Kerschensteiner, Georg
Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung: neue Ergebnisse auf Grund neuer Untersuchungen — München, 1905

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Die Entwickelung der zeichnerischen Begabung.

es noch weiter öfter dazu, die Form umzubringen, als sie zu entwickeln,
einfach deshalb, weil die Masse nur das schön heisst und darnach greift,
was sie verziert findet durch aufgepappte, aufgemalte, aufgegossene,
mit Mörtel und Zement aufgetragene, möglichst naturalistisch gehaltene
Blumen, Tiere und Menschen. Dabei ist die künstlerische Form
unserer täglichen Gebrauchsgegenstände, für die selbst viele wilde
Völkerstämme von einiger Kultur ein Verständnis zeigen, immer tiefer
und tiefer gesunken. Das wird erst besser, wenn unsere Schulen
das Volk wieder lehren, dass das Ornament nur da berechtigt und
darum schön ist, wo es entweder eine konstruktive Bedeutung hat,
oder einen Rhythmus in die Fläche bringt, wo es ungegliederte Körper
und Flächen gliedert und dadurch übersichtlich machen hilft, wo es
hartwirkende Teile weich verbindet, wo es der Herstellungstechnik
entspricht, vto es nicht Falsches vorspiegelt, kurz, wo es die Form
bildet und nicht bloss „schön“ machen soll. Die wirkliche „Schön-
heit“ kann häufig eines jeden Ornamentes entbehren. Bilden wir nach
diesen Grundsätzen unseren eigenen Geschmack, machen wir sie zum
eisernen Bestand unseres Unterrichts, dann erst wird er in den Dienst
der künstlerischen Erziehung treten.

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