Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Das Äerhardtsche Narmor-Casei'n-Derfahren. Don >§. Darlen

Zum Teil werden diese Schwierigkeiten und Mängel
bei der Ölwachs- und der Casemmalerei vermieden, welch
letzterer der elfteren gegenüber namentlich eine bedeutende
Dauerhaftigkeit nachzurühmen ist. Beide Verfahren werden
deshalb, ebenso wie verschiedene andre bequemere Metho-
den, häufig der Freskotechnik vorgezogen. Doch sind sie
dagegen wieder mit so wesentlichen andren Unzulänglich-
keiten behaftet, wie Beschränktheit der Farbenskala, Sprödig-
keit des Materials und zu schnelles Trocknen, um ein Jn-
einandermalen und damit den Schmelz des Kolorits zu
ermöglichen, geringere Dauerhaftigkeit w., so daß noch
keine der angedeuteten Methoden als eine durchweg be-
friedigende anerkannt zu werden verdient.

Nicht leicht hat ein Künstler auf diesem dornenvollen
Felde eine reichere Erfahrung zu sammeln Gelegenheit
gehabt wie Peter Janssen. Von frühester Jugend auf
mit der Monumentalmalerei beschäftigt und schon als
Schüler Bendemauns mit den Kenntnissen der älteren
Richtung vertraut, wurde er bei seinen zahlreichen Wand-
malereien in Düsseldorf, Krefeld, Bremen, Erfurt und
Berlin mit den verschiedenen Matweisen auf das gründ-
lichste bekannt. Da er dabei nicht selten die größten tech-
nischen Schwierigkeiten zu bekämpfen fand, so ist wohl
nichts natürlicher, als daß mit allem Eifer sein Augen-
merk darauf gerichtet war, ein besseres Malverfahren wie
die bisherigen aufzufinden. Sobald er sich deshalb über-
zeugt hatte, daß in dem Gerhardtschen Prinzip ein tüch-
tiger, entwickelungsfähiger Kern stecke, nahm er (in Ge-
meinschaft mit v. Gebhardt) mit größtem Interesse und mit
der ihm eigenen eisernen Energie die praktische Ausbil-
dung dieser Idee in Angriff. Nach jahrelangem mühe-
vollem Ringen kann nun heute der unermüdliche Pfleger
des gesunden Keimes mit gerechtem Stolze auf eine voll-
entwickelte herrliche Blüte schauen. Wenn jetzt Janssen
selbst unumwunden seine Zufriedenheit mit dem Gerhardt-
schen Malverfahren ausspricht, so ist damit unzweifelhaft
das kompetenteste Urteil in dieser Sache abgegeben.

Vollständig übereinstimmend mit dem seinigen ist das
ebenso belangreiche von Gebhardts. Er hatte sich an-
fangs nur mit der Öltechnik beschäftigt und darin bereits
den alten Meistern ihre intimsten Geheimnisse abgelauscht,
als er durch den Auftrag, die Wandmalereien im Kloster
Loccum (siehe „Kunst für Alle" Heft 13, 2. Jahrgang)
auszuführen, dazu veranlaßt wurde, auch diesem Gebiete
das eingehendste Studium zuzuwenden. Auf diesem Wege
gelangte er zu der Überzeugung, daß in der Gerhardt-
schen Maltechnik das beste und zweckmäßigste Mittel ge-
funden sei, weshalb er sich mit allem seiner Eigenart ent-
sprechendem Ernst ihrer Ausbildung annahm und in ihrer
Handhabung sehr bald eine solche Fertigkeit aneignete, daß
er sich darin ebenso wie in der Oltechnik einer vollkom-
men freien und leichten Beherrschung erfreuen konnte.
Nach solchen Zeugnissen ist es wohl berechtigt, dem neuen
Malverfahren für die Zukunft das günstigste Prognostikon
zu stellen.

