Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Erbach — Darmstadt, 1891

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VIELBRUNN

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Im Abstand von 1 km westlich von Vielbrunn zieht die römische Grenzwehr Kömerkasteii

Hainhaus

Mümlinglinie vorüber *) und verbindet das Kastell Eulbach mit dem Kastell Hain-
haus oder Heunhaus durch eine vermittelnde Kette von sieben Wachtstationen,
deren Trümmerstätten aus je einem eingeebneten oder zerstörten Thurm und je
einem Brandhügel bestehen. Das Kastell Hainhaus bei Vielbrunn kommt im 15.
Jahrhundert unter dem Namen die Bentzeflburg vor. Das Trümmerfeld bildet ein
Quadrat von je 25 Schritt Seitenlänge. Der Flächenraum war nach allen Analogieen
zur Aufnahme von zwei Kohorten Legionsinfanterie bemessen. Wie bei den meisten
Kastrairuinen im Odenwald ist auch in den Ueberresten dieser Wehranlage keine
Spur von Hochbau mehr vorhanden. Nur Grundmauern sind unter langgestreckten
Bodenerhebungen erhalten, auf denen kräftige Buchen stehen, die ihre Wurzeln
tief in die Fugen des Gemäuers treiben. Dadurch erscheint die alte Römersiedelung —
deren Inneres eine grasbewachsene Fläche darstellt, auf welcher jetzt an Stelle des
Frätoriums und Quästoriums etwas nach der Seite hin ein Fürstlich Löwensteinisches
Forsthaus und eine Gruppe kleiner Jagdgebäude sich erheben — wie eine grosse
Tafel, worauf der Grundriss des Kastells mit Baumreihen eingezeichnet ist, so dass das
prüfende Auge zwar die Plananlage der Umfassungsmauern vor sich sieht, aber über den
sonstigen Charakter des ehemaligen Wehrbaues keinen weiteren Aufschluss erhält. —

Eine kurze Strecke nördlich vom Kastell lag ein aus drei Räumen bestehendes Gebäude,
welches hinsichtlich seiner Anlage und Wärmeinrichtung in der technischen Anordnung
von Hypokausten mit den S. 157 u. 158 beschriebenen Kastraiannexen überein-
stimmt. Nach der Ortschronik von Vielbrunn wurden im Hainhaus vor mehreren
Jahrzehnten eine Anzahl Schleudersteine, eine Silbermünze des Septimius Severus
und der Rumpf einer Ceresstatue von Sandstein ausgegraben. Der Cerestorso kam
in den Eulbacher Schlossgarten. Die erstgenannten Funde sind verschollen, ebenso
eines der in den römischen Ruinen des Odenwaldes häufig vorkommenden Werk-
stücke aus gebranntem Thon mit dem Stempelzeichen der XXII. Legion. Diese
zur Zeit Cäsars aus Galliern und gallischen Hilfsvölkern bestehende Legion hiess
nach ihrem ersten Inhaber, König Dejotar, legio Dejotariana. Unter Kaiser
Augustus wurde sie nach Aegypten verlegt und betheiligte sich unter Titus an der
Erstürmung und Zerstörung von Jerusalem. Nach kurzem Aufenthalt in Italien
kam die Legion, die nun den Namen legio priviigenia pia fidelis d. i. erstge-
worbene fromme getreue Legion führte, im Jahre 87 nach Mainz, wo sie bis zum
Niedergang der Römerherrschaft verblieb und zumeist die Besatzung der Mümling-
kastelle aus ihr entnommen wurde.

Auf der Bodenerhebung, die den östlichen Mauerzug des Häinhaus-Kastells Steinsitze
birgt, stehen unter einer Baumgruppe sechs aus Buntsandstein-Monolithen gehauene
Barocco-Lehnsessel mit volutenartigen Ausläufern an den Seitenwandungen, worin
das bewusste Streben, antiker Norm zu folgen, deutlich sich ausspricht. Auf einem
dieser Steinsitze ist folgende Verbindung von Jahreszahl und Initialen eingemeisselt:
17 I RF 26.

*) S. in den Abschnitten XI u. XV dieser Abtheilung das Nähere über die Entstehungsgeschichte, den Zug
und die Beschaffenheit dieser Wehrlinie.
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