Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Seite: 118
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A. SchclstMltK Traumbild

von Georg Ebers

ch soll etwas von den Künstlern erzähle», mit denen
mich ein gütiges Geschick in Freundschaft verbunden.
Es hat mir lange an Zeit gefehlt, diesen Wunsch Friedrich
Pechts zu erfüllen, und wenn ich mich anschicke, ihm zu
willfahren, erheben sich in mir neue Bedenken; denn die-
jenigen Künstler, denen ich näher gekommen bin, weilen
zum größten Teil, Gott Lob, noch unter den Lebenden,
und es widersteht mir, köstliche Erinnerungen, die ich

Landsknrchk-Fähndrich. von w. Diez

bisher wohl verwahrt hielt, im dunklen Moos treuen
und pietätsvollen Gedenkens an das Sonnenlicht der
Öffentlichkeit zu ziehen. Aber wer das erste halbe Jahr-
hundert seines Daseins überschritten, dessen Blick begegnet
rückwärtsschauend vielen Grabkreuzen an dem durch-
wanderten Wege, und einige, bei denen mein Gedenken
mit besonderer Wehmut verweilt, schmücken freilich auch
den Hügel eines Künstlers. Von meinem Verkehr mit
einem dieser Verstorbenen sollen diese Zeilen dann reden.

Schon seit drei und einem halben Lustrum — er
starb im April 1870 — ruht auf dem Friedhof seiner
schönen, schmucken Vaterstadt „der Haag" ein Maler,
der in den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren

unsers Jahrhunderts für einen der allerersten seines
Faches galt, und dessen Winterlandschaften auch heute
noch von wenigen übertroffen sein möchten: Andreas
Schelfhout.

Als ich ihn kennen lernte, war er ein Siebziger,
aber dabei so frisch und rüstig, daß man dem die 83,
die er erreichte, gern Voraussagen mochte. Im Jahr 1787
war er geboren; aber auf den in schönem inneren Frieden
freudig fortschaffenden stillen und heiteren Greis
schienen die stürmischen, weltbewegenden und herz-
erschütternden Ereignisse seiner Kindheit und Jugend
die erregende Wirkung verfehlt zu haben. Ein
lieberes, friedvolleres Greisengesicht als das seine
ist mir selten wieder begegnet, und die durch nichts
getrübte, wohlige Seelenruhe, die in dem freund-
lichen Blick seiner Hellen Augen lag, hat mir aus
vielen seiner Bilder entgegengeschaut. In seinem
äußeren Dasein gab es ebenfalls wenig Bewegung;
denn er war in seiner lieben holländischen Heimat
sitzen geblieben, und so oft auch die laute Mahnung
der Freunde an ihn herangetreten war, den Wandcr-
stab zu ergreifen, über die Alpen, nach Italien zu
pilgern, um zu Nom, in der Kampagna, am
Mittclmeer seine Anschauungen zu erweitern, neue
Vorstcllungsbilder zu gewinnen, die Sonnenröte
der Natur und lichtere Farbenskalcn als die heimi-
schen kennen zu lernen, so oft hielten ihn der seß-
hafte Sinn und die Liebe zur Scholle in den
Niederlanden zurück. Bis an sein Ende trat von
außen her manche Mahnung an ihn heran, die
Römcrfahrt zu unternehmen, schon früh standen
ihm die Mittel für eine solche zu Gebote, doch er
blieb unbeweglich, und Trägheit Ivar es gewiß
nicht, die ihn znrückhielt; denn in Holland und
Geldcrland wanderte er rüstig genug umher, um
nach Stoffen zu suchen, und mancher seiner schönen
Winterlandschaftcn zu Gefallen hat er Frost und
Unbequemlichkeiten willig ertragen.

Noch gedenke ich der Stunden, die es mir
vergönnt war, mit dem prächtigen Greise zu ver-
plaudern, der lebhaft, klug und mit äußerst sym-
pathischer Stimme zu reden verstand, und was er
sagte, zeigte sehr bestimmt, daß sich die Sehnsucht
nur sehr leise in ihm regte, welche sonst den nor-
dischen Künstler so mächtig nach Italien hinzieht.
Er glaubte, dies Land aus Gemälden und Schil-
derungen genau genug zu kennen, und während er die
heimische Natur mit ihren Matten und Wiesen, ihren
Wäldern und Dünen, ihrem wcchselvollem Himmel und
ihrer gewaltigen See für malerisch im höchsten Grade hielt,
sprach er der italienischen wie jeder Landschaft des Südens
diese Eigenschaft ab. Seinem ruhigen, wahren, feinfühligem
Wesen widerstrebte alles Übertriebene und jeder Super-
lativus. In der niederländischen Natur sagte er, sei alles
maßvoll und darum geschickt für die künstlerische Behand-
lung, und wenn irgendwo, so finde der Landschaftsmaler
in Holland Gelegenheit, die höchsten Ziele seiner Kunst
zu erreichen. Über diese und das Wesen war er sich
völlig klar, und er verstand seine festen Ansichten, das
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