Kemp, Wolfgang; Heck, Kilian [Editor]
Kemp-Reader: ausgewählte Schriften — München , Berlin: Dt. Kunstverl., 2006

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nungsversuche. Stattdessen ist eine Art Waffenruhe eingekehrt, die so verschiedene
Geister wie E.D. Hirsch oder Frederic Jameson zusammengeführt hat, nicht unter dem
Dach eines neuen Substantialismus, sondern jenes Konstruktivismus, der das Problem
der Geltung von der eigenen Aussage auf die Aussagen der anderen oder auf die faktische
Macht einmal etablierter Typen verschiebt. Gattungen, sagen sie, sagen viele Literatur-
wissenschaftler, funktionieren als soziale Normen, als literarische Institutionen, als
sinngebender Rahmen.'
Im Fach Kunstgeschichte beobachten wir ebenfalls eine Ausweichbewegung vor dem,
was in unschuldigeren Zeiten »das Wesen der Gattungen« hieß. Die Mehrheit der auf
diesem Gebiet tätigen Forscher bezieht geradezu reflexhaft alle Vorgänge der Gattungs-
geschichte auf die Kunsttheorie und speziell auf die antike Poetik oder auf ekphrastische
Texte des Altertums.1 2 Die nachantike, neuzeitliche Kunstgeschichte liest sich in ihrer Dar-
stellung als ein gigantischer Nachholakt der verlorengegangenen Malerei des Altertums.
Und jenseits der antiken Texte figuriert die Kunstliteratur seit Alberti als der Stichwort-
geber und die Berufungsinstanz der Praxis. Was heißt, daß literarische Zeugnisse nicht
etwa nur zum Verständnishorizont einer Zeit befragt, sondern als Verursacher von
Gattungsgeschichte verantwortlich gemacht werden. Gombrich hat vermutlich mit
diesem Reigen den Anfang gemacht, als er die Entstehung der Landschaftsmalerei im
16. Jahrhundert durch die Lektüre antiker Texte angeregt sah.3
Die Vorstellungen der Zeitgenossen können - um mit Reinhart Koselleck zu sprechen
- ein Vetorecht ausüben, und sie sind selbstverständlich auch als Gegenstand eigenen
Rechts zu studieren. Aber darum geht es hier nicht. Es wird auch niemand bestreiten, daß
zwischen Theorie und Praxis Wechselwirkungen stattgefunden haben - die Frage ist, ob
wir unsere Diskussionen über die Gattungen auf der Basis historischer oder gegenwärti-
ger Theorien weiterführen wollen. Gegen die erstgenannte Möglichkeit bzw. ihre Verab-
solutierung zwei Argumente: ein historisches und ein systematisches.
1. In historischer Hinsicht sollte man von den Regularien der Kunstliteratur nicht zu-
viel erwarten, auch in Zeiten der normativen Ästhetik nicht. Nehmen wir eine der stärk-
sten Vorgaben der akademischen Theorie, die bekannte Rangskala der Gattungen, die
spätestens seit dem 17. Jahrhundert »in Kraft ist«. Es dürfte kaum einen europäischen
Künstler gegeben haben, der nicht wußte, welche Bildgattungen zu suchen und welche
eher zu meiden waren, welche man mit höheren Ansprüchen und dementsprechend bes-
seren Chancen zu sozialer Anerkennung verband und welche nicht. Hat man sich daran
gehalten? Zwei Antworten dürften schwer von der Hand zu weisen sein: Es sind nicht alle
Künstler Historienmaler geworden. Und die sogenannten niedrigen Gattungen wie Stil-

1 Das neuere Schrifttum zum Thema literarische Gattungen kann hier nicht aufgelistet werden. Als nützlicher
Überblick seien empfohlen: Karl Canvat, »Essai d’histoire de la notion de genre lirteraire«, in: Les Lettres
Roman LI, 1997, tSyff. (mit umfangreicher Bibliographie vor allem romanistischer Ausrichtung) und die
Artikel »Gattung«, »Gattungsgeschichte«, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Berlin 1997fr.
2 Aus deutschsprachiger Sicht zu dieser Position Wilhelm Voßkamp, »Gattungen als literarisch-soziale Insti-
tutionen«, in: Walter Hinck (Hrsg.), Textsortenlehre - Gattungsgeschichte, Heidelberg 1977, 27fr.
3 Es ist in diesem Sinne konsequent, daß das anspruchsvollste Unternehmen zur Gattungsgeschichte fünf
Quellenbände hervorgebracht hat - die Rede ist von der Reihe Geschichte der klassischen Bildgattungen in
Quellentexten und Kommentaren, Berlin 1996fr.
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