Kraus, Franz Xaver [Editor]
Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 6,1): Die Kunstdenkmäler der Amtsbezirke Breisach, Emmendingen, Ettenheim, Freiburg (Land), Neustadt, Staufen und Waldkirch (Kreis Freiburg Land) — Tübingen u.a., 1904

Page: 162
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IÖ2

KREIS FREIBURG.

Im Norden und Süden sind nahe dem Chor zwei rechteckige Kapellen an das
Langhaus angebaut, die durch niedere Spitzbogenportale, über denen sich schwerfällige
Barockdekorationen befinden, von der Kirche aus betreten werden.

Der südliche Anbau, die Grabkapelle derer von Hümkeim, wird von Rippen-
netzgewölben überspannt; die Gewölbefelder sind barock verziert und die Schlusssteine
mit den Wappen derer von Hürnheim und Hohen-Rechberg belegt.

Die nördliche Kapelle zeigt ein einfaches rippenloses Kreuzgewölbe und besitzt,
wie auch die Hürnheimer Grabkapelle, masswerklose Spitzbogenfenster.

Dieses Langhaus in seiner jetzigen Form verdankt Umbauten des vorigen Jahr-
hunderts seine Gestalt; jedoch sind die Umfassungsmauern ebenso wie der westliche
Abschluss auf Bauten der gothischen Zeit zurückzuführen und zwar ist die jetzige West-
frontmauer unzweifelhaft noch die alte, gleichzeitig mit dem Osttheil erstellte, was sowohl
durch die Längen- und Breitenverhältnisse der gesammten Anlage, als auch durch die
Architektur des Westportals zur Genüge bewiesen wird.

Die seitlichen Strebepfeiler des Westgiebels aber sind spätere Zuthaten und nicht
unwahrscheinlich gleichzeitig mit den Langhausseitenmauern erstellt, die wiederum
mindestens früher angelegt sein müssen als die seitlich angebauten beiden Kapellenräume,
welche in die ersten Jahrzehnte des 16. Jhs. zu setzen sind. Doch können diese Mauer-
züge auch nicht gleichzeitig mit dem Ostbau angelegt worden sein; denn die beiden
Thurmkapellen zu Seiten des Chors, die sich ehemals in dem Triumphbogen gleich-
profilirten Spitzbögen, nach dem Langhaus zu öffneten, wurden später zugemauert und
da an diese Zumauerungen die Langhauswände anschliessen, so kann die Anlage der
jetzigen Kirchenschiff breite zum frühesten gleichzeitig mit der Vermauerung dieser Bögen
erfolgt sein, also später als die Anlage der Ostpartie und der Westfront.

In die Zeit dieses Langhaus-Um- oder Neubaus fällt wohl auch die Anlage eines
Lettners, auf dessen Vorhandensein die Mauerabsätze an den Westwänden der beiden
Thürme, ebenso wie die tiefen Nischen und die zur Beleuchtung der Gewölbe des
Lettners eigens nieder angelegten Fenster in den Langhauswänden zwischen Thürmen
und Kapellen-Anbauten mit Bestimmtheit hindeuten. Der Zugang zu diesem Lettner
erfolgte über die ursprünglich nicht geplante und später eigens zu diesem Zwecke in die
Mauern des Südthurms eingebaute Wendelstiege vom ersten Thurmobergeschoss durch
das jetzt vermauerte Pförtlein in der Westwand des Thurmgelasses.

Auf die Frage, wie das mit dem Chorbau gleichzeitige Langhaus gestaltet gewesen sei,
können uns die vorhandenen baulichen Bestände einigen Aufschluss geben, die erkennen
lassen, dass in Verbindung mit Chor und Thürmen eine dreischifhge Anlage mit wenig er-
höhtem Mittelschiff geplant und mindestens theilweise auch ausgeführt gewesen sein muss.

Die Anschlüsse der Hoch schiffmauern an die Chor wand sind im Dachraum des
Langhauses heute noch zu sehen zu Seiten des Triumphbogens, welcher in Folge der
bedeutend niederer gelegten Langhausdecke am Scheitel zugemauert worden ist; auch
die Ausbildung der Triumphbogenpfeiler, die bei kreuzförmigem Grundriss in den Ecken
von Diensten mit noch erhaltenen einfachen Kapitalen begleitet sind, lassen auf eine
dreischifhge Anlage schliessen; und zwar scheint das Kirchenschiff eine Pfeilerbasilika
mit oblongen Gewölbefeldern in Haupt- und Seitenschiffen gewesen zu sein, wozu die
ganzen Längen- und Breitenabmessungen der Anlage unter Berücksichtigung des heute
noch im Umbau erhaltenen Westabschlusses auffallend stimmen würden.
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