt, gewählt. — Eines dieser Bilder war eine Zeitlang iu
dcr Vatikanischen Galerie; vier Skizzen sind im Pradomuseum.

Der Ruf der Gemülde fiir die Kapuziner in Sevilla bestimmte deren Ordcnsbrüder
in Cadiz, ihn zu ühnlichen Arbeiten dorthin zu berufen. Hier soll ihm ein Unfall be-
gegnet sein, ein Sturz vom Gerüst; er vermochte das Hauptbild, die mystische Verlobung
der heil. Katharina, nicht zu vollenden. Den heiligen Joseph mit dem Kinde und
S. Franciscus vor dem Kreuz, die Erzengel Michael und Gabriel, hat dann sein Schüler
Menescs Osorio ausgeführt. Jcnes Mittelbild erinnert an die Vision des heil.
Jldefonso. Ein breiter Strahl stellt die Hauptgruppe in gleichmäßig sonniges Licht. Die
Hältung ist überhaupt hell; die Farbe tritt zurück, nur das scharlachrote Gewand
der Maria leuchtet. Die Typen der fünf stattlichen braunen und blonden Engel und
der Heiligen von Siena sind ungewöhnlich. Deshalb berührt das Bild etwas fremdartig.
Allein in Cadiz war er ja auf Modelle des Ortes angewiesen. Also bis an die
Schwelle des Grabes, mit seiner unglaublichen Leichtigkeit, nach solcher Praxis will er
keine Malerei äs xraticm liefern. Die himmlischen Mädchen sind von entzückender Lokal-
farbe, nicht alle schön, aber jugendlich zart, uud von einer orientalischen Weichheit in
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