Die Vorzüge des Verfahrens sind leicht ersichtlich.
Zunächst hat Gerhardt gegenüber der früheren Fresko-
technik nicht allein die Verbesserung der Farbe, sondern
schon die des Mörtels ins Auge gefaßt und dieselbe da-
durch bewirkt, daß er vor allem dem Kalk, als dem wich-
tigsten Faktor bei den nachherigen chemischen Prozessen,
die aufmerksamste Behandlung zuwendet und ihm durch
einen richtigen Zusatz von kohlen-, schwefel- und phos-

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phorsauren Stoffen den nötigen Gehalt gibt, dadurch von
Vorneherein dem Mörtel die Härte verleihend, welche er
sonst erst, wie man annimmt, durch das Alter erhalten
soll. Da Gerhardt nun auch eine ähnliche Mischung bei
dem Bindemittel für die Farbstoffe zur Verwendung bringt,
so wird damit der bedeutende Vorteil erreicht, daß der
Farbenauftrag jederzeit sowohl auf nassem wie auch auf
vollständig trockenem Mörtelbewurf, auf Leinwand und
auf Holz ganz nach Belieben pastös oder lasierend vor-
genommen werden kann. Ganz wie bei der Ölmalerei
ist in der nassen Farbe ein leichtes weiches Jneinander-
maleu möglich und somit derselbe Schmelz des Kolorits
wie dort erreichbar. Außerdem zeigen trotz der voll-
kommenen Glanzlosigkeit die Farben in den Schatten eine
Glut und Tiefe, in der Helligkeit eine Leuchtkraft und
Brillanz, wie mit der Ölfarbe solches nicht wirkungsvoller
zu erreichen wäre.

Für die Dauerhaftigkeit kann zunächst schon ein ge-
wichtiges Zeugnis daraus entnommen werden, daß über
die ersten Proben bereits eine lange Reihe von Jahren
dahingegangeu ist, ohne daß sich an denselben die min-
deste wahrnehmbare Veränderung gezeigt hätte. Mit
diesen Belegen ist aber auch die Beurteilung von fach-
wissenschaftlichen Autoritäten auf Grund der chemischen
Zusammensetzung vollständig im Einklang, indem sich da-
nach nur eine Zunahme der Festigkeit der aufgetragenen
Farben im Laufe der Zeit und somit zweifellosen Dauer-
haftigkeit Voraussagen läßt. Einen wesentlichen Fortschritt
machte in dieser Hinsicht die Entwickelung des Verfahrens,
seitdem es gelang, einen so erfahrenen Chemiker wie
Or. Schöufeld für die Bereitung der Farben zu gewinnen,
von welcher Zeit an er diesem Gegenstände sein vollstes
Interesse widmete. Dadurch ist jetzt dieses Material mit
derselben Bequemlichkeit wie die Öl- und Aquarellfarben
zu handhaben, da die Farben, welche in der Fabrik voll-
ständig präpariert und in Tuben verpackt, ans der Palette
nur mit etwas Wasser angefeuchtet zu werden brauchen
und sich gerade so leicht wie Öl- und Wasserfarben mischen
und auftragen lassen. Auch kann man sofort Lasuren
anbringen, ohne die untere noch frische Farbe aufzureiben,
gleichviel wie oft man übereinander auflegt.

Diese unverkennbaren Vorzüge werden dem Ver-
fahren, das sich, wie bereits erwähnt, durchaus nicht ver-
mißt, etwas ganz neues zu bieten, sondern nur das gute
alte, aber verloren gegangene, wieder aufzunehmen trachtet,
unzweifelhaft in einiger Zeit allgemeine Verbreitung ver-
schaffen. Den bisher darin ausgeführten, oben namhaft
gemachten Arbeiten Janssens und von Gebhardts, den
bereitsten und bedeutendsten Zeugnissen für seine Vor-
trefflichkeit, reihen sich bereits eine ganze Anzahl tüchtiger
in derselben Weise ausgeführter Arbeiten ihrer Schüler,
Arthur Kampf, Walter Petersen, Franz Spatz, Klein-
Chevalier u. a. an. Auch dieser Umstand, daß die her-
vorragendsten jüngeren Talente sich mit dem Feuereifer
der Jugend der neuen technischen Errungenschaft bemäch-
tigt und damit bereits anerkennenswerte Resultate erzielt
haben, bedeutet für dieselbe einen aussichtsreichen und viel-
verheihenden Erfolg. Die letztgenannten Arbeiten sind
zum größten Teil nicht direkt auf die Wand, sondern auf
Leinwand ausgeführt, die mit einer ähnlichen Mischung
präpariert wird und deshalb die gleichen Vorteile wie der
Mörtelbewurf bietet. Von Hans Dahl ist außerdem be-
reits ein wohlgelungener Versuch gemacht worden, die
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