Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Wilhelm Riefstahl


Aufenthalts war ein großes und ergreifendes Bild „Hochthal am Säntis". Dasselbe fand einen durchschlagenden
Erfolg. Riefstahl malte diesen Gegenstand, wie jeden, der ihn überhaupt fesselte, wiederholt, indem er bei jeder

Wiederholung auch eine Verbesserung anstrebte. So
konnte das „Hochthal am Säntis" eine künstlerische
Entwickelung durchleben, deren schönste Blüte jenes
Bild ist, welches im Jahre l873 die Wiener Welt-
ausstellung zierte und seitdem der Karlsruher Galerie
angehört. Über dieses Bild äußert sich eine feine und
warmherzige Kritik von Violet le Duc in anerkennendster
Weise. Und in der That: übertreffen konnte der
Künstler dieses Hochgebirgsbild, aus welchem die
schneidende Schncclnft und der ganze Zauber der Felsen-
einsamkeit den Beschauer anweht, kaum jemals wieder.

Im nächsten Sommer aber fand er einen
Studienplatz, den er durch viele Jahre beibehielt, zu
St. Leonhard im Passeierthal. Dieses weltentlegene
Thal, in dessen Seitenschluchten die Ltzthaler und
Stubaier Gletscherwelt ihre Eisströme herabsenden,
beherbergt ein Hirtenvolk, ganz einzig in seiner Ein-
fachheit und Frömmigkeit. Himmelauragende Berge,
in deren Schrüuden ewiger Schnee liegt, grüne Matten,
weißschimmernde Dorfkirchen und schäumende Gletscher-
büche bilden die Szenerie. Und in dieser Szenerie
wirken Menschen, wie inan sie kaum irgendwo auf
europäischem Boden wieder findet: riesige prachtvoll
gebaute Männer mit gelocktem Haar und ungeschornem
Bart, Heldengestalten ähnlich aus dem Sagenkreise
des Hugdietrich und des großen Theodorich: alle kraft-
voll und eigenartig, viele bildschön. Hier entstanden
die ergreifenden Bilder „Begräbnis im Passeier" und
„Kinderbegräbnis" (Abb. S. 101); hier jenes Meisterwerk
„Feldandacht Passeirer Hirten", welches dem Künstler die
goldene Medaille einbrachte und in der Berliner National-
gallerie eine Heimstatt gefunden hat. Das Motiv zu
diesem Bilde fand Riefstahl auf der Hochalpe Lazins.
So mächtig wirkten diese Passeirer Bilder im fernen
Norden, daß man um ihretwillen den Künstler zum
Mitglieds der Berliner Akademie wählte.

Seine Vertrautheit mit der Architektur befähigte
Riefstahl auch, ein ganz andres Gebiet zu betreten:
die Architekturmalerei mit großer, charakteristischer und
figurenreicher Staffage. So konnte ihm das Leben in
Tiroler Klöstern mit den scharfgeprügten Physiognomien
der Mönche Veranlassung werden zu dem Bilde „Pro-
zession der Mönche im Kapuzinerkloster zu Meran".
Auch dieses Bild ward mit einer großen goldenen
Medaille ausgezeichnet. Ein Sommeraufenthalt im
Bregenzer Walde, den Riefstahl gegen Ende der sechziger
Jahre einst bis in den November ausdehnte, gab ihm
Gelegenheit, die ergreifende Feier des Allerseelentags
mit anzusehen und in einem Bilde wiederzugeben,
welches sich jetzt in der Berliner Nationalgalerie befindet.
Sichre zur „Taufe in Appenzell", von lv. Riefstahl Einen mächtigen Eindruck machten aber auch im Jahre

1860 aus den Künstler die Münchener Ausstellung jenes
Jahres und das ganze frisch und kraftvoll aufblühende Kunstleben Münchens. Auf jene Eindrücke ist wohl die
viele Jahre später erfolgende Übersiedelung des Künstlers nach München zurückzuführen. Im Jahre 1868 entstand
auch das Bild „Segnung der Alpen", zu welchem das Motiv gleichfalls im Bregenzer Walde zu suchen ist.
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