Oechelhäuser, Adolf von ; Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 4,4): Die Kunstdenkmäler der Amtsbezirke Mosbach und Eberbach — Tübingen [u.a.], 1906

Page: 201
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kdm4bd4/0229
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
AMT EBERBACH.

ZWINGENBERG. SCHLOSS ZWINGENBERG.

Erwähnt sei noch, ehe wir den inneren Burghof betreten, das oberhalb des Kon-
solenfrieses hoch oben an der Südwestecke des Palas, dem Uhrthurme gegenüber ange-
brachte Fratzenbild, dem man seiner langen Ohren wegen den Namen des Midas
gegeben hat. Natürlich hat es mit dem alten phrygischen König nichts zu thun, sondern
stellt eines der im Mittelalter sehr

Schmähbild

~~'



^^"^W^i

beliebten Schmähbilder dar, die an
Thoren und Brücken Freund oder
Feind einen humoristischen Wille-
kumm entbieten sollten (s. Fig. 129).

Wir schreiten nunmehr durch
das erwähnte alte Portal in die Thor-
halle der Hauptburg, einen gewölbten
Raum von trapezförmigem Grundriss,
der sich in zwei von einer derben
Mittelsäule getragenen weiten Rund-
bogen nach Norden zu, in den Burg-
hof hinein öffnet. An den beiden ihn
bedeckenden Rippenkreuzgewölben
zeigen sich an den Schlusssteinen zwei
verschiedene Hirschhorn'sche Allianz-
Wappen, nämlich das der beiden
Brüder Hans und Eberhard (ersterer
hatte eine Rheingräfin von Stein,
letzterer eine Kämmerer von Worms
zur Frau), wodurch die Erbauungs-
zeit dieses Bautheils zu Anfang des
XV. Jhs. festgelegt ist. [Krieg von
Hochfelden und Näher (der ihn aus-
schreibt) geben hier irrthümlich das
Hirschhom-Dalberg'sche Wappen mit
der Jahreszahl 1572 an, wodurch eine
ganz falsche Datirung dieses Thor-
baues entsteht.] Die Rippen gehen
von kleinen Konsolsteinen aus, von
denen einer vorn in der Ecke links
mit der Fratze eines Mannes verziert
ist (s. Fig. 130), der hintere, schräg

gegenüberliegende, mit dem Hirschhorn'schen Schilde. Auch hier sind Hirschgeweihe
an den Wänden aufgehängt, um der Halle ein weidmännisches Gepräge zu geben.

Der kleine gepflasterte Burghof, den wir von der Thorhalle aus betreten, ist auf Burghof
drei Seiten von Wohngebäuden umgeben (s. die Grundrisse auf Fig. 131). Nach Osten"
beschattet ihn die nördliche Hälfte der hoch aufragenden Schildmauer mit dem daran
anstossenden Berchfrit. Wir beginnen die Schilderung dieser Baulichkeiten mit den
ältesten Theilen der gesammten Burg-Anlage, als welche wir zweifellos Berchfrit und
Schildmauer zu betrachten haben. *

Fig. 129. Von der Südostecke des Palas von Zwingenberg.
loading ...