Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Page: 129
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kfa1888_1889/0171
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
IV. Jahrgang, tzcfr 9

i. Februar 1889

>» tzerau^gegeüen von Friedrich Recht -<

.Die Kunst für Alle" erscheint in halbmonatlichen Heften von 2 Bogen reich illustrierten Textes und 4 Bilderbeilagen in Umschlag geh. Abonnementspreiz im
Buchhandel oder durch die Post (Reichspostverzeichnis Nr. 3259, bahr. Verzeichnis 4lS) S Mark 60 Ps. für das Vierteljahr (6 Hefte); das einzelne Hest 7S Pf. —
Inserate (nur durch R, Masse) die viergespaltene Nonpareillezeile so Pf. 42,000 Beilagen 72 Mark, bei größerem Format oder Umfang Preisaufschlag.

Aber die Ähnlichkeit Kon Bildnissen

von woljgang Rirchbach

Sludirnkoxf. von L. Rickelt



»or mir liegen sechs Lichtabbilder eines
Freundes, welche bei verschiedenen Photo-
graphen etwa in einem Zeitraum von drei Jahren
angefertigt wurden. Das ist ein Zeitabschnitt,
in dem eine so große Veränderung des Menschen
und seiner Erscheinung im ganzen nicht beobachtet
wird, daß man jemanden, den man in dieser
Zeit sieht, nicht mit großer Bestimmtheit wieder-
erkennen würde. Aber wenn jemals ein berühmtes
Wort Goethes galt, so ist es gegenüber diesen
sechs Bildnissen aus der Dunkelkammer wahr :

Du nun selbst! Mas felsenfeste
Sich vor dir hervorgetan,

Mauern siehst du, siehst Paläste
Stets mit andern Augen an.
lveggeschwundcn ist die Lippe,

Die im Kusse sonst genas,

Jener Fuß. der an der Klippe
Sich mit Gemsenfreche maß.

Jene Hand, die gern und milde
Sich bewegte wohlzuthun,

Das gegliederte Gebilde,

Alles ist ein Andres nun.

Und was sich an jener Stelle
Run mit deinem Namen nennt,

Kam herbei wie eine Welle-
Und so eilt's zum Element.

Gegenüber diesen sechs Bildnissen ist es so
auffällig, daß man thatsächlich sechs vollständig
verschiedene Menschen zu sehen glaubt. Äußer-
lichkeiten kommen hinzu. Das eine Mal steht
der Betreffende da im Soldatenrock mit der
Pickelhaube auf dem Kopf ohne einen Klemmer auf der Nase; das andre Mal hat er den feinen Schnurr-
bart des flotten Soldaten rasiert, Kinn und Oberlippe sind nackt, er hält augenscheinlich die Zähne auf-
einandergedrückt, so daß sich an der Kieferecke unter dem Ohr das bekannte Mnskelspiel zeigt; der Klemmer
sitzt über der scharfgeschnittenen Adlernase: man glaubt einen Schauspieler von einer Vorstadtbühne zu
sehen. Auch das Auge scheint jene ablehnende, falsche, schauspielerische Vornehmheit auszusprechen. Eine
dritte Aufnahme, welche in Neapel unter den Luft- und Lichtverhältnissen des Südens angefertigl wurde, macht

Dt- Kunst für All- IV

(r
loading ...