Adamy, Rudolf
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Oberhessen: Kreis Friedberg — Darmstadt, 1895

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KREIS FRIED BERG



In dem südlichen Tabernakelschränkchen der Ostmauer des Lettners fand
man im Jahre 1894 bei der für die geplante Restauration der Kirche vorge-
nommenen Untersuchung 5 Schaugefässe (Ostensorien) mit den Reliquien des 1306
errichteten Marienaltares. Fuss und Fassung dieser der zweiten Hälfte des 15.
Jahrhunderts angehörigen recht guten, in Treib- und Gussarbeit hergestellten Werke
sind aus vergoldetem Kupfer, der cylinderförmige Behälter aus Marienglas. In der
Höhe und Ausführung zeigen sie kleine Verschiedenheiten. Die Füsse sind wie
bei den gleichzeitigen Messkelchen .ausgeführt. Der oben und unten in verzierter
Fassung gehaltene Cylinder mit den Reliquien ist mit sechsseitigen Pyramiden ge-
krönt, die mit Knöpfen und bei dem einen Behälter mit einer Kreuzigungsgruppe
endigen. Zu beiden Seiten des Cylinders stehen zweistöckige Strebepfeiler mit Fialen,
die Giebelchen, Krabben und Kreuzblumen tragen und theilweise mit eingeschnittenem
Maasswerk verziert sind. Das grösste dieser also die typische Form zeigenden
Ostensorien ist 0,44 m, das kleinste 0,38 m hoch.
Die Sakristei ist an der Nordseite dem Chore vorgebaut. Sie hat ein drei-
theiliges, ein zweitheiliges und ein eintheiliges Maasswerkfenster des 14. Jahr-
hunderts, die mit jüngeren Glasmalereien verziert sind. Die beiden Kreuzgewölbe
sind gleichfalls jünger. In einem Nebenraume sind an der Aussenseite der Chormauer
noch ältere Spuren einer gemalten Darstellung des jüngsten Gerichts sichtbar, die früher
bloss überdacht war, wie die noch vorhandenen Konsolen beweisen. Die Sakristei birgt
ausser dem noch zu erwähnenden, früher in der Burgkirche befindlichen Crucihxus
zwei Truhen, die mit schlichten, und eine Truhe, die mit verzierten eisernen Bändern
reich beschlagen sind.
Wir fügen hier auch noch eine kurze Mittheilung über die an der Usa ge-
legene ehemalige Hospitalkirche bei. Schon 1310 wird das Hospital erwähnt;
eine päbstliche Bulle von 1349 giebt an, wie die s. g. Kerven-Messe in der
Hospitalkirche zu halten sei,*) und 1346 wird ein von Elisabeth von Gambach
gestifteter Altar erwähnt.1636 und 1640 brannte mit der Vorstadt auch die
Kirche ab, die aber wieder aufgebaut wurde. Vorhanden von diesem Baue sind
in einem Privathause noch 2 Räume: ein grösserer mit rundbogigen und ein
kleinerer mit spitzbogigen Fenstern, beide mit Hachen Balkendecken. Auf einer
Holztafel am Hause steht in deutscher Schrift:
^r. ßoljan pi?ilip§
pr. ßoljatt (Seorg MUty
16 bei&e pofpitat Pfleger 86.
DAS JUDENBAD')
Das Judenbad, fälschlich auch Römerbad genannt, ist ein beachtenswerthes
unterirdisches Bauwerk des 13. Jahrhunderts in der Judengasse. In dem engen
Hofe eines alten, im Verfalle befindlichen Häuschens erhebt sich ein brunnenkranz-
artiger Aufbau mit spitzer Haube, durch deren Oeffnung man einen achteckigen
1) und 2) Dießenbach a. a. O. S. goo. g) Verößenthcht von Dr. Kart Dießenbach in aDenkmäler der
deutschen Baukunst, herausg. vom hess. Vereine für Aufnahme mittelaiteri. Kunstwerke. Darmstadt 1856.« S. J. nebst 2 Taf.
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