Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Ehemaliger Kreis Wimpfen — Darmstadt, 1898

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EHEMALIGER KREIS WIMPFEN

Kenotaphium In die Hochwand des nördlichen Nebenschiffes ist ein Kenotaphium ein-

gelassen zum Andenken an den 1769 verstorbenen Weihbischof (Bischof von
Kapharnaum in pavtibiis infidelium), Kustos des Ritterstiftes und Erneuerer des
Kirchen-Inneren Christopherus Nebel (s. o. S. 236). Das 4,50 m hohe Monument
besteht im Kern aus schwarzem, hell geäderten Marmor; die figürliche und ornamen-
tale Ausstattung hingegen ist in glänzend weissem Marmor ausgeführt. Die lebens-
grosse Reliefporlrätbüste des Bischofes in Medaillonform nimmt die Mitte des Denk-
males ein. Im würdevollen Antlitz webt Ernst und Güte zugleich. Bei tadelloser
Meisselführung verrathen Auffassung und Behandlung einen Künstler, welcher dem
ausschweifenden Rococo, das in der St. Johann von Nepomuk-Statue überwiegt, durch
weises Maasshalten aus dem Wege zu gehen verstand. Die Genien zur Seite des
Reliefbildnisses streifen durch überquellende Bewegungen schon mehr an den
manieristischen Zug der Zeit. Oberhalb des Medaillons deuten Pedum und Mitra
auf die episkopale Eigenschaft des Verewigten. Den Abschluss des Kenotaphs nach
unten bildet ein Todtenschädel mit Fledermausflügeln als Symbol der Vergänglichkeit
des irdischen Daseins.

Kanzel Die Kanzel weist in Stil und Ausstattung auf die gegen den Schluss des 18. Jahr-

Orgdbrubtum; Kunderts herrscnen(ie Kunstübung hin, die ihre Aufgabe darin erblickte, dem Formen-
gewirre des Rococo einen ruhigeren Gestaltungsausdruck durch den sogenannten
reaktionären Scheinklassicismus gegenüber zu stellen. Die Thalwimpfener Kanzel legt
für den zweifelhaften Erfolg dieser Bestrebungen mehr als genügendes Zeugniss ab.
Das Material ist Holz. Auf spiralförmigem Fusse (s. o. Fig. 159 S. 260) erhebt sich
eine polygone Brüstung mit klassicirenden Säulchen an den Ecken. Die dazwischen
liegenden Paneele oder Füllungen enthalten künstlerisch wenig befriedigende Relief-
figuren der vier Evangelisten mit ihren Attributen Engel, Adler, Stier, Löwe. Auf
dem schwerfälligen Baldachin oder Schalldeckel steht die Statuette eines palmen-
tragenden Engels, die kaum mitsprechen darf, wenn von ächter Kunst die Rede ist.
Gleich minderwerthig sind die Reliefbrustbilder der Kirchenväter am Geländer der
Kanzeltreppe. — Das Kirchengestühl aus dem Erneuerungsstadium des Stiftskustos
und Weihbischofes Nebel ist fast ganz verschwunden; unter dem modernen Gestühl
befindet sich aus jener Zeit nur noch ein einziger Rococo-Kirchenstuhl mit leidlich
stilisirten Schnitzereien an den Wandungen. — Längs der Brüstung der Orgelbühne
(s. o. Fig. 132 S. 233) prunken sechs gemalte, reich ornamentirte Wappen mit folgenden
auf Spruchbändern verzeichneten Geschlechtsnamen: Kustos Johann Franz von Giulpen
(f 1714), Dekan Adolf Friedrich von Elz (1715), Dekan Christoph jodocus Freiherr von
Ketteier (f 1735); die folgenden Namen Johann Friedrich von Fresendorf, Arnold Wolf-
gang Freiherr von Frentz und Johann Anton von Feltz finden sich nicht unter den bis
jetzt bekannt gewordenen Stiftswürdenträgern und werden sonach auf einfache Ritter-
stiftsgenossen, Sexpräbendare, Vikare, oder Domicellare zu beziehen sein. Die Sterbe-
daten der drei erstgenannten Stiftskanoniker unterstützen die Annahme der Errichtung
der Orgelbühne in den ersten Decennien des 18. Jahrhunderts, womit auch der Stil
der heraldischen Malereien übereinstimmt. Aus der Wappenserie dürfte sich aber auch
die weitere Wahrscheinlichkeit einer von den sechs Rittern gestifteten Orgel ergeben,
die jedoch in den dreissiger Jahren des gegenwärtigen Säculums umgebaut wurde.
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