Adamy, Rudolf
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Oberhessen: Kreis Friedberg — Darmstadt, 1895

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FRIEDBERG

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Sie war dem hl. Georg geweiht
und wurde 1372 durch einen
Glockenthurm und 1379 durch
einen neuen Chor erweitert. Im
Jahre 1783 wurde diese Kirche
wegen Haufälligkeit abgebrochen;
der Neubau verzögerte sich so,
dass die Weihe der die Einwirk-
ungen des Empire-Stils zeigenden
Kirche erst im Jahre 1808 statt-
frnden konnte. *) Sie ist ein
rechteckiger Bau, dessen Lang-
seiten von Norden nach Süden
sich erstrecken; ein stumpfer qua-
dratischer Thurm ist ihr an der
Westseite angebaut. Ihre ein-
gehendere Würdigung, die üb-
rigens des Erfreulichen wenig bieten
würde, fällt aus dem Kreise unserer
Betrachtungen heraus. Erhalten
haben sich jedoch noch einige ältere Gegenstände kirchlicher Kunst, die ihr ange-
hörten, und deren Betrachtung wir zweckgemäss hier einzureihen haben.
Ein Crucihxus in etwas überlebensgrosser Gestalt des Gekreuzigten aus Holz
ist ein recht tüchtiges Werk des aufkommenden Naturalismus aus dem Ende des
13. Jahrhunderts. Er verdiente eine sorgfältige Restauration und Aufstellung in
einer der Kirchen Friedberg's. Zur Zeit steht er in der Sakristei der Stadtkirche.
Zu diesem Crucihxus gehören zwei auf beiden Seiten mit Figuren bemalte Holz-
tafeln, deren Gestalt den Contouren der Figuren nachgeschnitten ist. Dieselben
waren unter den Kreuzarmen angebracht. Durch eine grosse Linienführung auf
monumentale Wirkung berechnet, zeigen die Malereien auch entsprechend ernste
Ausführung des seelischen Ausdruckes, des Leidens und der Ergebung, welche sie
über die Werke des rein handwerklichen Schaffens hinaushebt. Aufgestellt, zeigen
sie auf den beiden einander entsprechenden Seiten je die Bilder der Maria und
des Johannes, jedoch sind die auf der einen Seite von anderer Hand ausgeführt
als die auf der andern. Zeigen jene noch in der Darstellung des Seelischen, in
der scharfen Linienführung der Contouren und in der Gewandbehandlung den Ein-
fluss der spätgothischen Malerei — die schlanken Finger der Hände erinnern an
die Schongauer'sche Schule —, so sind die der andern schon weitaus freiere, aber
immer noch ansprechende Malereien einer etwas späteren, die Schranken der
Gothik bereits überwindenden Zeit. Auch diese Bilder haben stark gelitten.
Auf dem Altäre der Burgkirche steht ein dem ersten Viertel des 16. Jahr-
hunderts entstammendes Altarkreuz aus vergoldetem Kupfer und aus Silber, welches,
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