Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Kreis Offenbach — Darmstadt, 1885

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KREIS OFFENBACH

Verschiedenheit der Stylmotive. (Vergl. Abb. Nr. 71). Die Gallerie war ursprünglich,
wie der alte Bodenbelag bestätigt und auch Merian's Abbildung erkennen lässt, ein
die Thurmbekrönung frei umziehender offener Laufgang. Im 1 7. Jahrhundert wurde
die Brüstung in das erneuerte Dachwerk aufgenommen und ganz damit überdeckt.
Seitdem steigt die UeberdacKung in vier verjüngten Absätzen pyramidalisch an
und schliesst auf dem Thurmknopf mit einer Lanzknechtfigur, welche die Wetter-
fahne trägt. Der Steinheimer-Thorthurm ist eine der beachtenswerthesten Thurm-
bauten der deutschen Renaissance, ein Gebäude, das durch seine gediegene Kraft
an die machtvollen Thürme des stolzen Kurfürstenschlosses im nahen Aschaffenburg
erinnert. Der gleiche Kunstcharakter und die gleichzeitige Entstehung der beiden
Baudenkmäler macht es wahrscheinlich, dass Georg Riedinger von Strassburg, der
Architekt des Aschaffenburger Prachtbaues, auch das Seligenstädter Werk gebaut
habe, eine Vermuthung, welche durch das vorerwähnte am Thorthum befindliche
Wappen des Kurfürsten Johann Schweikard von Kronenberg, der den Schlossbau
zu Aschaffenburg errichtet, Unterstützung findet.
Mainthorthurm Von dem 1840 abgetra-

genen Mainthorthurm, auch
Heiden- und Hexenthurm ge-
nannt , besteht noch das im
Grundriss quadratische Sub-
struktionsgeschoss bis zur Höhe
des hohlkehlenartig geschweif-
4. „ „ .. . . , . J7 _. ten Sockelgesimses« Auf diesem

rtg. 71- Setigenstaat. Steinheimer-1 nortnurm: hinzelformen 0

der Thurmgallerie. Mauertorso erhebt sich die neue

Massstab 1 : 40. Lehrerwohnung, in deren Tiefe

das alte unterirdische Thurm-
gefängniss jetzt als Keller benutzt wird. Gewaltiges Quaderwerk umschliesst
riiess diesen als Verliess angelegten Raum, in welchen die Gefangenen durch eine im
Scheitel der Wölbung angebrachte Oeffnung hinabgelassen wurden. — In einer
Nische der nach dem Mainufer gelegenen Aussenseite der Sockelmauer steht eine
Madonnenstatuette, deren feinere Formen durch die dicken darüber ausgebreiteten
Farbenschichten unkenntlich geworden sind. Nur die scharfen, knitterigen Gewand-
falten lassen einen Schluss zu auf die Entstehung des Bildwerkes in der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts.

Mauerthürme Von den sechs runden Mauerthiirmen sind drei in mehr oder minder gutem

Zustand übrig. Sie treten mit einem Theil ihrer Rundung nach aussen vor zum
Zweck der Seitenbestreichung des Befestigungsgürtels. Der westliclie Mauerthurm,
auf der Landseite der Stadt, steht nur noch bis zum Bogenfries unterhalb des ver-
schwundenen Zinnenkranzes aufrecht. Von den beiden spitzbogigen Thüren ist
die eine vermauert. Die andere, höher gelegene Thüre öffnet sich nach dem
Wehrgang hin und ist jetzt mit einer Freitreppe in Verbindung gebracht, die in
das zu einer Gartenhalle eingerichtete Innere führt. — Von ungleich besserer
Erhaltung sind die auf der Nord- und Ostfront der Beringung befindlichen beiden
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