Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 6,1): Die Kunstdenkmäler der Amtsbezirke Breisach, Emmendingen, Ettenheim, Freiburg (Land), Neustadt, Staufen und Waldkirch (Kreis Freiburg Land) — Tübingen u.a., 1904

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AMT BREISACH. — BREISACH. 57

Dieses Mittelbild, für sich eine völlig abgeschlossene Komposition, wird von frei
gearbeitetem, zierlich verschlungenem Laub- und Rankenwerk abgeschlossen und ist von
einem breiten, oben als Kleeblattbogen ausgebildeten, tiefkehligen Rahmen umgeben.

Die beiden, je von einem halben Kleeblattbogen abgeschlossenen Seitenflügel
(h = 4,31; b = 1,81) zeigen auf glatter Fläche in hohem Relief gleichfalls unter phan-
tastischem Rankenwerk je zwei Heiligengestalten, deren Namen auf den kreisrunden
Nimben verzeichnet stehen: Rechts vom Beschauer die Patrone der Stadt, S. Protasius
und S. Gervasius mit Schwert und Geissei, in der Tracht des beginnenden 16. Jhs., links
die Kirchenheiligen S. Stephanus und S. Laurentius, mit Palme Buch, und Steinen, sowie
Buch und rechteckigem Roste, beide unbedeckten Haupts in weiten, mit Franzen besetzten
Diakonengewändern.

Die Rückseiten der Flügel, die wohl trotz der angebrachten Scharniere nicht zum
Schliessen bestimmt waren, sind völlig roh und unbearbeitet gelassen.

In der zur tiefen, von Blattranken umrahmten Nische umgestalteten Predella
{h = 1,07; b = 2,05) sind die vier Evangelisten, umgeben von ihren Symbolen,
beschäftigt, Fedem und Tintenfässer in Händen, ihre Evangelien niederzuschreiben. Die
vier genial geschnittenen, beinahe völlig frei herausgearbeiteten Brustbilder, die zugleich
die vier Menschenalter versinnbildlichen, erscheinen vortrefflich in den Raum hinein- >
komponirt und zu zwei Gruppen vereinigt, in denen einerseits die Verschiedenheit,
andererseits die Uebereinstimmung der Charaktere der heiligen Schriftsteller wirkungsvoll
zum Ausdruck gebracht ist. Denn während links neben dem jugendlichen Johannes,
der ruhig und sinnend in das von seinem Adler gehaltene Buch schreibt, Mathäus, vom
Engel im Hintergrunde inspirirt, lebhafteste Erregung bei der Abfassung seiner Schrift
zeigt, athmet die rechte Gruppe, in der S. Markus mit dem Löwen und S. Lukas mit dem
Stier überlegend ihre Gedanken auszutauschen und niederzuschreiben scheinen, die behäbige
Ruhe des geklärten Alters. (Fig. r8)

Ohne inneren Zusammenhang mit den breiten und mächtigen Umrissen dieses
Schreines baut sich darüber ein zierliches und luftiges Nischensystem zu schwindelnder
Höhe auf, bis es bekrönt von Wimbergen, Fialen und Kreuzblumen, sowie durchzogen
von Ranken und Laubwerk, im Dunkel der Gewölbe verschwindet. (Ganze Hohe des
Altars von Mensa bis 'Frauenschuh' 11,63 m')

Zunächst über dem Abschluss des Mittelbildes sind neben einander fünf Nischen
angeordnet, in denen auf Konsolen und unter zierlich durchbrochenen Baldachinen zu
äusserst je eine geflügelte, musizirende Engelsgestalt steht, dann etwas höher die Figuren
der Heiligen Vitalis und Valeria, der Eltern der Stadtpatrone, angebracht sind und
schliesslich in der höchsten und mittelsten eine reizende Gruppe sich findet, S. Anna
selbdritt, wobei die Mutter Mariae das Jesuskind auf dem Schosse hält und Maria, zur
Seite stehend, jenem Trauben reicht. Aus dem dieses Bild überdeckenden Baldachin
wächst, seitlich von Fialen mit Streben gestützt, eine hohe Pyramide empor, in deren Spitze
unter der nach vorne geneigten Kreuzblume zwischen vier schlanken Säulchen die Gestalt
Christi steht, mit weitem Mantel angethan, dornenbekrönt und seine Male weisend.

Das ganze Holzschnitzwerk, mit ungemeiner Technik aus Lindenholz geschnitten,
ist jetzt mit dickem gelbem Oelfarbenanstrich bedeckt, der viele der ursprünglichen Fein-
heiten namentlich an den jugendlicheren, weniger ausgeprägt modellirten Köpfen verbirgt.
Vor Allem die Gesichtszüge der Mutter Gottes, die heute mit der hohen gewölbten
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