Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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von rn. Haushofer yy

Aus M. Riesstahls Skizzenbuch

Ein neuer Abschnitt seines Künstlerlebens begann für Riefstahl mit seiner 1869 erfolgten ersten Reise
nach Rom. Das religiöse Treiben des Volkes im Angesichte ernster schwarzer Römerbauten, die malerischen
Brunnen mit ihren Treppen, die hohen finstern Häuser und dunklen Güßchen, und all' das belebt von plasti-
schen farbigen Gestalten voll Würde oder Grazie: es griff üef in die Künstlerseele hinein. Eine Frucht dieser
Anregung war das „Pantheon", das, im Jahre 1872 nach Berlin geschickt, dem Künstler Ruhm und Ehre
brachte und nun in der Dresdener Galerie sich befindet.

Nach seiner Rückkehr aus Rom, im Jahre 1870 übernahm Riefstahl eine Professur an der Kunst-
schule zu Karlsruhe. Drei Jahre später legte er dieses Amt nieder, um abermals eine Studienreise nach Rom
zu machen. Noch einmal, im Jahre 1875, nahm er eine amtliche Stellung an, als Direktor der Karlsruher
Schule. Aber so sehr ihm das aufblühende Kunstinstitut am Herzen lag, fühlte er doch zu sehr, daß seine
Amtspflichten, die er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit erfüllte, seiner eigenen schöpferischen Thätigkeit hindernd
im Wege standen. Es ging ihm sehr zu Herzen, daß er den Dienst des gütigen und liebenswürdigen Fürsten,
der ihn berufen hatte, und daß er die Stadt, in welcher er seine glücklichste Zeit verbracht hatte, verlassen
sollte. So sehr, daß er sich viele Wochen lang in die tiefste Einsamkeit des Montafnner Hochthals zurückzog.
Dort oben, auf der Alpe Maiensäß, reifte in dem Künstler die Idee zu einem seiner merkwürdigsten Bilder,
den „Glaubensboten". In dem gletscherumgürteten Felsenamphitheater des Ganerathals liegt heute noch jener
vom Aberglauben grauer Vorzeit umwehte Opferstein, um welchen Riefstahls künstlerische Phantasie das heid-
nische Bergvolk gruppierte, das in seinem grausen Opfer durch die thalaufwärts eindringenden christlichen
Glaubensboten gestört wird. Das Bild wurde übrigens erst mehrere Jahre, nachdem die Idee dazu entstanden
war, vollendet.

Die Übersiedelung nach München erfolgte im Jahre 1878. Noch zehn Jahre emsigen Schaffens waren
hier dem Künstler vergönnt, allsommerlich unterbrochen durch Studienreisen nach dem Süden. Als fertige ab-
geschlossene Künstlernatur war Riefstahl nach München gekommen; er wußte auch hier seine Originalität zu
wahren. Wie hoch man ihn in München schätzte, geht aus dem Umstande hervor, daß man ihn wiederholt in
die Jury internationaler Kunstausstellungen wählte. Allen Teilnehmern dieser Jury ist es unvergessen, mit
welchem Wohlwollen, mit welcher parteilosen Gerechtigkeit, mit welchem geläuterten Urteile er die Pflichten
dieser Thätigkeit erfüllte.

Riefstahls letztes Bild war die dieses Heft schmückende „Feuerweihe". Er zeigt uns hier den Friedhof einer
Dorfkirche im Alpenlande. Es ist Karsamstag-Morgen; am Karfreitag waren alle Lichter in der Kirche zum Zeichen
der Trauer gelöscht worden; nun segnet der Priester das neu entzündete Feuer, damit an ihm die Kirchenkerzen
wieder angebrannt und Holzscheite entfacht werden, welche die Dorfbewohner brennend auf ihre Felder hinaus-

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